Wir sind mehr als nur Bewusstsein

von Andrea Kamphuis10.01.2011Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wir waren nie freier als heute – nicht trotz, sondern wegen des neuronalen Determinismus. Denn: Wir sind mehr als nur Bewusstsein.

Die zehn Lebensjahre, die ich Alexander Görlach voraushabe, muss ich überwiegend in Restaurants zugebracht haben. Die Frage “Erst den Rotweinrest trinken oder vorher den Espresso?“, von der er “in seinem Beitrag(Link) e über den freien Willen berichtet, ist mir jedenfalls sehr vertraut. Ich habe mich stets entschieden wie er, ohne meine Wahl zum Ausdruck der menschlichen Freiheit und des Widerstands gegen eine neue Religion“ zu überhöhen. Schwerer als die Ermittlung der optimalen Genussmittelabfolge fiel mir in jungen Jahren etwas anderes: Bei der Lektüre des 1 beschrieben.) Nur dank der lückenlosen Kausalketten, deren bislang verborgene Glieder die Neurowissenschaften sichtbar zu machen versuchen, können wir die Konsequenzen unseres Handelns antizipieren und somit Verantwortung übernehmen. Wenn Görlach den Neurologen die Botschaft unterstellt, wir seien nicht für unser Tun verantwortlich, baut er also einen Popanz auf – genau wie mit der Behauptung, im Suchen der Neurologen drücke sich Unbehagen an der menschlichen Natur aus. Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein, doch muss er sie deshalb als Hohepriester“ schmähen? Nachvollziehbar wäre das noch, wenn er sich auf Hardliner wie Gerhard Roth bezöge, die dem Gehirn Gedanken, Wahrnehmungen und Entscheidungen zuschreiben.

Ich bin mehr als mein Bewusstsein

Aber , dessen Versuche s die jüngste feuilletonistische Erregungswelle in Sachen freier Wille ausgelöst haben, hütet sich vor jedem Pars-pro-Toto-Fehlschluss , spricht also weder dem Gehirn noch dem Bewusstsein Fähigkeiten zu, die tatsächlich das Ich als Ganzes hat. Dass meine Entscheidungen vorbereitet werden, bevor mein Bewusstsein sie registriert, entmachtet mich nicht und entlässt mich auch nicht aus der Verantwortung. Denn ich bin mein Bewusstsein und mein Unbewusstes, mein Gehirn und mein Leib mit all seinen Sinnesorganen, der Entscheidungsalgorithmus und die Datenbank, auf die er zugreift. Jede Erfahrung macht die Datenbank reicher, den Algorithmus präziser – und mich im Engels’schen Sinne freier. Görlach hat recht: Erlebtes und Beobachtetes, Reflexionen und Gespräche verändern unsere Codierung. Es sind jedoch nicht neue, sondern die alten Hohepriester – Geisteswissenschaftler, die nicht vom Dualismus und Indeterminismus lassen wollen –, gegen die wir diese Erkenntnis verteidigen müssen.

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