Berlin schwimmt

Alexandra Schade14.07.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Jeder Tag ist grau, Gewitter und Hagelschauer sind an der Tagesordnung. Warum Sie sich trotzdem nicht den Strick nehmen müssen.

Ich vertrage Sonne nicht gut. Hitze macht mich schlapp und meine Haut zu schnell rot. Vom Kleben an Sitzen und ständigem Schwitzen ganz zu schweigen. Menschenmassen finde ich im Sommer noch unangenehmer als sonst und meine Wasserrechnung schnellt wegen häufigen Wäschewaschens aufgrund von dreimal täglich Umziehen bedenklich in die Höhe.

Meckern geht immer

Das alles hält mich natürlich nicht davon ab, mich über den verregneten Sommer zu beschweren. Der graue Himmel schlägt mir aufs Gemüt, mir ist zu kalt und inzwischen finde ich es schon gar nicht mehr seltsam, mit den Stiefeln durch die Gegend zu laufen, die ich auch im letzten November trug. Wo ist er nur, der Sommer? „Iss dein Gemüse auf, dann wird morgen schönes Wetter“ kann nicht mehr so richtig stimmen. Bekommen wir nun am eigenen Leib den Klimawandel zu spüren? Zugegeben, im Vergleich zu den Unwettern in Russland und Japan und den gleichzeitigen Hitzewellen in den USA und Griechenland ist das bisschen Regen in Berlin doch echt nicht so wild, aber trotzdem: Sommer geht anders. Das wiederum bedeutet nicht, dass man dem grauen Treiben da draußen nicht doch etwas Positives abgewinnen kann. Zunächst einmal wird das zutiefst menschliche Gefühl der Schadenfreude befriedigt. Während man selbst weiterhin seine Tage im Büro verbringen muss, können die anderen ihren Urlaub wenigstens nicht genießen. Man kann auch endlich die Dinge tun, die man eigentlich gerne macht, sich im Sommer aber verbietet – ins Kino gehen oder ins Museum oder am Wochenende einfach im Bett liegen und ein gutes Buch lesen. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Die Risiken von Hautkrebs und Kreislaufproblemen sinken, wenn die Sonne nicht knallt. Wir müssen uns beim Essen nicht zurückhalten und können die Abstände zwischen den einzelnen Besuchen im Fitnessstudio beliebig ausdehnen – die Bikini-Figur bekommt ja eh niemand zu Gesicht; eventuelle Problemzonen lassen sich bei kalten Temperaturen deutlich besser kaschieren als bei 35 Grad. Außerdem trinken wir weniger, da man sich eben nicht mal auf ein Bier im Park oder der Strandbar trifft. Der Regen bringt die Menschen auch näher zusammen. Wenn man in der Mittagspause vom Wasser von oben überrascht wird, bleibt man dieser Tage einfach länger sitzen und lernt so den einen oder anderen Kollegen besser kennen. Oder man kommt mit völlig Fremden ins Gespräch, weil man sich zufällig denselben Unterstand ausgesucht hat. Und auch Konzerte unter freiem Himmel entwickeln einen ganz besonderen Charme. Das Ärzte-Konzert in der Wuhlheide vor ein paar Wochen ist gerade wegen der fünf Stunden Dauerregen unvergesslich, im besten Sinne. Die Band ließ ihre Fans nicht so lange warten wie bei den Konzerten an den vorangegangenen Abenden und nutzte die erlaubte Spielzeit trotzdem voll aus. Die Menschenmenge war ungewöhnlich bunt aufgrund der vielen Schirme, Capes, Ponchos, Regenjacken oder zweckentfremdeten Mülltüten, die Stimmung ausgelassen. Alles prima also.

„Haben wir heute schon übers Wetter geredet?“

Nicht zuletzt bietet uns dieser Sommer auch immer ein Gesprächsthema. „Haben wir heute schon übers Wetter geredet?“ ist so viel mehr als nur eine Floskel zum Überbrücken von peinlichen Gesprächspausen, sondern im Gegenteil, ein hilfreicher Gesprächseinstieg. Fünf Grad mehr und kein Regen dürften es allerdings trotzdem sein.

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