In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher. Alexander Kissler

Die iranische Aufklärung

Iran ist im Wandel. Was Europa und die christliche Welt in der Zeit der Aufklärung in zwei Jahrhunderten durchlaufen haben, erlebt die iranische Gesellschaft seit gerade einmal 60 Jahren.

Es gibt Menschen, die das alles beherrschende Verständnis vom Islam nicht mehr akzeptieren wollen und deswegen die Machtverteilungsfrage stellen. Ein Teil dieser Menschen glaubt an ein demokratisches System mit islamischen Werten als dessen Grundlage. Ein anderer Teil verlangt ein säkulares System. Und natürlich gibt es diejenigen, die erfolgreich ihre Existenz auf das vorherrschende System aufgebaut haben, das System des geistigen Oberhaupts.

Das System nach 1979

Das stellt eine Regierungsform dar, bei der eine einzige Person nicht nur in fast allen Belangen der Gesellschaft, sondern auch im Privatleben der Bürger das letzte Wort hat und seine Macht pyramidenförmig nach unten weitergibt.

Dazu kommt noch, dass dieses Regime schon bei seiner Gründung vor 30 Jahren einen sehr hohen Blutzoll von den Menschen abverlangt hat. Man schätzt, dass während der ersten Jahre nach der Revolution ca. 250.000 Menschen getötet wurden. Das unglaubliche Blutvergießen erschwert natürlich einen friedlichen Dialog und den Wunsch nach Wandel.

Iran und der Westen

Die aktuelle Situation birgt aber meiner Meinung nach noch einen weiteren Aspekt, der mindestens genauso wichtig ist, und das ist Irans schizophrene Beziehung zum Westen. Der Westen hat sich nie für einen demokratischen Iran interessiert. Ganz im Gegenteil, immer wenn die Iraner es geschafft hatten, eine Diktatur zu stürzen und eine demokratische Regierung zu etablieren, kam der Westen und stürzte die Demokratie. So war das 1911 bei der konstitutionellen Revolution, als Großbritannien und Russland den gerade gestürzten Schah unterstützten.

Dasselbe geschah 1953, als der gewählte Premierminister Mossadegh nach der Verstaatlichung des Erdöls von den Amerikanern weggeputscht wurde. Sogar während der Revolution 1978 war dem Westen jegliche Regierungsform lieber als eine kommunistische oder demokratische Regierung. Aus diesem Grund unterstützte man die Mullahs, solange es ging. Als die Studenten am 4. November 1979 die amerikanische Botschaft stürmten, setzten sie der islamisch-westlichen Liaison ein jähes Ende. Doch auch daraus wusste der Westen Profit zu schlagen. Man ermunterte Saddam, Iran anzugreifen, und war immer da, wenn er in Not war. So hatte man gleich zwei Diktatoren aufeinandergehetzt und von sich abhängig gemacht. Als der Krieg 1981–1988 tobte und fast einer Million Menschen auf beiden Seiten das Leben kostete, belieferten die westlichen Staaten beide Länder, die unter dem UN-Waffenembargo litten, mit völlig überteuerten Waffensystemen und bezogen dafür deren Erdöl für einen Bruchteil des Preises (sieben bis acht Dollar pro Barrel)!

Historisch gesehen ist also ein Misstrauen gegenüber dem Westen nachvollziehbar. Auf der anderen Seite wäre aber eine ernsthafte Partnerschaft etwas, was nicht nur den beiden Seiten, sondern auch der ganzen Region helfen könnte, zu ersehntem Frieden und Freiheit zu gelangen. Nur ein ernsthaftes und für beide Seiten interessantes Gespräch kann helfen, die beiderseitigen Ängste und das gegenseitige Misstrauen abzubauen.

Ich bin mir sicher, dass das alles passieren wird. Es wird einen freien und demokratischen Iran geben, und die Region wird zu Ruhe kommen, und der Westen wird lernen, mit den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens nicht wie mit Ländern zweiter oder dritter Klasse umzugehen. Die Frage ist nur, ob ich es noch erleben werde?

Ich wünsche es mir sehr.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anonym , Kazem Moussavi, Saba Farzan.

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