Wie Kinder zu Chefs werden

von Alissia Passia7.09.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Online-Shops und wahnwitzige Geschäftsideen sprießen aus dem Boden und kleine Bengel, die eigentlich noch mit Lego spielen sollten, haben die Hebel in der Hand. Ein Erfahrungsbericht.

Früher wollten Kinder noch Feuerwehrmann werden. In den Neunzigern irgendwas mit Medien. Heute wollen die Kiddies nur eins: an die Macht. Und viele Untertanen mit ins Verderben reißen.
Egal, ob das Müsli zum Selbstkreieren, Shopping mit Promis, Pröbchen, die plötzlich etwas kosten, oder tolle Angebote zum Sonderpreis: Fast täglich sprießen neue Start-ups aus dem Boden, um den Kunden das liebe Geld abzuknöpfen. Doch der große Traum von Ruhm und Ehre “kann ebenso schnell wieder vorbei sein, wie er begonnen hat”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/7219-finanzierungsprobleme-von-jungen-start-ups. So schlossen laut deutsche-startups.de in diesem Jahr bereits 19 Frischlinge wieder ihre Pforten, und wer weiß, wie viele sich in den nächsten Monaten noch dazugesellen.

Wer glaubt, ein Start-up würde immer mit einer brillanten Idee beginnen, der irrt. In sogenannten Wirtschaftsschulen für Unternehmensführung wird die Geschäftsführer-Zukunft von morgen herangezüchtet. Kaum aus dem Nest geflogen und mit ordentlich Selbstbewusstsein im Gepäck, halten sie schon Ausschau nach den geeigneten Bürogebäuden in Vorzeigelage. Der erste Eindruck zählt! Bevor die zarten Köpfchen noch mit dem harten Nachdenken über eine geile Geschäftsidee malträtiert werden, wird im WWW nach Konzepten recherchiert, die beispielsweise im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfolgreich sind. Denn, was da geht, geht hier doch sicherlich noch viel besser! Mit diesem perfekt geschnürten Paket muss man nun anschließend Investoren bezirzen, damit diese mit einer kräftigen Finanzspritze nachhelfen. Es können schließlich nicht immer Mami und Papi herhalten.

Das Abi liegt bei den Chefs nicht so weit zurück

Doch auch wenn man eigentlich alles alleine am besten kann, hilft es ab und zu, wenn Fachkräfte an Land gezogen werden. Nur mit Praktikanten zu arbeiten, ist ja auch keine Lösung und das leere Großraumbüro muss schließlich mit etwas Leben gefüllt werden. Dieses Leben darf jedoch oft innerhalb der Arbeitszeit nicht allzu lebhaft sein, man muss sich schließlich „konzentrieren“ können und soziale Kontakte innerhalb der Firma sind doch eh überflüssig (zumindest während der Arbeitszeit, also von 9 bis 23 Uhr). Auch wenn dekorative Kicker-Tische und “die gemütliche Kaffee-Ecke”:http://www.theeuropean.de/ansgar-oberholz/5639-das-sankt-oberholz-in-berlin ein geselliges Beisammensein vermuten lassen würden. Damit man am Arbeitsplatz auch wirklich nichts anderes macht außer arbeiten, verbieten sich so manche Chefs persönliche Noten auf dem Schreibtisch. Selbst alte Dokumente oder kleine Figürchen aus dem überraschenden Ei müssen dran glauben.

Doch kommen wir zu den Bewerbern, die vor allem eine Sache mitbringen sollten – nein, damit sind nicht die jahrelange Berufserfahrung oder Praktika in namhaften Agenturen gemeint – sondern eine gute Abiturnote. Denn die allgemeine Hochschulreife liegt bei den zukünftigen Chefs schließlich nicht allzu weit zurück und wird daher mit großem Interesse bedacht.

Ist der Arbeitsvertrag erst mal unterzeichnet, kann sich der Festangestellte häufig über ein Gehalt freuen, das er so schnell nicht in einer „normalen“ Firma erhalten wird. Wer nun mit der Einstellung „Geld ist alles“ gewappnet ist, der fährt sicherlich richtig gut in einem solchen Start-up. Doch Obacht, wer sein Know-how zu sehr zur Schau stellt, es könnte zu einer unerwarteten Kündigung des Anstellungsverhältnisses durch die Geschäftsleitung führen. Zu viel Wissen wirkt bedrohlich. Doch in manchen Fällen möchten die Chefs das frisch in einen Fachmann investierte Geld auch einfach nur einsparen, um es für wichtigere Dinge auszugeben. Whiteboards zum Beispiel.

Überstunden, Spaß und Bootcamp-Atmosphäre

Jobbeschreibungen lassen sich nach Vertragsschluss ebenfalls sehr leicht neu kreieren und so findet man sich wiederum ab und an in Positionen wieder, die man nie wollte. Auch die Arbeitszeiten sind wahrlich kein Zuckerschlecken, denn Überstunden gehören bei Start-ups zum guten Ton und werden bereits in Stellenausschreibungen charmant mit „Start-up-Einstellung“ umschrieben. Doch keine Sorge, natürlich wird die Arbeit bei Nacht gebührend belohnt, mit schmackhafter Pizza und einem Feierabendbierchen. Was gibt es Schöneres, als den Abend mit Chef und Konsorten zu verbringen? Wahre Freunde fürs Leben findet man doch nur in der Firma und vielleicht wartet auch die große Liebe.

Zu einem richtigen Jungunternehmen gehören natürlich auch jede Menge Utensilien, die nach richtig viel Arbeit aussehen, und schon kommen die Whiteboards ins Spiel. Die stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Dort wird alles notiert, sei es auch der Einkaufszettel für die Assistentin. Ist diese nicht vorhanden, geht auch die Ordnung flöten. Macht aber nichts, schließlich kann man in manchen Fällen auch ein ganzes Büro für Krankschreibungen, Berichte, Bewerbungen und Co. nutzen. Aktenordner sucht man hier meist vergebens, eine raffinierte Origami-Technik aus Hunderten von Papieren spricht vielmehr für kreative Impulse.

Natürlich geht all das auch ein wenig professioneller, zumindest auf den ersten Blick. In sogenannten Inkubatoren reifen gleich mehrere neue Geschäftskonzepte, bis sie in voller Pracht ans Tageslicht kommen. Mit namhaften Firmen im Hintergrund lässt es sich vor allem in Werbung investieren, die natürlich nur von den besten Agenturen Deutschlands produziert wurde. Wer kann, der kann. Was manche Läden nämlich noch nicht verstanden haben: Werbung ist eine sinnvolle Investition. In den seltensten Fällen, man glaubt es kaum, werden Kunden per Zufallsprinzip auf einen aufmerksam. Die ersten Schritte zur Kundengewinnung sind meist schon mit dem richtigen Nutzen der Social-Media-Kanäle gemacht. Zur Not lassen sich aber auch Fans kaufen. Die tragen ja auch so unfassbar viel zum Umsatz bei.

Bonussysteme statt Work-Life-Balance

Hat ein Start-up doch erst mal seine Jugend hinter sich gebracht und ein paar Jahre auf dem Markt überlebt – dank reiner Eigeninitiative oder durch Aufkauf –, wird das Personal noch intensiver auf _conversion_ steigernde Maßnahmen geschult. Schon befindet man sich in einer Art Bootcamp, in dem sich alles um Zahlen dreht. Kein Wunder, meist stehen BWLer an der Spitze und für die zählt bekanntlich mehr der Jahresabschlussbericht als die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter. Ob diverse Boni am Jahresende all das wieder gutmachen können, hängt von der individuellen Einstellung ab.

Und so kann diese Lehrstube auch seine guten Seiten haben. Man erfährt Teamzusammenhalt, aufgrund des gemeinsamen grausigen Schicksals, den man zuvor nicht kannte und mit einer Extraportion Ehrgeiz lässt sich mehr Arbeit aufhalsen, sodass eine zusätzliche Position gestrichen werden kann. So manchem hilft auch Vitamin B und einige Ex-Kollegen vertrauten sogar auf Vitamin S, um die steile Karriereleiter hochzusteigen. Für Berliner Neulinge ist das Arbeiten im Herzen der Trendmetropole doch sicherlich auch sehr reizvoll. Doch nicht vergessen: Alles hat einmal ein Ende und beim Start-up heißt es oftmals offline.

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