Claus Kleber & die Gefahr des spontanen Twitterns | The European

Twitter, mein böses Ich

Alissia Passia19.07.2014Gesellschaft & Kultur

Mit Twitter lassen sich Milliarden von Menschen erreichen – und das ist auch das Problem. Über Peinlichkeiten in 140 Zeichen.

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gettyimages

Als 2006 das muntere Gezwitscher im Netz losging, hätte wohl niemand zu träumen gewagt, was das für so manchen für Konsequenzen haben würde.

Hierbei liegt es nicht nur an der grenzenlosen Sprachfreiheit in minimalistischen 140 Zeichen, sondern auch an dem riesigen Publikum, dem man sich, mal mehr oder minder gewollt, mitteilen kann. Das kann schon zu Größenwahn führen, so wie im Fall Claus Kleber, der im perfekten Denglish und allerlei Wortkürzeln seine Meinung kundtut – und die fiel erst kürzlich äußerst vernichtend aus.

Da wetterte der sonst so seriös dreinschauende Mann munter über mögliche Schiebungen und Schummeleien, die in der ZDF-Show „Deutschlands Beste“ vollzogen wurden. Mit einem Kommentar zu einer Listen-Manipulation war es dem Clausi nicht genug, er beleidigte munter im schönsten Teenie-Jargon. Doch wer glaubt, dass dies der erste Fehltritt des Klebers war, der täuscht sich. Unter dem Motto „Was ich hier schreibe geht auf meine Kappe“ ließ er sich ebenso zu großkotzigen Kommentaren zu Wortbedeutungen hinreißen, wie dass „I hate you“ noch lange nicht „Ich hasse dich“ bedeuten würde. Prompt wurde ihm Verwirrung auf die Fahne geschrieben und das nicht nur von einem irritierten Follower.

Twitter, das kleine Teufelchen

Überhaupt, das mit dem Followern ist auch so eine Sache. Selbst Helen Fieldings Protagonistin Bridget Jones tut sich im neusten Werk „Verrückt nach ihm“ schwer mit dem Medium, was man von einer Quatschtante wie ihr gar nicht vermutet hätte. Und gerade das ist der Knackpunkt: Viele schreiben genau das, was ihnen just in diesem Moment in den Sinn kommt.

Wie Bobbele Becker, der hier nicht nur gern einen Streit vom Zaun bricht, sondern auch aktuelle Gesundheitszustände frisch aus dem Krankenbett postet – man muss ja den Boulevardblättern zuvorkommen. Oder man erinnere sich an Charlie Sheen, der öffentlich seine Handynummer postete und damit nicht nur seine Mailbox, sondern auch seine Fans überforderte.

Ist Twitter das kleine Teufelchen in so manchem, das die ach so bösen Worte an die Öffentlichkeit bringen möchte? Meinungen, die wir uns in der Realität nicht zu träumen wagen würden auszusprechen? Ist es die trügerische Internetimmunität, die man weiß Gott mit einem Privataccount – inklusive Foto und Namen – nicht genießt? Oder ist es gar der Zugzwang, möglichst viel twittern zu müssen, um das große Publikum auch stetig zu unterhalten? Die nicht wachsen wollende Follower-Zahl stürzte Bridget Jones in eine persönliche Krise.

In mir scheint das schlummernde Twitter-Teufelchen noch nicht erwacht – zum Glück. Lieber genieße ich Kommentare wie die von Claus Kleber und komme aus dem Zweifeln nicht raus, was der Gute mit gar verrückten Äußerungen zu erreichen versucht. Bloße Provokation? Oder meint das Alpha-Tier unter den Anchormen das wirklich alles ernst?

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