So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Margaret Thatcher

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25 Jahre nach Ende des letzten Kalten Krieges marschiert die Fünfte Kolonne Moskaus wieder durch die deutschen Medien und fördert dabei ungeahnte Qualitäten zu Tage.

In Deutschland gibt es viele Mitmenschen, die mit Begeisterung über jedes anti-amerikanische Stöckchen springen und klammheimlich bewundernd zu jedem starken Mann aufschauen, der sich auf internationaler Bühne etwas traut. Das ist bedauerlich, denn mit beidem ist es ihnen so ernst, dass ihr ohnehin nicht stark ausgeprägter Sinn für Satire beim Studium von Debattenbeiträgen wie dem von Ivan Rodionov komplett überlagert wird. Es kann sich bei letzterem einfach nur um Satire handeln, da eine derartige Verkettung von faktisch, logisch und moralisch unhaltbaren Fragmenten nicht ernst gemeint sein kann. Im Folgenden soll daher eine Würdigung dieses verkannten großen humoristischen Werks unserer Gegenwart erfolgen.

Das Einfache kompliziert aussehen lassen

Schon der erste Absatz, die erste Zeile entzünden das Feuerwerk, denn in der Realität würde, nein, dürfte sich ein medialer Vertreter eines Landes, das es als notwendig erachtet, sich per Gesetz gegen homosexuelle Propaganda zu schützen, nie über im Ausland vermeintlich erkannte Verschwörungstheorien ereifern. Etwas sanfter wird anschließend nur mit einem Augenzwinkern behauptet, man habe die russischen Truppenverlegungen auf die Krim schließlich nicht nachweisen können, was mit gerechtfertigter Erheiterung an die mit Gewalt am Zugang zur Krim gehinderten OSZE-Beobachter denken lässt, die nun gerade durch ihre Abweisung nachgewiesen haben, dass sich auf der Krim allerlei tut, was der Weltöffentlichkeit besser verborgen bleiben sollte.

Wie gute Satire es tun sollte, legt sie den Finger dann jedoch tief in die Wunde und fragt, wie unsere Politiker sich so naiv, aufgeblasen und töricht verhalten und Putin zu einem Einmarsch auf die Krim geradezu einladen konnten? Der Witz dabei rührt daher, das Einfache kompliziert aussehen zu lassen, indem man es in ein kunstvolles westliches Verschwörungskonzept einbaut. Der ein oder andere Leser lächelt dagegen schon intuitiv, denn er kennt die wahre Antwort längst: Unsere Politiker haben sich naiv, aufgeblasen und töricht verhalten, weil sie naiv, aufgeblasen und töricht sind. Denn wären sie es nicht, hätten sie Putin im Zuge der Revolution ja schließlich zu einem Gespräch am Runden Tisch eingeladen, ihm die militärische Neutralisierung der Ukraine, den fortgesetzten gehobenen Status der russischen Sprache, sowie die Garantie des Vertrags über den russischen Hafen in Sewastopol angeboten. Dann hätte Putin dieses Angebot entweder zähneknirschend akzeptieren, oder ohne jegliche vorgeschobene moralische Begründung in die Ukraine einfallen müssen. Nun aber haben sie es geschafft, dass Putin im Ausland Verständnis, nicht selten sogar Bewunderung widerfährt. Wenn das nicht zum Lachen ist.

Da verstehen die Deutschen keinen Spaß

Selbstironie zeugt bekanntlich von einem gesunden Bewusstsein der eigenen kleinen Unzulänglichkeiten, weshalb es auch nicht überrascht, sie in Rodionovs Gegenrede immer wieder anzutreffen, so zum Beispiel bei der Forderung an den Westen nach „ein bißchen Logik“ im Fall von Janukowitschs Absetzung und Flucht. Die Logik hinter Janukowitschs Flucht aus der Ukraine ist in realiter natürlich genauso einfach wie die hinter der Flucht Ben Alis aus Tunesien und der Erich Honeckers aus Deutschland. Stattdessen soll wohl auf die offene Frage angespielt werden, warum Janukowitsch auch noch aus dem Osten der Ukraine nach Russland geflohen ist, wenn eben dieser Osten doch so russlandaffin ist und den Beistand der russischen Brüder kaum noch erwarten kann, wie es uns die russischen Medien erzählen?

Etwas nachgebessert werden muss auch bei der scherzhaft gemeinten Theorie von den Interessen amerikanischer Rüstungsunternehmen im Konflikt um die Ukraine, denn erstens stimuliert sie den anti-amerikanischen Reflex, bei dem die Deutschen keinen Spaß verstehen, zu vorhersehbar und zweitens bricht sie auch schon beim Gedanken an die russischen Rüstungsunternehmen, die ihrem Land immerhin zu Platz zwei auf der Weltrangliste der Waffenexporteure verholfen haben und sich gerade ebenfalls über Milliardenprogramme zur atomaren Nachrüstung freuen, in sich zusammen, bevor man wirkliches Vergnügen an ihr finden konnte.

Russland hält weitere lupenreine Demokraten bei der Stange

Vollkommen logisch in Anbetracht des satirischen Charakters ist dagegen die Klassifizierung des Verhaltens des Westens als „scheinheilig“, denn wie müsste diese Anklage bei ernster Betrachtung mit doppeltem und dreifachem Gewicht auf Russland zurückfallen, wenn es doch gerade eine verfassungswidrige Volksabstimmung auf der Krim hat durchführen lassen, wenn es Faschismus in der Ukraine beklagt, von dem die dortigen Juden nichts wissen wollen, gleichzeitig aber mit Weißrusslands Diktator Lukaschenko und Syriens Diktator Assad zwei weitere lupenreine Demokraten bei der Stange hält, den Antisemitismus in seinen eigenen Grenzen aufblühen lässt und die Antisemiten im Iran mit Nukleartechnologie ausstattet?

Satire ist schließlich besonders gut, wenn sie die Realität so dermaßen überspitzen kann, dass man sich auch als geübter Leser immer wieder darüber klar werden muss, was Übertreibung und was Tatsache ist. Dass die Ermittlungen zu den Scharfschützen auf dem Maidan ergebnislos untergegangen sind, ist insofern eine vorauseilende Übertreibung, denn tatsächlich laufen die Ermittlungen noch und nicht unbedingt in die Richtung, die sich mancher einer wünscht. Es bleibt abzuwarten, ob von den Ergebnissen in den für ihre Staatsferne bekannten russischen Medien viel zu hören sein wird, sollten sie nicht auf von EU und CIA bezahlte Profikiller hindeuten.

Satire ist dann am besten, wenn sie über die Aufzählung der vielen Fehler des Westens und der neuen ukrainischen Regierung fast vergessen lässt, dass Russland immer noch ganz am unteren Ende der Liste derjenigen steht, die ein Interesse am Ziel einer geeinten, freien und demokratischen Ukraine haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Umland, Andreas Umland, Andreas Umland.

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