Ich bin da ganz dankbar, dass das Fernsehen nie etwas von mir wollte. Götz Widmann

Orgasmustod vs. Blümchensex

Blümchensex hat ausgedient, extravagante Praktiken gehören längst zum Standardrepertoire in deutschen Schlafzimmern. Lackierte Fußnägel in Ledersandalen, Gaffer-Tapes und Haare bis in die Kniekehlen steigern die Wolllust bis ins Unermessliche.

Bondagebrünette. Latexluder. Fußfanatiker. Langhaarliebkoser. Ist die Menschheit auf eine gewisse Art verklemmt geworden, sodass sich Anomalitäten in ihrer Sexualität breitmachen? Sind diese Perversionen schon unlängst zur Normalität aufgestiegen und ist der romantische Blümchensex nun als ekelhaft verschrien? Bei so vielen Fragen ringt man doch gleich mit dem Atem – oder dem “Orgasmustod” –, einem Begriff, der sich unter anderem mit dem spektakulären Ableben von INXS-Sänger Michael Hutchens im Jahre 1997 und dem ominösen Ende von “Kill Bill”-Star David Carradine in unserem Vokabular festsetzte. Erstickung durch Strangulation. Dieses Schicksal ereilt um die 100 junge Menschen im Jahr, so eine These des Rechtsmediziners der LMU München Dr. med. habil. Oliver Peschel.

Bei Domina Svetlana lässt der sonst so ruhige Klaus mal richtig schön die Sau raus

Googelt man den Begriff “Bondage”, sind ungefähr 31.700.000 Einträge von einschlägigen Seiten, die jede Menge fesselnder Erlebnisse versprechen, zu finden. Aber die Perversen sind nicht nur in Hollywood oder im Netz – sondern genau unter uns. Vielleicht ist der nette Klaus aus dem Büro auch einer von ihnen. So hübsch, wie er sich morgens in einen Anzug von Armani packt, so geil wird er beim Anblick seines Waschbärbauchs im hautengen Lederdress. Dann, bei Domina Svetlana, lässt der sonst so ruhige Klaus mal richtig schön die Sau raus, sich knechten, anspucken und vermöbeln. Stille Wasser sind eben tief. Ein bisschen anständiger sind da noch die Fußfetischisten. Im Sommer hat ihre Orgasmusrate Hochsaison, denn nichts ist dem Feten liebstes Bild als das Antlitz rot lackierter Nägel, an nackten Füßen, in ledernen Sandalen. Lüstern leckt er sich bei diesem Anblick andächtig über die Lippen. Seine Nasenflügel fangen an, nervös hin- und herzuvibrieren, sein Atem wird immer schneller. Er möchte sie lecken, jeden einzelnen Zeh in seinen Mund schieben und genüsslich daran saugen.

In diesem Moment des Begehrens läuft ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken und das Glied in seiner Hose pocht bedrohlich. So wie das von Humbert Humbert während des Beobachtens seiner knackfrischen Lolita. Beim Lesen des Romans manifestierte sich besonders die detaillierte Beschreibung von rotem Flaum, der Humbert Humbert geradezu ekstatisch werden ließ, in meinem Gedächtnis. Wobei wir bei einem weiteren Fetisch wären: Haaren. Denn man mag es kaum glauben – auch die Rapunzeln dieser Welt schaffen es, bei so manchem Mann Schweißausbrüche der puren Lust auszulösen, indem sie sich mit Vorliebe im Netz in “voller Haarpracht” präsentieren. Ihre Mähne reicht meist bis in die Kniekehlen, wenn nicht gar weit über den Boden und wird perfekt zum niemals endenden Splissberg gezüchtet.

Erigierte Nippel unterm biedren Blüschen

Mit diesem wüsste auch unsere Bondagebrünette was anzufangen. Bei der Knebelkünstlerin zeichnen sich bereits beim Lesen des Wortes Gaffer-Tape erigierte Nippel unter ihrem biedren Blüschen ab. In Perfektion schnürt sie ihren Mann, Freund oder One-Night-Stand wie ein Postpaket zusammen. Liebhaber von Fäkalien sollten in dieser illustren Runde natürlich auch nicht fehlen. Ein berühmter Herr äußerte einst den lang gehegten Wunsch, mal eine Frau beim Verrichten des Stuhlgangs beäugen zu wollen. Nicht jedoch ganz subtil und heimlich beobachtend hinter einer Badezimmertüre, oh nein, sondern unter einem Glastisch liegend und die “kotende Dame” hübsch darüber drapiert. Delikat, nicht? Und jetzt wieder ein bisschen Blümchensex.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias T. J. Grimme.

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