Macht ist das stärkste Aphrodisiakum. Henry Kissinger

Bitte nicht

Die DTM denkt offenbar über ein Rennen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof nach. Hoffentlich erteilt die Stadt diesem Ansinnen eine Absage.

Freiflächen wecken Begehrlichkeiten. Große Freiflächen noch mehr. Und bei so riesigen Freiflächen wie dem ehemaligen Flughafen Tempelhof sind den Wünschen Tür und Tor geöffnet.

Die neueste Idee: ein Rennen der DTM. Die Veranstalter der Rennserie haben offenbar an die Türen der Berliner Politik geklopft und sich erkundigt, wie es denn so aussähe mit einem Rennen in Tempelhof. Drehen Bruno Spengler, Martin Tomczyk, Gary Paffett und Co. also vielleicht schon bald in Berlin ihre Runden?

Bitte nicht. Hoffentlich setzt sich Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) mit seiner Meinung durch, die vom „Tagesspiegel“ folgendermaßen zitiert wird: „Eine Rennstrecke passt nicht in die Entwicklungsplanung für den Park.“

Kein gutes Signal für Anwohner und Investoren

Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, denn eine Rennstrecke würde den Entwicklungen der vergangenen Jahre komplett zuwiderlaufen. Da schließt man den Innenstadtflughafen, erlöst die Anwohner endlich vom Fluglärm, um ihnen dann nur wenige Jahre später eine Rennstrecke vor die Nase zu setzen? Was wäre denn das für ein Signal, auch für künftige Investoren? Schließlich sind Wohnungsneubauten am Rand des ehemaligen Flugfeldes geplant – eine Rennpiste dürfte einige abschrecken und die Attraktivität der Gegend schmälern.

Zudem ist in Berlin seit einiger Zeit schon eine Abwendung vom Auto zu beobachten. So gilt seit dem 1. Januar 2008 innerhalb des S-Bahn-Ringes, in dem sich auch der ehemalige Flughafen befindet, eine Umweltzone. Die Feinstaubbelastung ist seitdem deutlich zurückgegangen. Man ist in Berlin auch nicht zwingend auf ein Auto angewiesen, denn trotz aller Sauereien bei der S-Bahn ist der ÖPNV sehr gut. Die Fahrradinfrastruktur hat sich ebenfalls merklich gebessert. Und nicht zuletzt wird Parken in der Innenstadt auch beständig teurer. All das schlägt sich in den Statistiken nieder. So waren im Jahr 2011 etwa 1,1 Millionen PKW in Berlin zugelassen. Das bedeutet, dass also weniger als die Hälfte der Hauptstadtbewohner ein Auto besitzt. Ein Autorennen mit dröhnenden Motoren ist da nur schwerlich vorstellbar.

Bevor die Motorsportliebhaber jetzt noch weiter aufheulen – selbst wenn der Senat den Wunsch der DTM nicht erhört, muss man gar nicht weit fahren, um doch noch in den Genuss von viel PS zu kommen. Seit dem Jahr 2000 gibt es, etwa 115 km südlich von Berlin und 55 km nördlich von Dresden und direkt an der A 13 gelegen, den Lausitzring (offizieller Name: EuroSpeedway Lausitz). Konzipiert als Ersatz für die Berliner AVUS, ist die DTM hier regelmäßig zu Gast, ebenso wie andere Rennserien. Ein Rennen in Berlin schüfe eine unnötige Konkurrenz für eine Region, die immer mit dem Adjektiv „strukturschwach“ beschrieben wird.

Eine Rennstrecke wäre nicht zukunftsgewandt

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welchen Nutzen Berlin von einer solchen Veranstaltung hätte. Im Gegensatz zu anderen Orten müssen hier nicht auf Teufel komm raus neue Attraktionen geschaffen werden, um Besucher in die Stadt zu locken. Auch ohne Rennstrecke ist die deutsche Hauptstadt ein beliebtes Reiseziel, die Übernachtungszahlen steigen seit Jahren.

Wirklich innovativ wäre und noch attraktiver würde die Stadt, wenn das Nachnutzungskonzept für den ehemaligen Flughafen aufgehen würde. Die Ansätze stimmen optimistisch, aber eine Rennstrecke würde ganz einfach nicht dazu passen, da sie doch alles andere als zukunftsgewandt wäre.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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