Internationale Adoption ist ein Produkt des Zweiten Weltkriegs. Tara Zahra

Die Bio-Schizophrenie

Bio und Fairtrade liegen hoch im Kurs. Doch ziehen wir das konsequent durch oder verleitet uns das Umfeld zu ökologisch bedenklichen Handlungen? Eine Kritik.

Bewusst und gesund leben, das ist das Motto vieler. Dabei kommt es den meisten auf eine biologische Ernährung an, für die auch gerne mal die Geldbörse strapaziert wird. Der Bio-Markt wird zum besten Freund, die Discounter dagegen nur in Notfällen besucht – dann kommt einem aber auch nur BIO in die Tüte. Doch was ist, wenn der naturverliebte Konsument in der Mittagspause den Lieblingsitaliener aufsucht? Wird hier nach dem Herkunftsort der für die Bruschetta verwendeten Tomaten gefragt? Oder ob das Kälbchen, bevor es sich in Gorgonzola-Sauce legte, auf einer saftig-grünen Demeter-Wiese graste?

Schalten wir, das bewusste Volk, beim Genießen außerhalb der eigenen vier Wände dann einfach mal auf Durchzug? Wäre man durch und durch konsequent, fielen allseits beliebte Besuche in Kaffeeketten schon mal flach. Hier und da sind immerhin Fairtrade-Bohnen zu finden, doch die Milch kommt aus Kostengründen gerne aus Fabriken, anstatt von Bio-Höfen. Mal schnell ein Käsebrötchen beim nahe gelegenen Bäcker holen, wäre ebenso ein absolutes Unding. Oder erwarten Sie etwa für 2,60 Euro zarten Bio-Mozzarella auf Ihrem Baguette?

Industriekäse kuschelt mit Formfleisch

Möchte man überall seine faire Lebensweise durchziehen, kommt man schon in der Teeküche des Büros in die Bredouille. Hier reihen sich H-Milchtüten, so weit das Auge reicht, jedoch sucht man das Siegel der Vernunft meist vergeblich. Selbst der Kurzurlaub in einem städtischen Hotel kann einen zur Verzweiflung bringen. Das beliebte Brunch-Buffet ist mit allerlei Leckerein belegt – doch sieht man genau hin, verbergen sich im kleinen Eierkorb Cholesterin-Schmeichler aus der Bodenhaltung und Formfleisch kuschelt sich an Industriekäse.

Wird die Schlafstätte für eine Shoppingtour verlassen und sich in einer Bummelpause ein Eis einverleibt, könnte dies dem konsequenten Bio-Nazi ebenfalls im Halse stecken bleiben. Oder nennen Sie mir mindestens zehn Eisdielen in Großstädten, die Milch von glücklichen Kühen für ihre Herstellung verwenden? Falls dem so sein sollte, würde der Konsument doch gleich beim Anblick der Preise aufschreien. Sind wir bereit, auch für Kleinigkeiten des Alltags tiefer in die Tasche zu greifen und für einen Snack schon so viel auszugeben wie für ein halbes Mittagessen?

Möchte man sich das Leben überhaupt so „kompliziert“ gestalten, als dass man sich den Genuss durch Gedanken über faire Arbeitsbedingungen der Plantagenarbeiter vermiesen lässt? Auf eine Art mutieren wir zu Bio-Fanatikern, die in puncto Lebensmitteleinkäufen keine Ausnahme dulden und scheitern im Alltag bereits an einem kleinen Stück Schokolade, das keinen nachweisbaren Produktionsort auf seiner Verpackung trägt.

Verzicht für mehr Fairness?

Möchten wir wirklich so grün hinter den Ohren sein? Ich selbst finde mich oft in der Position der Fragenden wieder. Natürlich möchte ich mit meiner Lebensweise auch bessere Bedingungen für Mensch und Tier schaffen, doch macht mich dieses Pseudo-Gutmensch-Dasein nicht irgendwann zum Außenseiter?

Möchte man seinen Kindern den Verzehr des geschenkten Non-Bio-Schokoladen-Weihnachtsmanns verwehren, nur damit ein Kind im Nirgendwo fröhlich spielen kann, statt für harte Arbeit ausgebeutet zu werden? Führt dieses Bewusstsein auf lange Sicht nicht dazu, dass wir es viel lieber Tier und Plantagearbeiter recht machen, anstatt uns selbst? Ich selbst sah mich bereits als Bio-Nazi verschrien, bevor ich anfing, mir darüber Gedanken zu machen, woher die Milch für mein Lieblingseis kommt und ob das Stück Torte aus besten, fairen Zutaten gebacken wurde … Nein, ich bin nicht konsequent. Ich bin Bio-schizophren. Und Sie?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alissia Passia: „Alles wird für etwas gut sein“

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