Ihr seid nicht nur Konsumenten. Ihr seid Bürger, das heißt Gestalter, Mitgestalter. Joachim Gauck

Merkwürdige Parallelwelt

In Pseudo-Dokus zeigen Sat1 und RTL2 das Leben in Berlin. Furchtbar.

Kennen Sie das Gefühl? Dieses Gefühl, im falschen Film zu sein? Irgendwie anders?

Vor Kurzem war es bei mir mal wieder so weit. Da ich krankheitsbedingt an die Wohnung gefesselt war, verbrachte ich viel Zeit vor dem Fernseher. Und beim Zappen durch das sehr bescheidene Vormittagsprogramm blieb ich an einer Sendung hängen bzw. an der Wiederholung selbiger: „Berlin – Tag und Nacht“ auf RTL2.

Alles wirkt unglaubwürdig und einfach doof

Ich weiß selbstverständlich, dass der Sender nicht für Bildungsfernsehen bekannt ist, aber „Berlin – Tag und Nacht“ zieht mir schlichtweg die Schuhe aus. Es vermittelt mir das Gefühl, in einer Art Parallelwelt zu leben. Denn wie der Name schon verrät, spielt die Serie in Berlin. Der Stadt, in der ich auch lebe. Aber mein Leben hat mit dem auf der Mattscheibe so gar nichts zu tun. Da drängen sich eine ganze Menge Fragen auf: Ist das Leben da draußen wirklich so? Stellen die Figuren einen Querschnitt der Berliner Bevölkerung dar? Und was bedeutet das für mich?

Die Sendung wird seit Herbst 2011 wochentags ausgestrahlt. Im Mittelpunkt stehen die Alltagssorgen der Bewohner dreier WGs in Berlin. So weit, so gewöhnlich. Und trotzdem furchtbar.

„Berlin – Tag und Nacht“ zeichnet sich durch einen rüden Umgangston aus. Sprechen in normaler Tonlage und ohne gereizten Unterton scheint den Protagonisten nicht möglich. In den Beziehungen ist Betrug an der Tagesordnung und Vertrauen dementsprechend wenig bis gar nicht vorhanden. Alles wirkt unglaubwürdig und einfach doof.

Aber offenbar ist dieser Kram richtig beliebt, denn die Produktion scheint sich für den Privatsender zu rechnen. Bislang sind schon über 300 Folgen produziert worden und ein Ende ist nicht absehbar. Ich weiß nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll, ob der Tatsache, dass aufgrund des großen Erfolgs von „Berlin – Tag und Nacht“ im vorigen Jahr keine neue Staffel „Big Brother“ produziert wurde. Das lief nämlich sonst auf dem Sendeplatz.

Richtig verstörend sind die 2,5 Millionen Likes auf Facebook. So viele Menschen können sich nicht irren, haben nicht aus Versehen auf den Button mit dem Daumen nach oben geklickt. DVDs gibt es natürlich auch schon zu kaufen. Und ein Spin-off hat zu Beginn dieses Jahres das Licht der Welt erblickt. „Köln 50667“ konnte bereits über 500.000 Likes einsammeln. Und damit die Zuschauer auch den Zusammenhang zwischen beiden Sendungen begreifen, ist eine der Berlin-Protagonistinnen nach Köln gezogen.

Glücklicherweise geben sich keine Schauspieler für diese schreckliche Sendung her. Nein, zu Scripted Reality gehören selbstverständlich Laiendarsteller und Dialoge, die furchtbar ausgedacht klingen. Allerdings hat es der Sender geschafft, der ganzen Chose eine gewisse Authentizität zu verleihen. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion wird dadurch erschwert, dass es zwischen den Darstellern und ihren Charakteren eine ganze Menge Gemeinsamkeiten gibt. Lutz Schweigel ist zum Beispiel auch im wahren Leben Personal Trainer, so wie die von ihm dargestellte Figur Joe. Auf der zur Sendung gehörenden Facebook-Seite herrscht Hochbetrieb; es werden Videos, Fotos und Posts veröffentlicht, die den Eindruck vermitteln, als würden die Figuren private Eindrücke mit den Fans teilen. Und diese liken und kommentieren eifrig. Die Grenzen zwischen Figur und Darsteller verschwimmen zusehends. Es würde mich daher nicht wundern, wenn so einige das Gezeigte für bare Münze nähmen.

Die Konkurrenz schläft natürlich auch in diesem Feld nicht. Sat1 wollte ein Stück vom Erfolgskuchen abhaben und ging Ende Januar mit „Patchwork Family“ an den Start. Die Serie spielt ebenfalls in Berlin und hat etwa gleich viele Haupthelden wie „Berlin – Tag und Nacht“ zu bieten. „Begleitet“ wird hier ein Paar, das jeweils vier Kinder mit in die Beziehung bringt und zu Beginn der Serie in ein gemeinsames Haus gezogen ist. „Patchwork Family“ vermittelt mir dasselbe Gefühl der Parallelwelt wie sein RTL2-Pendant. Und dass, obwohl ich selber aus einer Patchwork-Familie komme. Aber bei uns ist das irgendwie anders. Es gibt nicht „die trotzige Rebellin“, „die hellwache Tussi mit Herz“ oder „den draufgängerischen Grenzgänger“. So preist Sat1 die Helden seiner Serie auf der offiziellen Seite an.

Macht euch lieber ein eigenes Bild

Bei dem Gedanken daran, dass die Zuschauer der beiden Sendungen glauben könnten, in Berlin ginge es an jeder Straßenecke so zu, wird mir schlecht. Kein Wunder, dass die Disziplin „Schimpfen auf die Hauptstadt“ gerade wieder Hochkonjunktur genießt, wenn die Republik neben dem BER-Desaster auch noch solche Pappnasen ins Wohnzimmer geliefert bekommt. Man möchte den Menschen zurufen: „Kommt lieber nach Berlin und lernt richtige Berliner kennen. Glaubt nicht, was euch eine Kölner (!) Produktionsfirma als Leben in der Hauptstadt verkauft. Macht euch lieber ein eigenes Bild.“ Aber ich fürchte, das ist vergebene Liebesmüh.

Einen ganz kleinen Lichtblick gibt es allerdings, „Patchwork Family“ ist – obwohl auch von filmpool produziert – nicht annähernd so erfolgreich wie „Berlin – Tag und Nacht“. Im Gegenteil: Die Quoten sind so mies, dass die Wiederholung am Wochenende gestrichen wurde. Und bei Facebook konnte die Sendung bislang „nur“ 82.000 Likes sammeln. Das lässt hoffen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexandra Schade: Bitte nicht

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