Vegetarier, ihr armen Würstchen

von Alissia Passia31.08.2013Gesellschaft & Kultur

Veganer oder Vegetarier zu sein, ist sau cool – aber bitte nur auf Zeit. Alles andere ist abnormal und völlig undiskutabel. Eine Geschichte über Trends, Klischees und totes Tier.

In den vergangenen Wochen ging es wortwörtlich um die Wurst. Da waren es doch mal wieder die fiesen Grünen, die sich ach so ausgekochte Gemeinheiten einfallen ließen, um dem grillenden Volke den Appetit zu verderben. Und das im SOMMER. Da forderten die doch tatsächlich einen Veggie-Day in den deutschen Kantinen. „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“, titelten prompt die Boulevard-Blätter, die Emotionen kochten hoch.

Einen Tag lang, also von 12 bis 13 Uhr, keine Gesichtswurst auf dem Butterbrot und auch keine Hähnchenkeule mit Kartoffelbrei. Stattdessen, Iiih, Gemüse, Hasenfutter und womöglich auch noch Wabbeltofu. Wenn sich das laut VEBU sieben Millionen Deutsche freiwillig antun wollen, bitte schön, aber normale Menschen lassen sich dieses Vergnügen wahrlich nicht verbieten.

Hipster in puncto Ernährung

Manche scheinen gar masochistisch veranlagt zu sein, sie lieben Rind und Co. und verzichten freiwillig darauf. Und zwar für Wochen oder gar Monate. „Vegetarier auf Zeit“ heißt der neue Trend, der viele um den blutigen Genuss bringt.

„Boah krass“, heißt es da gleich von den Freunden, „Das könnte ich nie!“, schreit sogleich der Nächste. Man gilt als mutig, gar Rebell, ein Hipster in puncto Ernährung. Jeder interessiert sich plötzlich dafür, was man denn heute auf dem Speiseplan hatte. Schließlich ist es doch völlig unvorstellbar, einen einzigen Tag lang, ach, was sag ich, eine einzige Mahlzeit lang ohne irgendein Getier auszukommen.

Da kommt schon so mancher Vegetarier auf Zeit in Erklärungsnot, wenn er beim nächtlichen Gang zum Kühlschrank nicht an der wohl riechenden Salami vorbei kam.

Doch solch ein „Trendgespür“ darf man lediglich Frauen verzeihen, echte Kerle sind nämlich nur solche, die Fleisch essen. Welch ein Unding wäre es doch, wenn sich der biertrinkende Hengst mit Waschbrettbauch ein Gemüsespießchen auf den Grill werfen würde. Nein, es muss ein dickes Steak sein, bevorzugt blutig. Und dann wird bitte das Beef sexy gegessen. Richtig, nicht einfach runterschlingen, wie nichts, sondern so, wie der Surferdude aus der TV-Werbung einer Fastfoodkette. Gar orgastisch genießt er seinen gegrillten Burger – wer braucht da noch Frauen?

Man muss ja seinen Geschmacksknospen irgendetwas bieten

Können Sie sich diese Vorzeigemänner als temporäre Veganer vorstellen? Richtig, die gibt es auch noch, Trend Nummer zwei. Diese machen schon allmorgendlich eine wahre Tortur durch, wenn sie vor ihrem Toastbrot sitzen, Croissants sind ja in der Zeit nicht drin, und beherzt zur Butter greifen wollen. A-a-a, da ist doch Milch drin! Und der Honig – nichts da. Dafür werden doch Bienen gequält! Aber die Rettung naht – besonders, wenn man sich als Szenemensch in den Places to be, wie Neukölln und Friedrichshain aufhält. Hier gibt es nämlich unzählige Cafés und Restaurants, die vegane Köstlichkeiten servieren. Da greifen die Trend-Veganer gerne zu, bevor sie sich an der Tanke nebenan einen Snickers einverleiben. Man muss ja seinen Geschmacksknospen irgendetwas bieten.

In diesen In-Bezirken scheint das Anderssein ebenfalls gar nicht mal so schlimm, man ist interessanter denn je. Geschichten von Abenden ohne Pizza con Formfleisch bewegen genauso wie Anekdoten von durchzechten Nächten ohne die geliebte Currywurst.

Doch, hat eigentlich jemand schon mal daran gedacht, was passiert, wenn dieser Trend auf Zeit plötzlich zum neu entdeckten Lebensgefühl wird? Wenn man plötzlich so gar keine Lust auf Fleisch verspürt? Vegetarier oder Veganer ist? So RICHTIG?

Mangelerscheinungen und so was

Freunde schauen einen plötzlich schief von der Seite an, man gilt auf ein Mal als kompliziert, wird mit Allergikern gleichgesetzt. Ständig kommt die Frage auf: „Ist da Fleisch drin?!“
Die Schublade, auf der in Versalien „Anders“ steht, öffnet sich weit und man droht immer mehr in ihr zu versinken.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich esse kein Fleisch. Deshalb auch meine hagere Gestalt, diese milchblasse Haut. Die Augenringe, ich sage es Ihnen, sie streifen schon den Boden. Alles Mangelerscheinungen, alles. Und das nur, weil ich Tiere gern hab – aber eben nicht zum Fressen.

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