Berufsverbot für Depressive? | The European

Verurteilte Volkskrankheit

Alissia Passia11.04.2015Innenpolitik

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann spricht sich nach dem Germanwings-Unglück für ein Berufsverbot für Depressive aus. Ein Schlag ins Gesicht für erkrankte Menschen.

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madochab / photocase.de

Das Germanwings-Unglück zieht seine Kreise. Manche möchten am liebsten das Fliegen meiden, viele Leser mokieren sich über die ach so üble Pressearbeit und einer lehnt sich gewaltig aus dem Fenster. Die Rede ist von Joachim Herrmann, der sich mit seinen Äußerungen aktuell ziemlich unbeliebt macht:

„Welt Online“ “zitiert ihn in einem aktuellen Artikel”:http://www.welt.de/newsticker/news1/article139362555/Debatte-um-Berufsverbot-fuer-Depressive-entfacht.html wie folgt:

bq. Voraussetzung sei eine „sorgfältige medizinische Begutachtung“. Wenn diese Begutachtung zu dem Ergebnis komme, „dass etwa ein Pilot, ein Busfahrer oder ein Taxifahrer dauerhaft nicht mehr geeignet ist, Menschen oder sonstige Güter zu transportieren, ohne dass Gefahr für Leib und Leben anderer besteht, dann kann solchen Personen auch der Führerschein beziehungsweise die Lizenz entzogen werden“, sagte Herrmann.

Depressionen im Lebenslauf

Doch wie genau diese Prüfung – oder nennen wir es Selektion – zukünftig vonstattengehen soll, darüber verliert er kein einziges Wort. Legen Ärzte bald ihre Schweigepflicht ab, gehört eine Depression in den Lebenslauf? Gefährdet man nicht so erkrankte Menschen, indem man sie in eine Randgruppe schiebt, als „anders“ deklariert oder, nennen wir das Kind doch beim Namen, verurteilt?

Auch wenn sich Herrmann auf das Berufsverbot für verschiedene Berufsgruppen beschränkt, stempelt er mit seiner öffentlichen Äußerung alle anderen Menschen ab, die an der Volkskrankheit Depression leiden – und das sind in Deutschland allein schon rund vier Millionen.

Was Herrmann macht, ist nichts anderes als beispielhafter Aktionismus, in purer „Bild“-Manier etwas auszusprechen und sich der Konsequenzen nicht bewusst zu sein. Sein Shitstorm wird in nur wenigen Wochen abgeklungen sein. Doch für Depressive würde im Falle eines solchen Gesetzes ein niemals endender Albtraum beginnen.

Potenzielle Selbstmörder

Beraubt von ihrer Existenz, stünden Erkrankte vor dem Nichts. Ein weiterer Abgrund, der sich hier über dem grauen Alltag auftut. Herrmann wählt den einfachen Weg, zeigt mit dem Finger auf all jene, die erkrankt sind, sieht sie als potenzielle Selbstmörder. Vielmehr sollte er sich für mehr Hilfestellungen, Therapiemöglichkeiten oder dergleichen einsetzen. Nicht jeder Depressive entschließt sich für eine Therapie und all denen, die diesen Schritt gewagt haben, gebührt großer Respekt. Sie stellen sich in den meisten Fällen ihrem Problem.

Doch so wie wir trotz intensiver Recherche der Presse nicht in den Kopf von Andreas L. gucken können, so können wir das ebenso wenig bei Millionen von Depressiven. Was für manche nur eine Episode bleibt, nimmt vielen anderen jeglichen Lebensmut. Glauben Sie, jeder Mensch, der Selbstmordgedanken hegt, äußert sie laut? Selbst einem Psychologen, möchte ich meinen, können diese verborgen bleiben.

Und schon drehen wir uns wieder im Kreis, was den Unsinn eines solches Gesetzes veranschaulicht. Nicht jeder Erkrankte plant so eine abscheuliche Tat und wenn dem doch so ist, erfährt man es erst zu spät – wie im Fall von Andreas L.

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