Die Verschmutzung des Marktplatzes der Ideen ist die größte Umweltkrise unserer Zeit. James Hoggan

Haul mich nicht voll!

Drogeriemarkt-Einkäufe, Shopping-Errungenschaften und Tutorials zum Thema Beauty – YouTube platzt aus allen Nähten vor Selbstdarstellern und Tipps, die keiner braucht. Eine Meinung.

Früher zeigte man als junge Frau seine Errungenschaften aus dem Kaufhaus und Drogeriemarkt der besten Freundin oder großen Schwester. Heute reicht das nicht mehr, auch das bloße Bewerten von Produkten ist out. Man präsentiert sich nun einer ganzen Community und fordert zum Kommentieren heraus.

„Haul-Videos“ heißt der neue Trend im Internet, eine neue Art des Prahlens und Ego-Boostings. Wie das funktioniert? Stellen Sie sich eine kleine Göre mit Beanie Hat vor, die stolz eine Papiertüte in die Kamera hält und sich fröhlich lächelnd vorstellt. Danach folgt gleich der wichtigste Akt, das, worum es sich in den Haul-Videos dreht: die Waren-Präsentation. Das können Klamotten, Kosmetika oder der Inhalt einer Abonnement-Box mit Pröbchen sein. Akribisch und mit enormen Enthusiasmus sowie Liebe zu Details plappert das Mädchen dann minutenlang über jedes ach so trendige Teil ihrer Tüte.

Philosophieren und den Erklärbär raushängen lassen

Belohnt wird ihre Zeigefreudigkeit mit jeder Menge Klicks und Kommentaren, wie „Oh, du bist soo schööön“ und „Dein Style ist so geil!“.
Doch Haul-Videos können noch getoppt werden, nämlich von Tutorials über Banalitäten des Alltags. Dinge, die wir uns eigentlich schon zugetraut hätten, oder haben Sie jemals Probleme dabei gehabt, wie Sie sich einen Seitenscheitel ziehen oder den Schrank aufräumen? Nein?

Wie kommt es dann, dass junge Frauen sich lang und breit widmen, einem genau das erklären zu wollen? Sie stehen beispielsweise belehrend vor ihrem Kleiderschrank und lassen den Erklärbär raushängen, philosophieren neunmalklug über die beste Aufräumtechnik und ihren ach so genialen Geschmack. Viel schlimmer als dieses Geltungsbedürfnis finde ich jedoch die Tatsache, dass viele Mädchen im Internet wildfremde Menschen um Rat fragen und nicht mal mehr fähig sind, Entscheidungen zu treffen, ob sie sich die Spitzen nun schneiden lassen sollen oder nicht.

Fordere ich hier nicht Cyber-Mobbing heraus? Doch so lange alle mit ihrer Bauchpinselei glücklich sind, scheint die Welt der oberflächlichen Girlies in Ordnung zu sein.

Ein Teufelskreis 2.0

Was treibt die jungen Damen dazu, sich für ein paar Likes im Internet zu prostituieren? Für manche Girls lohnt sich die Markenliebe per YouTube-Video, denn viele namhafte Firmen haben diesen Trend bereits erkannt und statten ihre Fans regelmäßig mit Pröbchen aus, damit die wiederum erneut darüber berichten. Ein Teufelskreis 2.0.

Während Reviews und Unboxing-Videos von Smartphones und anderen Elektro-Artikeln ja noch irgendeinen Sinn verfolgten, geht es beim Haulen lediglich um das Zeigen und Gesehenwerden. Selbst Tutorials, die das Gestalten einer Galaxy-Leggins oder die kreative Garderobe zeigen, schienen einem noch weiterhelfen zu können.

Ich entspreche wohl nicht der Zielgruppe, welche auch immer sie sein mag. Ansonsten kann ich mir einfach nicht erklären, warum ich dem Gebrabbel über das neue Top des Trendlabels P. oder den neuen Lippenstift von D. nichts abgewinnen kann. Ist diese Art des Anpreisens doch vielleicht vom guten alten Staubsauger-Vertreter abgekupfert, der sich einst noch von Tür zu Tür schleimte. Denn kaum ein Haul-Girl lässt sich zu ernsthafter Kritik an dem gekauften Produkt hinreißen und das in einer Zeit, wo Konsumenten doch viel lieber Dinge anmerken, die sie auszusetzen haben, anstatt es in den höchsten Tönen zu loben.

Amen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alissia Passia: „Alles wird für etwas gut sein“

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