Eine Regierung, die alle Bürger verdächtigt, sollte abtreten und sich ein anderes Volk suchen. Volker Beck

Moderne Trümmerfrauen

Die unabhängige, ewige Singlefrau von heute hat sich dank Social Freezing und einem eigens konzipierten Lebensmodell eine neue Form der Unabhängigkeit kreiert. Doch wie lange hält das Glück an?

Selbstbewusst, besserverdienend, perfekt organisiert – die moderne Singlefrau ist alles andere als bemitleidenswert. Während noch vor ein paar Jahren die innere Uhr ab dem dreißigsten Lebensjahr immer lauter tickte, scheint sie nun verstummt. Das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben, hat die sogenannte moderne Trümmerfrau für viele Bereiche des Lebens gepachtet. Das Social Freezing scheint geradezu für sie erfunden worden zu sein, passt es doch bestens in ihr eigens kreiertes Lebenskonzept. Alles geplant, alles an seinem Platz, alles zu seiner Zeit. Komme was wolle, sei es auch der Partner fürs Leben.

Rosafarbene Mädchenträume

Kaum ein Mann vermag dieser Frau das Wasser zu reichen, finanziell und auch, was den Horizont betrifft. Dies zumindest ist im Trümmerfrauen-Kopf manifestiert, wie das Fundament im Erdboden eines Neubaus. Sie scheint sich ein bestens durchdachtes Raster angelegt zu haben. Der perfekte Mann reitet nicht wie in rosafarbenen Mädchenträumen plötzlich auf einem weißen Schimmel daher, sondern tritt auf Bestellung ins Leben. Eben genau dann, wenn es der Trümmerfrau passt – und das ist in ihrem Fall seltener, als man denkt.

Nicht umsonst genehmigt sie sich lieber einen leichten Flirt für zwischendurch, unbefangen, unkompliziert. In ihrem Universum dreht sich alles um sie selbst, ihre Karriere und Ziele. Während man früher Singlefrauen um die dreißig für ihre ach so große Einsamkeit bitter bedauerte und sie nur ungern zu Pärchen-Abenden einlud, sind sie heute der Top-Unterhalter auf einer solchen Veranstaltung. Man könnte gar behaupten, dass sie für ihren Status mehr Bewunderung erhalten als eine frisch gebackene Ehefrau und Mutter im verflixten siebten Beziehungsjahr.

Heute hat die Frau die Hosen an

Doch woran liegt es nur, dass sich die Ansichten der Gesellschaft verschoben haben, alte „Gesetze der Menschheit“ nicht mehr gelten? Hängt es mit der wachsenden Emanzipation der Frau zusammen, ihrer hart erkämpften Unabhängigkeit, das versprühte „Ich schaffe mir mein eigenes Glück, dafür brauche ich keinen Mann“?

Oder liegt es vielleicht an den Männern, den ewigen Kindern, die selbst mit 40 noch zu unreif für eine feste Partnerschaft sind, dass eine Trümmerfrau der Moderne sich ihrem Schicksal fügen muss? Hat sie gar keine andere Wahl? Während Mann damals noch das Alphatier in Beruf und Privatleben markierte, ist es heute nicht selten die Frau, die die Hosen an hat. Übertragen auf das Single-Leben macht genau dieses neue Frauenbild den Männern vor allem eins: Angst. Denn was hat er ihr schon zu bieten außer rudimentären Dingen wie Beschützerinstinkt und Geborgenheit? Sie kann für sich selbst sorgen, ihn sogar oft mit ernähren. Eine Tatsache, die vielen Männern gar nicht schmecken mag.

Eine Runde Mitleid

Doch warum soll dieser Drang der Selbstverwirklichung, dem eine moderne Frau nachgeht, sie davon abhalten, einen Mann fürs Leben zu finden? Untergräbt sie damit nicht wieder ihre hart erkämpfte Unabhängigkeit, indem sie sich einem neuen Rollenbild unterordnet? Warum sollten Karriere und selbst gesteckte Ziele die Zweisamkeit zwischen Mann und Frau behindern? Sind wir so oberflächlich geworden, dass es immer weniger auf die ach so betonten „inneren Werte“ ankommt?

Eine Beziehung besteht nicht nur aus steckbriefartigen Personenbeschreibungen. Sie: gut verdienende Senior Marketing Managerin in einem Hundertmann-Betrieb. Er: ein ebenso gut verdienender CEO eines Start-ups. Ein Date läuft nicht nach dem Schema: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Meiner Meinung nach haben sowohl die sogenannte Trümmerfrau der Moderne als auch der ewige Kindskopf eine Runde Mitleid verdient. Gefangen in ihrer engstirnigen Denkweise mit Tunnelblick, bemerken sie nicht einander und verpassen vielleicht das, worauf sie insgeheim warten: einen Partner, dem sie vertrauen können, zu dem sie sich hingezogen fühlen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alissia Passia: „Alles wird für etwas gut sein“

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