Niemand kann mich zwingen, meine Ermittlungen zu stoppen. Niemand. Luis Moreno Ocampo

Wir sind mehr als nur Bewusstsein

Wir waren nie freier als heute – nicht trotz, sondern wegen des neuronalen Determinismus. Denn: Wir sind mehr als nur Bewusstsein.

Die zehn Lebensjahre, die ich Alexander Görlach voraushabe, muss ich überwiegend in Restaurants zugebracht haben. Die Frage "Erst den Rotweinrest trinken oder vorher den Espresso?“, von der er in seinem Beitrag über den freien Willen berichtet, ist mir jedenfalls sehr vertraut. Ich habe mich stets entschieden wie er, ohne meine Wahl zum Ausdruck der menschlichen Freiheit und des Widerstands gegen eine "neue Religion“ zu überhöhen.

Schwerer als die Ermittlung der optimalen Genussmittelabfolge fiel mir in jungen Jahren etwas anderes: Bei der Lektüre des "Anti-Dühring“ stieß ich auf Friedrich Engels’ Diktum von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit. Dass die Unterordnung unter Zwänge uns freier macht, wollte mir nicht gleich einleuchten, aber irgendwann verstand ich die Dialektik: "Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen … Freiheit des Willens heißt daher nichts anderes als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein.“

Keine Verantwortung ohne Einsicht in Kausalzusammenhänge

Unsere biologische und kulturelle Evolution hat uns mit einem Rückkopplungssystem ausgestattet, das uns zur Reflexion befähigt. (Wie es funktioniert, habe ich an anderer Stelle beschrieben.) Nur dank der lückenlosen Kausalketten, deren bislang verborgene Glieder die Neurowissenschaften sichtbar zu machen versuchen, können wir die Konsequenzen unseres Handelns antizipieren und somit Verantwortung übernehmen.

Wenn Görlach den Neurologen die Botschaft unterstellt, wir seien nicht für unser Tun verantwortlich, baut er also einen Popanz auf – genau wie mit der Behauptung, im Suchen der Neurologen drücke sich Unbehagen an der menschlichen Natur aus. Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein, doch muss er sie deshalb als "Hohepriester“ schmähen? Nachvollziehbar wäre das noch, wenn er sich auf Hardliner wie Gerhard Roth bezöge, die dem Gehirn Gedanken, Wahrnehmungen und Entscheidungen zuschreiben.

Ich bin mehr als mein Bewusstsein

Aber John-Dylan Haynes, dessen Versuche die jüngste feuilletonistische Erregungswelle in Sachen freier Wille ausgelöst haben, hütet sich vor jedem Pars-pro-Toto-Fehlschluss, spricht also weder dem Gehirn noch dem Bewusstsein Fähigkeiten zu, die tatsächlich das Ich als Ganzes hat. Dass meine Entscheidungen vorbereitet werden, bevor mein Bewusstsein sie registriert, entmachtet mich nicht und entlässt mich auch nicht aus der Verantwortung. Denn ich bin mein Bewusstsein und mein Unbewusstes, mein Gehirn und mein Leib mit all seinen Sinnesorganen, der Entscheidungsalgorithmus und die Datenbank, auf die er zugreift. Jede Erfahrung macht die Datenbank reicher, den Algorithmus präziser – und mich im Engels’schen Sinne freier.

Görlach hat recht: Erlebtes und Beobachtetes, Reflexionen und Gespräche verändern unsere Codierung. Es sind jedoch nicht neue, sondern die alten Hohepriester – Geisteswissenschaftler, die nicht vom Dualismus und Indeterminismus lassen wollen –, gegen die wir diese Erkenntnis verteidigen müssen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Udo Di Fabio, Stephan Grätzel, Gerhard Roth.

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