Schwer zu definieren, wofür wir stehen. Benedict Pöttering

Richtungsentscheid

Aus, vorbei und zwar endgültig: Seit vergangenem Dienstag ist das Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte endgültig geräumt. Die Nachnutzung ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Stadt.

Kaum ein anderes Berliner Haus dürfte so eine bewegte Geschichte hinter sich haben wie das Tacheles. Ursprünglich ein Kaufhaus, wurde es 1914 zwangsversteigert. In den folgenden Jahrzehnten beherbergte es die verschiedensten Nutzer – AEG, NSDAP, FDGB und schließlich die Künstlerinitiative Tacheles, die das Haus bzw. das, was davon noch übrig war, in der Wendezeit besetzte, somit vor dem Abriss rettete und es in den 90er-Jahren zu einem wichtigen kulturellen Zentrum der Stadt entwickelte. Es gab Ateliers, ein Kino, Ausstellungsflächen und ein Theater. Namhafte Künstler wie z.B. Sasha Waltz führten hier ihre Werke auf und dieser Ort an der Oranienburger Straße wurde zu einem beliebten Ausflugsziel für Touristen.

Symbol für das Dilemma Berlins

1998 wurde das Areal verkauft. Ich vermute, dies geschah im Zuge der großen Privatisierungswelle, von der man heute weiß, dass sie ein Fehler war – siehe Berliner Wasserbetriebe oder den Wohnungsmarkt. Wie dem auch sei, Neueigentümer und Künstlerinitiative schlossen einen Mietvertrag bis zum Jahresende 2008. Nach Ablauf desselben konnte man sich auf keinen neuen mehr einigen und der Verein musste schließlich 2009 Insolvenz anmelden. Dies ist in der Rückschau gesehen vermutlich der Anfang vom Ende des Tacheles, die endgültige Räumung am 4. September 2012 war da nur noch der letzte Schritt. Das erklärt vielleicht auch, warum der Schlussstrich so friedlich ablief, überhaupt kein Vergleich zum Wohnprojekt Liebig 14 welches Anfang des vorigen Jahres geräumt wurde. Bis auf die Kamerateams sah es vorm Tacheles am vergangenen Dienstag aus wie sonst eigentlich auch immer.

Die Künstler sind weg und zum größten Teil mit neuen Räumlichkeiten in Neukölln versorgt, das Haus verlassen. Wie geht es nun aber weiter?

Vielleicht ist hier in den vergangenen Jahren nicht mehr die Kunst gemacht worden, wie noch in den 90ern. Viele empfanden das ziemlich heruntergekommene Haus als einen optischen Schandfleck. Aber kaum ein anderer Ort symbolisiert das Dilemma, in dem sich Berlin seit einiger Zeit befindet, so deutlich. Es geht um nichts weniger als die künftige Entwicklung der Stadt. Welchen Weg will man einschlagen? Wie sehr kommt man Investoren entgegen, die versprechen, Geld in die Stadt zu bringen? Wie viele Freiräume leistet man sich – für die eigene Bevölkerung einerseits und die Touristen andererseits, die die alternative Kultur Berlins vor Ort bestaunen wollen? Wie viel Unterstützung ist einem die Kreativwirtschaft wert, die an anderer Stelle immer als wichtiges Standbein gelobt wird? Welche Vorstellungen hat man von einer lebendigen Innenstadt?

Um die Oranienburger Straße machen die meisten Berliner schon jetzt einen großen Bogen, weil sie sich in den vergangenen Jahren in eine große Touristenfalle verwandelt hat. Hier reiht sich ein mittelmäßiges Restaurant ans andere, kreischend bunte Aufmachungen und aufdringliche Herren und Damen auf dem Bürgersteig werben mit billigen Cocktails und durchschnittlichem Essen zu halbwegs annehmbaren Preisen um die internationale Kundschaft. Zwischendurch gibt es ein paar Läden, Ferienwohnungen und Hotels. Sehenswürdigkeiten wie die Galerie im Postfuhramt schließen, weil die neuen Besitzer anderes damit vorhaben; in dem Fall die Errichtung eines Hotels sowie von Wohnungen.

Der Eigentümer des Tacheles-Geländes, die HSH Nordbank, möchte das Grundstück gern versteigern. In Top-Lage dürfte es an potenziellen Käufern nicht mangeln und der arg durch die Finanzkrise gebeutelten Bank etliche Millionen Euro in die klamme Kasse spülen.

Hier entscheidet sich die Zukunft Berlins

Der neue Besitzer wird sich allerdings an ein paar Auflagen zu halten haben. So ist eine kulturelle Nachnutzung festgeschrieben und der Senat wolle sich, so Kulturstaatssekretär André Schmitz, „nachhaltig für dieses Anliegen einsetzen“.

Das muss er auch, denn so dramatisch es auch klingt – hier entscheidet sich nicht weniger als die Zukunft Berlins.

Ein neues Tacheles wird es nicht geben. Diese Vorstellung ist illusorisch und naiv. Zumal es auch nicht das Gleiche wäre. Man wird dem neuen Besitzer auch nicht verbieten können, Geld mit seiner Investition verdienen zu wollen. Schön wäre ein Ort, an dem alle gleichermaßen Freude haben. Damit könnte man die ganze Gegend retten und sie auch den Einheimischen wieder näherbringen, einen Platz schaffen, an dem man sich gerne aufhalten will.

Versagen Politik und Anwohner jedoch dabei, droht die Gefahr einer leblosen Innenstadt. Noch ein seelen- und charakterloses Einkaufszentrum bringt überhaupt keinen Mehrwert. Die Stadt verlöre an Attraktivität und irgendwann gäbe es kaum noch einen Grund, hier überhaupt her zu kommen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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