Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Kompetenz geht über Qualifikation

André Stern hat nie die Schulbank gedrückt – heute ist er glücklich und zufrieden, denn er übt den Beruf aus, den er liebt. Stern ist das beste Beispiel dafür, dass man auch abseits des klassischen Bildungssystems Erfolg haben kann.

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Ich war nie in der Schule. Ich wuchs in einem kosmopolitischen, sozial realen Umfeld auf und habe von Anfang an die Erfahrung gemacht, dass Verschiedenartigkeit wünschenswert ist.

Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, habe ich nicht, und zwar aus zwei Gründen:
Erstens war ich ein sehr glückliches Kind, das immer in seinen Rhythmen und Interessen respektiert wurde – und bin es noch immer. Und zweitens habe ich mich nie mit anderen verglichen. Das tue ich heute noch immer nicht. Mich erstaunt die kurzsichtige, materialistische Gewohnheit, die Vorteile einer Wahl ausmachen zu wollen, um ihre Rentabilität berechnen zu können. Diese Haltung verleitet dazu, gewisse Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn sie von einer größeren Zahl Vorteilen kompensiert werden, und lässt außer Acht, dass der Begriff „Vorteil“ selbst nicht universell ist.

Ich habe mich im Verhältnis zu den „Vorteilen“ der anderen niemals in einer Position der Schwäche gefühlt, ebenso wenig, wie ich Überlegenheit gegenüber anderen im Hinblick auf meine „Vorteile“ empfand.

Studenten sitzen in Gewächshäusern, ehe sie in die Realität umgetopft werden

Im Laufe meiner Kindheit und bisherigen beruflichen Laufbahn bin ich auf keine Nachteile oder Hindernisse gestoßen. Soweit ich zurückdenken kann, erinnere ich mich nicht an ein einziges negatives Ereignis, das man auf den Umstand zurückführen könnte, keine Schule besucht zu haben. Ich empfand keinerlei Schwierigkeit dabei, mich „in die Gesellschaft zu integrieren“. Ich habe auch nie das Bedürfnis gehabt, da ich nie außerhalb der Gesellschaft stand. Sind es nicht die Studenten, die in Gewächshäusern bewirtschaftet werden und dann eines schönen Tages in die Realität umgetopft werden?

Ich habe immer über so viel Zeit verfügt, wie ich benötigte, um mich in gewisse Gebiete zu vertiefen. Zum Beispiel konnte ich aus Leidenschaft täglich sechs oder sieben Stunden lang Deutsch lernen und musste mich nicht nach 45 Minuten anderen Fächern widmen. Diese Konzentration führte automatisch zu einer großen Kompetenz in den jeweiligen Materien. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass keiner der Berufe oder Posten, die ich anstrebte, mir versagt wurde. Meine Kompetenz in dem jeweiligen Fachgebiet öffnete mir die Türen. Der entscheidende Schlüssel im realen Berufsalltag, den jeder aus der Praxis kennt und dort niemand bestreiten wird, ist dieser: Kompetenz geht über Qualifikation.

In den Strukturen, in denen ich arbeitete, habe ich nach einiger Zeit oftmals leitende Positionen eingenommen. Nicht aus einem Karrierestreben heraus, nicht aus Ehrgeiz, sondern weil meine Haltung, mein Einsatz, mein zwangsläufig aufrichtiges Engagement – ich habe mich nie irgendwo aus Versehen wiedergefunden, sondern immer aus Passion – und eben die erwähnte Kompetenz, die ich an den Tag legte, mich ganz selbstverständlich dorthin führten.

Plädoyer für mehr Freiheit

Allen Unkenrufen zum Trotz hat mich der Umstand, keine staatlichen Abschlüsse zu besitzen, niemals behindert. Eine entscheidende Feststellung, nicht wahr? Ich erzähle meine Geschichte nur, damit möglichst viele Menschen davon hören, dass es nicht stimmt, dass jemand, der nicht in die Schule geht, zwangsläufig Analphabet, asozial und arbeitslos wird. Ich will keinesfalls missionieren, aber möchte davon berichten, dass es mehr gibt als die vermeintliche Alternativenlosigkeit, die heute herrscht. An meiner Geschichte kann man sehen, dass sämtliche Vorurteile nicht stimmen. Unser Denken ist eingeschränkt und ich wünsche uns mehr Freiheit. Mein Plädoyer, sofern es eines gibt, ist ein Plädoyer für mehr Freiheit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Lätzel, Helmut Anheier, Stephan Jansen.

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