Ich tanz dann mal weg!

von Alissia Passia19.10.2013Gesellschaft & Kultur

Die US-Amerikanerin Marina Shifrin verabschiedete sich von ihrem Chef mit einem Tänzchen per YouTube-Video. Kündigung 2.0, der neue Trend für alle Lebenslagen? Ein Gedankenspiel.

Ich kündige – Worte, die wie ein Befreiungsschlag wirken. Wären da nur nicht die unbequemen Gespräche mit den Vorgesetzten, die oftmals in hitzigen Diskussionen enden. Wortgefechte, die sich wie Kaugummi in die Länge ziehen. All dem kann man nun geschickt entgehen, wenn man die Kündigungsvariante der US-Amerikanerin Marina Shifrin wählt, die ihrem Chef einen ganzen Ausdruckstanz per YouTube-Video widmete und so nicht nur galant das persönliche Gespräch umging, sondern auch das Internet eroberte.

Diese Glanzleistung verschaffte der Kreativen nicht nur neue Jobangebote, sondern animierte den gar nicht mal so humorlosen Chef zu einer Stellenausschreibung im gleichen Stil. Ehemalige Waldorfschüler dürften ebenfalls kein Problem mit Choreografien wie diesen haben, genauso wenig wie ambitionierte Tanzmäuse. Doch, mal ganz unter uns, würden Sie wirklich riskieren wollen, am Ende noch zur Belustigung der halben Belegschaft beizutragen?

Kündigen lässt sich beinahe alles

Wer weiß, vielleicht wurde hier ein neuer Trend geboren, gar eine neue Art des Schlussmachens. Vorbei die Zeiten, als sich Menschen mal eben kurz und bündig per SMS verabschiedeten. Von den langen E-Mails, die die ganze Beziehung noch mal schriftlich aufarbeiteten und viel Diskussionspotenzial für ein wochenlanges E-Mail-Pingpong boten, bliebe man ebenso verschont wie von Streitgesprächen in der Öffentlichkeit.

Schlussmachen mittels YouTube-Video bringt also wirklich nur Vorteile mit sich! Unterlegt mit einem fröhlichen Liedchen, wirkt solch ein ernster Schritt doch auch gleich viel charmanter. Mietverträge, Versicherungen, ach, es eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten und Dimensionen, seinen Ausdruckstanz zu präsentieren. Denn kündigen lässt sich heutzutage ja beinahe alles. Rechtskräftig ist dieser Weg zwar nur „bedingt“, deshalb wäre es ratsam, nachträglich die schriftliche Kündigung einzureichen – vielleicht in kunstvoller Origami-Form.

Klappe halten und mit Tänzchen abdanken

Wer nicht gerade mit zu den geborenen Tänzern gehört, könnte sich auch mit einer Eigenkomposition – je nach Geschmack knallharter Gangster-Rap oder hauchzarte Ballade – oder einem gemalten Bild verabschieden. Oder wie wäre es mit einer gebastelten Kollage aus vielen bunten Buchstaben und Fotos, toll. In der kreativen Branche kann man sich so einiges erlauben, doch auch wirklich so viel? Ist es einen solchen Aufwand überhaupt wert? In einer Zeit, in der man sich gerne auch mal das Kündigen diverser Verträge durch vorgefertigte Schriftstücke aus dem Internet erleichtert?

Selbst Kurznachrichten sind hier zu finden, die in verschiedensten Variationen, von romantisch bis plump, kreativ bis bösartig, sagen wollen: Es ist vorbei. Ungefähr in diesem eigenwilligen Stil: „Ich will kein’ Kuss, es ist Schluss, ich liebe dich nicht mehr, das mein’ ich ernst – sogar sehr!“ Da krieg’ ich glatt Gänsehaut.

Alles Gute, Miss Shifrin

Das könnte unter Umständen genauso einschlagen, wie der Kündigungstanz unseres Internet-Stars Shifrin. Nur jahrelang die Klappe zu halten und all das Leid, die Überstunden und Freundesentzug über sich ergehen zu lassen, um am Ende mit einem Tänzchen abzudanken, ist meiner Meinung nach keine Lösung.

Zwar ist dieser Weg weitaus kreativer, als ein mit zwei bis drei nüchternen Sätzen beschriebenes Papier, doch vielleicht hätten sich die Arbeitsbedingungen geändert, wenn das offensichtlich vorhandene Selbstbewusstsein rechtzeitig für ein klärendes Gespräch aufgebracht worden wäre. Ich wünsche Miss Shifrin und allen anderen tanzwütigen Nacheiferern da draußen jedenfalls alles Gute und hebe mir meine Tänzchen lieber für andere Gelegenheiten auf. Für Gründe zur Freude zum Beispiel!

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