Die apathische Gesellschaft

Alissia Passia12.01.2015Gesellschaft & Kultur

Ob lautes Telefonieren in der U-Bahn oder penetrante Fahrradfahrer auf dem Fußgängerweg – die meisten Menschen zeigen sich übertrieben tolerant. Unsere Kolumnistin ist lieber Spielverderberin.

Ein Mann sitzt in der U-Bahn und dreht die Musik laut auf. Erster Gedanke: „Geht’s dem noch gut?!“ Doch die Frau neben ihm, sichtlich genervt, übt sich in der Kontrolle ihrer Mimik, das junge Paar gegenüber scheint Gefallen an den schrillen Klängen und dem nicht minder klingenden Gesang des Herrn zu finden. Verschiedenste Reaktionen zeichnen sich in den Gesichtern der Fahrgäste ab. Aber eben nur dort.

Warum schon etwas sagen, man ist ja nicht so. Oder warum fühlt sich niemand nach einem mehrstündigen Arbeitstag dazu berufen, den Herrn auf sein Fehlverhalten hinzuweisen? Man möchte ja kein Spielverderber sein. Ich schon. „Wir sind hier kein Partybus“, versuche ich das Gespräch einzuläuten, das in Beleidigungen kreativster Form in gebrochenem Englisch mündet. Damit hätten wir das auch geklärt.

Eins zu null für den Angeklagten

Vielleicht ist es ein großes Berlin-Problem, dass Fahrradfahrer gerne den Bürgersteig ihr Eigen nennen und die meisten das penetrante Weggeklingel ihrer selbst wortlos hinnehmen. Doch warum eigentlich? Wehrt sich der Fußgänger verbal, folgen Beschimpfungen, die sich im Unrecht Befindenden plädieren auf ihr nicht-existentes Recht – die Passanten blicken einen ungläubig an, eins zu null für den Angeklagten.

Auch bei unangekündigten Partys in der Nachbarschaft sieht sich nur eine Minderheit dazu genötigt, die Polizei zu verständigen. Warum auch, wer könnte um vier Uhr morgens schlafen wollen? Lieber ganz vorsichtig aus dem Fenster hervorlugen und seiner Empörung in Form von Stirnrunzeln freien Lauf lassen. Woher kommt diese extreme Toleranz? Ist es die Angst vor einer ungeahnten Reaktion, oder einfach Ohnmacht? Der Gedanke, sich eventuell in Gefahr begeben zu können? Oder die auf ganz großem Fuß gelebte Ignoranz, das sich „Für gar nichts zu interessieren, außer für sich selbst“?

Warum lässt es sich besser auf Schlaf verzichten, als einmal den Mund aufzumachen?

Andere Szene, gleicher Fall: Eine Gruppe von Jugendlichen spielt auf dem Bürgersteig Fußball und hat sichtlich Freude daran, ihren Ball jedem Fußgänger zwischen die Füße zu spielen, der sie passiert. Keine Reaktion, alle mundtot. Haben sie Angst vor einer Gruppe vierzehnjähriger Halbstarker? Was soll in ihren kühnsten Träumen passieren, Messerattacke, wüste Beschimpfungen? Gerne würde ich in Momenten wie diesen in die Köpfe anderer hineingucken können, auf der Suche nach der Blockade, die sie ihren Missmut nicht verbalisieren lässt.

Viele grämen sich bis aufs Mark, schlagen sich Nächte der Schlaflosigkeit um die Ohren, ganz Mutige suchen noch das persönliche Gespräch mit dem Störenfried. Doch selbst hier wird oftmals nach einer einzigen dummen Antwort des Gegenübers eingeknickt. Warum fällt es vielen so schwer, für ihre Rechte zu kämpfen, sei es als Mieter oder überhaupt als Mensch? Warum lässt sich besser auf Schlaf, Ruhe oder das Nutzen des Fußgängerwegs verzichten, als einmal den Mund aufzumachen?

Das wäre doch mal ein guter Vorsatz für das neue Jahr: Einfach mal den Mund aufmachen. Ich wünschte mir, ich wäre nicht so oft nicht die Einzige. Doch ehe ich mich falscher Toleranz verschreibe, bleibe ich lieber eine „unentspannte Meckerzicke“.

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