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Die Wir-AG

Freiheit und Disziplin schließen sich nicht aus. Wenn in Familien ein Vertrauensverhältnis entsteht, können Kinder Regeln akzeptieren – dazu bedarf es keiner gewieften chinesischen Umerziehungstricks.

Mich erstaunt äußerst, dass als Gegenpol zu Disziplin, Regeln und Strukturen stets die Freiheit genannt wird, als ob es inkompatible Dinge wären. Auch erstaunt mich, dass sobald von freien Kindern die Rede ist, man an laissez-faire-Kinder denkt, als ob solche Kinder frei wären. Und wenn sie es wären, als ob nur sie frei wären!

Das ist für mich gerade der springende Punkt: Niemand hat heute wirkliche, persönliche Erfahrung mit einem wahrhaftig freien, in seiner Natur respektierten Kind. Niemand weiß aus erster Hand, wie so ein Kind in unserer Gesellschaft aussieht.

Deshalb berichte ich gerne von meiner Geschichte, denn ich war so ein Kind. Ich war nie in der Schule. Ich wurde nie unterrichtet, nie von meinen Interessen und Prozessen abgelenkt. Und bei uns gab es klare Regeln und feste Strukturen.

Das Gefühl der Sicherheit

Die persönlichen Regeln: dass ich jeden Tag um sechs Uhr aufstehe, um zu üben, dass es keinen Tag gibt, an dem ich nicht schreibe, oder dass ich Sprachen jeweils unmittelbar nach dem Frühstück lernte.

Die familiären Regeln, die Teil sind von den Entscheidungen, die Eltern für ihre Kinder treffen, und deren Gesamtheit, die Farben, die Gerüche, den Geschmack des jeweiligen Umfelds, in dem das Kind heranwächst, bestimmen und seine Herkunft, sein Zuhause, sein Gefühl der Geborgenheit, seine Kindheitserinnerungen und seine späteren Vorlieben als Erwachsener definieren: dass es feste Zeiten gab, dass wir zusammen aßen, dass während des Essens nicht aufgestanden wurde usw.

Drittens die gesellschaftlichen Regeln: dass man rechts fährt, dass eine Lesung oder ein Kurs am Mittwoch um 14 Uhr stattfindet, und dass es keinen Sinn hat, dort am Sonntag um vier aufzutauchen …

Das Gefühl der Sicherheit wurzelte in diesem Gerüst und in dem totalen Vertrauen, das ich in meine Eltern hatte. Wenn einer von ihnen Nein sagte, wusste ich, dass es einen guten Grund dafür gab. Ein Nein bewirkte keine Tränen und kein Toben, und mein Gehorsam war kein Akt der Unterwerfung, sondern eine natürliche Folge des gegenseitigen Vertrauens.

Erfolg ist eine Folge von Kompetenz

Meine Eltern haben mich nicht ständig mit zu treffenden Entscheidungen verwirrt. Zum Beispiel war es wunderschön, dass jeden Abend um dieselbe Zeit ins Bett gegangen wurde. Genauso wie die Geschichte, die ich immer wieder hören wollte, war diese Regelmäßigkeit von entscheidender Wichtigkeit, sie war (neben dem Gute-Nacht-Kuss, der bestimmten Mohairdecke und der Position eines gewissen Plüschtiers) ein unentbehrliches Element vom Schlafritual, dank welchem das Einschlafen ein wünschenswerter Genussmoment war. Die gut gemeinte Frage „Willst Du jetzt ins Bett?“ hätte mir die Qual des Erwägenmüssens bereitet und mich in einen friedensvernichtenden Zustand der Ungewissheit versetzt.

Meine Eltern haben nicht versucht, irgendeine Theorie, eine Idee, eine Hypothese zu verwirklichen, sie haben weder die chinesische noch die Laisser-faire- noch die Homeschooling-Methode umgesetzt, sondern gar keine Methode! Wir wurden nicht zum Erfolg gedrillt, denn Erfolg ist bei uns nicht ein Ziel, sondern eine Folge von der Kompetenz.

Entgegengesetzt zu der üblichen Gewohnheit, in den Fächern, in denen man nicht gut ist, viel zu üben, um einigermaßen den Durchschnitt zu erreichen, habe ich immer über die Freiheit und die Zeit verfügt, mich in den Bereichen zu vertiefen, in denen ich aus brennendem Interesse gut war, um darin noch besser, noch kompetenter zu werden. Gerade die Bereiche, in denen ich heute erfolgreich bin.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Florian A. Hartjen, Adrian Sonder.

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