Unternehmen sind Menschen, mein Freund. Selbstverständlich sind sie das! Mitt Romney

„Wir erleben eine Explosion des Protests“

Alison Smale, Chefredakteurin der International Herald Tribune, ist eine der profiliertesten europäischen Journalistinnen. Im Gespräch mit Florian Guckelsberger und Lars Mensel redet sie über die Krise der Europäischen Union, vergleicht die Umbrüche in der arabischen Welt mit der tschechoslowakischen Revolution und beschreibt, mit welchen Gefühlen die Amerikaner nach Europa blicken.

The European: Die Machtverhältnisse verschieben sich in Europa, nach der Abstufung Frankreichs gibt es das Duo Merkozy so nicht mehr. Muss die „International Herald Tribune“ ihre Redaktion nach Berlin verlegen?
Smale: Diese Ansicht vertrete ich seit Jahren – natürlich nicht ganz im Ernst. Es würde auf jeden Fall meine Gefühle widerspiegeln, denn ich habe eine Vorliebe für Berlin. Ich kenne die Stadt seit 1975. Da habe ich zum ersten Mal das kommunistische System kennengelernt. Das hat mich immer fasziniert und endete damit, dass ich den 9. November 1989 in Ostberlin verbracht habe. Ich bin in dieser Nacht mit der ersten DDR-Bürgerin über den Checkpoint Charlie nach Westberlin gegangen. Kein Wunder, dass ich diese Stadt ins Herz geschlossen habe.

Aber die „Herald Tribune“ ist seit 150 Jahren in Paris. Sie wurde gegründet von James Gordon Bennett, einem reichen Zeitungsverleger, er hatte eben die damaligen Zeichen der Zeit erkannt. Die ganzen Amerikaner in Paris damals zur Zeit der Belle Époque brauchten Nachrichten aus der Heimat und Nachrichten auf Englisch über Europa. So wurde die „Tribune“ gegründet, und auch wenn sie jetzt viel globaler ist, mit Büros weltweit, ist die Gründungsgeschichte natürlich nicht vergessen.

„Wir erleben eine regelrechte Explosion des Protests“

The European: Als Kennerin beider Kontinente: Wie wird denn die Euro-Krise in Amerika wahrgenommen?
Smale: US-Präsident Obama hat bereits im vergangenen Herbst sehr deutlich gesagt, dass er von den Europäern abhängig ist, weil die amerikanische Wirtschaft mit der europäischen Wirtschaft eng vernetzt ist. Genauso wie beide wiederum mit der globalen Wirtschaft vernetzt sind.

The European: Dabei herrscht doch gerade ein Kampf der Systeme. In Amerika wurde in großem Umfang in die Wirtschaft investiert, wohingegen Deutschland und Frankreich versuchen, sich gesund zu sparen.
Smale: Denken Sie daran, worüber die großen Debatten in Amerika geführt werden, wie zum Beispiel der Streit um die Gesundheitsversicherung. Viele amerikanische Ökonomen wissen genau, auch wenn sie das europäische Modell nicht zu 100 Prozent gut finden, dass in den USA zu wenig Steuern bezahlt werden, um alle Regierungsfunktionen zu finanzieren, die sie gerne sehen würden.

The European: Der Millionär und Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney mit seiner geringen Steuerlast ist dafür ein gutes Beispiel.
Smale: Ja. Am Ende kann man es tatsächlich auf die Formel verkürzen, dass die Amerikaner einfach zu wenig Steuern zahlen. Trotzdem, wenn man dann Bund, Staat und Stadt zusammennimmt, kommt man auf ähnliche Steuerquoten wie in Europa.

The European: Sie haben als Journalistin in Osteuropa den Umsturz eines ganzen Systems erlebt. Eine neue Umsturzwelle können wir zurzeit in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens erleben. Erkennen Sie Parallelen?
Smale: Ein Vergleich ist schwierig, weil diese Revolutionen anders als die im ehemaligen Ostblock sind. Damals haben sich die Revolutionen langsam entwickelt, heute erleben wir nach jahrelangem Warten eine regelrechte Explosion des Protests. Viele Menschen sind auf den Straßen, doch es fehlen die Anführer. Meine Erfahrungen mit Václav Havel in der Tschechoslowakei zeigen gut den Unterschied. Havel war jemand, der sein Leben lang darüber nachgedacht hat, was die menschliche Wahrheit ist. Aber natürlich kann nicht jedes Land einen Havel haben. Dort war es eben ein Prozess, der sich ganz anders entwickelt hat, und das auch noch in einer anderen Gesellschaft.

Ich kenne die arabische Welt nicht gut und ich möchte niemandem sagen, wie er etwas machen soll. Ich glaube, die Hauptfrage, gerade für die im Westen, die helfen wollen, ist: Wie schaffen wir es, dass wir ein Programm für diese Gesellschaft kreieren können. Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. In der Tschechoslowakei haben Leute wie Havel und andere Dissidenten über Jahre diskutiert und überlegt, welche Reformen in welchen Bereichen benötigt werden. Es waren sehr ernsthafte Leute, die die Grundprobleme der Gesellschaftstrukturen untersucht haben. Und diese Basis muss man in Gesellschaften schaffen, wo so viel Unordnung herrscht wie in den arabischen Ländern.

„Ich möchte Algerier und Marokkaner nach Deutschland einladen“

The European: Auch in Osteuropa gibt es viele Beispiele für gescheiterte oder unvollständige Transformationen. In Ungarn oder Georgien etwa.
Smale: Ja, natürlich gibt es in Osteuropa viele Beispiele unvollständiger Transformationen. Es geht dabei nicht unbedingt um Rechtspopulismus. Ich will nicht übertreiben, aber die Tendenz zum Populismus ist in vielen Ländern vorhanden. In Ungarn gab es eine Reformregierung der Sozialisten zu kommunistischen Zeiten, die auf friedlicher Basis entschieden hat, nicht mehr die „sozialistische Republik Ungarn“, sondern nur noch die „Republik Ungarn“ sein zu wollen. Und das, bevor es in den anderen Ländern losging. Es wirkte alles so gut, dann kam Herr Gyurcsány an die Macht, dem Korruption vorgeworfen wird und der auf jeden Fall gelogen hat, was die Wirtschaft in Ungarn anbelangt.

Es ist also kein Wunder, dass die Ungarn sich zu Viktor Orbán wenden. Er war ja schon mal Ministerpräsident und hat mehr als 20 Jahre eine Rolle in der Politik gespielt. Er war ja einer der mit daran gearbeitet hat, den Kommunismus zu stürzen. Er ist ein effektiver Politiker, ein guter Redner. Ich bin nicht bereit, das alles als Rechtspopulismus abzutun. Man muss genau schauen, wie die Umstände in der Gesellschaft sind. Und nicht, wie die Umstände in unserer Idealgesellschaft sein könnten.

The European: Die Europäische Union hat ein starkes Interesse an einem stabilen Nordafrika.
Smale: Absolut.

The European: Wie kann und sollte sie dann auf die Umbrüche reagieren?
Smale: Die Europäische Union hat momentan ihre eigenen Probleme und ist deswegen völlig abgelenkt von dem, was sie in Nordafrika tun könnte. Ich war fasziniert von einem Zukunftsprojekt, was hier auf dem DLD vorgestellt wurde: eine große Brücke zwischen Gibraltar und Nordafrika. Das werden wir natürlich nicht morgen bauen, aber es ist der Gedanke daran, den wir brauchen. In einer globalisierten Welt ist der Flug nach New York wie Bus fahren geworden. Das gilt aber nicht dafür, wenn man ins Flugzeug steigt, um nach Marokko zu fliegen.

The European: Hört diese Art der Globalisierung vor den Toren Europas auf?
Smale: Ich denke, es gibt zwei Gesichtspunkte der Globalisierung. Wenn man ein junger Mensch in Nordafrika ist und keine Ausbildung und Job hat, dann schaut man: Wo ist die nächste Möglichkeit, wo ich arbeiten kann? Das ist in Europa. Die andere Seite ist, dass in Deutschland in der Zukunft Arbeitskräfte gebraucht werden. Es gibt ein Demografieproblem. Aber ich kenne keinen deutschen Politiker, der sagt: Ich möchte Algerier oder Marokkaner nach Deutschland einladen.

The European: Neben den rein europäischen Problemen steht die globale Perspektive der EU. Wie wird die in den USA wahrgenommen? Sind wir nur noch ein strategischer Partner?
Smale: Das Verhältnis zwischen Europa und Amerika war nie so eindeutig positiv, wie es jetzt dargestellt wird. Das gilt in beide Richtungen. Klar ist: Obama hat deutlich gesagt, dass er der Präsident des pazifischen Ozeans und nicht des Atlantiks ist. Natürlich bedeutet das nicht, dass Europa nicht mehr von Bedeutung ist – ein strategischer Partner wird die Region immer sein. Dennoch wünschen sich viele Amerikaner, dass Europa seine Probleme selbstständig löst und etwa aktiver die Beziehungen zu Russland, Nordafrika und dem Nahen Osten knüpft. Insbesondere hier ist doch eine der weltweit interessantesten Lagen entstanden, nachdem die USA Stück für Stück ihre Präsenz in der Region verringert haben. Sei es in Israel oder in den Golfstaaten. Jetzt gehören Frankreich, die Türkei und zukünftig auch Ägypten zu den wichtigsten Spielern. Die Karten werden neu gemischt.

Dieses Interview entstand im Rahmen der DLD-Konferenz 2012 in München. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

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