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Mehr Feind als Freund

Fröhliche Schwätzchen über Männer und wilde Bettgeschichten – so suggerieren uns Serien wie „Sex and the City“ die Freundschaft zwischen Frauen. Doch der Realität fehlt es oftmals an Leichtigkeit.

Zu Grundschulzeiten hatte ich eine beste Freundin namens Anja. Wenn sie beim Schulfest das Bärenkostüm, das ich mir bereits gesichert hatte, anziehen wollte, dann übergab ich es ihr, wenn auch schweren Herzens. Sie war schließlich meine Freundin. Mit den Jahren ging auch Anja und es folgten ihr andere, die ich beste Freundin nannte.

Ein Begriff, der mit der Zeit immer mehr an Bedeutung gewann. Was ist eigentlich eine Freundin? Eine Person, die immer für mich da ist? Der ich bedingungslos Vertrauen schenken kann? Oder die Person, bei der mich beim Telefonat nach jahrelanger Funkstille das Gefühl überkommt, wir hätten erst gestern miteinander gesprochen?

Lückenbüßer, Seelentröster, das offene Ohr

Je älter wir werden, desto größer scheint der Begriff Freundschaft zu sein. Früher machte ich mir keine Gedanken darüber, wie meine beste Freundin sein sollte. Sie war einfach da und ging irgendwann wieder. Heute suche ich nach der Idealbesetzung. Nach einer Beziehung, die nicht von einseitiger Natur ist, in die nicht nur ich investiere. Eine Person, der ich Vertrauen schenken kann, und die nicht das Geheimnis als brandheiße News im Bekanntenkreis herumerzählt oder dem Schwarm schöne Augen macht.

Man selbst ist in der Rolle der Freundin oft vieles – Lückenbüßer, Seelentröster, das offene Ohr oder einfach der Papierkorb, der Motivator, der Unterhalter.

Doch muss eine Freundin wirklich bei all diesen Punkten zu 100 Prozent parieren? Viele umgehen dieses „Problem“, indem sie sich die jeweiligen Freunde für verschiedene Lebenslagen zusammensuchen. Die einen für die Liebesangelegenheiten, die anderen für den Job und die nächsten für oberflächliches Geplänkel. Wie eine kleine, fein säuberlich sortierte Gruppe, deren Teilnehmer nach Lust, Laune und Problematik kontaktiert werden können. So kompliziert wie dieses „Verfahren“ zu sein scheint, so einfach ist es jedoch heutzutage, eine Freundschaft zu beenden.

Zwischen ignorieren und Verrat
  • Methode eins: Totstellen. Was man sonst von Beziehungsdramen kennt, wird gern von Frauen praktiziert, die schnell einen Schlussstrich unter das Thema Freundschaft ziehen möchten. Völlige Ignoranz. E-Mails, SMS, Whatsapp-Nachrichten werden rigoros mit Nichtbeantwortung gestraft und auch bei persönlichen Begegnungen scheint es so, als habe man sich nie gekannt. Sich schnell aus der Affäre ziehen, ohne nervige Diskussionen führen zu müssen. Bequem und für die Ignorierende einfach, für die Ignorierte respektlos und unfair.
  • Methode zwei: Schleichender Tot. Eine etwas abgewandelte Form der ersten Methode. Auf den ersten Blick die etwas sanftere, jedoch grob betrachtet auch nicht minder faire Variante. „Keine Zeit“ ist hier die oft genutzte Ausrede, wenn die plötzlich unerträgliche bessere Frauenhälfte zum nächsten Treffen aufruft. In der Hoffnung, dass diese es irgendwann mal kapieren wird und ihre Kontaktversuche einstellt, wird sie immer und immer wieder vertröstet.
  • Methode drei: Verrat. So manche Frauenfreundschaft endete schon mit einer herben Enttäuschung. Sei es das weitergeplapperte Geheimnis, das Anfreunden mit der ungeliebten Kollegin oder das Anmachen des Freundes. Gerne folgt hiernach ein Racheakt erster Güte und aus Freundin wird plötzlich Feindin.
  • Methode 4: Du nervst mich. Ja, solch direkte Äußerungen haben bereits Freundschaften beendet. Meist erfährt man dadurch, dass die hoch gelobte Verbindung vor allem eins war: einseitig. Es zeigt aber vor allem, dass viele mit unterschiedlichen Erwartungen in eine Freundschaft gehen.
Ungeschriebene Regeln, die Frauen gerne aufstellen

Wenn ich jemandem begegne, der mir wohlgesonnen ist, suche ich oft den Kontakt. Was manche als Zeichen meiner Sympathie ansehen, haben schon welche als lästig empfunden. Geradeheraus zu sagen, was ich denke und empfinde, löst ebenfalls gerne mal schieres Entsetzen aus. Und da sind sie wieder, die unterschiedlichen Erwartungen.

Doch neben diesen sind es auch ungeschriebene Regeln, die Frauen aufstellen. Eine schlanke Frau darf niemals über ihre Figurprobleme reden, das macht sie unsympathisch. Und nur als Lückenfüller herzuhalten, wenn der Freund gerade mal wieder „scheiße“ ist, ist einer Freundin auch irgendwann zuwider.

Ich erwarte von einer Freundin eigentlich vor allem eins: Ehrlichkeit. Genau das ist auch der Grund, warum ich nach einem Streit das Gespräch suche, auch wenn sich die Gegenseite für Methode eins, das Totschweigen, entschlossen hat. Die ideale Freundin für „jederfrau“ scheint es nicht zu geben. Und so lege auch ich wieder eine Freundschaft ad acta, in die ich viel Zeit, Geduld und vor allem jede Menge falscher Erwartungen investiert habe.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alissia Passia: „Alles wird für etwas gut sein“

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