Durch den Bruch ist eine totale Leere entstanden. Christian Mackrodt

Wollt ihr den totalen Abriss?

Heiner Geißler hat in dieser Woche mit der Forderung, die Berliner Siegessäule zu sprengen, für Aufregung gesorgt. Konsequent weitergedacht, dürfte in Berlin kaum noch ein Wahrzeichen stehen.

„Das ist das unnötigste und auch sinnloseste Denkmal, das in Deutschland herumsteht“, sprach Heiner Geißler in dieser Woche und meinte damit „diese dämliche Siegessäule“. Groß war die Empörung, vor allem weil sich der CDU-Politiker für die Sprengung des Denkmals aussprach.

Die „Goldelse“ treibt ihn schon länger um

Die Kritik Geißlers ist unterdessen nicht neu. Bereits im Februar 2012 trieb ihn die „Goldelse“ um. In einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ setzte er zu einer umfassenden Kritik des Geschichtsverständnisses in Berlin an:

Rechtskonservatives und deutschnationales Gedankengut ist offensichtlich nicht auf Glatzköpfe und NPD-Funktionäre beschränkt, sondern breitet sich ungestört auch in städtischen Ämtern und Parlamenten aus. Die Stadt Berlin findet nichts dabei, dass das dümmste Monument der Republik, nämlich die Siegessäule mit ihren blutrünstigen Reliefs und eingelassenen Kanonenrohren, mit denen die Preußen auf Württemberg, Österreicher, Hessen und Franzosen geschossen hatten, umgeben von Standbildern der preußischen Generalität, mitten in der deutschen Hauptstadt ihren Standort hat.

Starke Worte von jemandem, der vielen in der Schlichtung um Stuttgart 21 mit den Worten „Wollt ihr den totalen Krieg?“ in Erinnerung geblieben ist. Vor allem gerieten Geißlers eigentliche Anliegen – die Benennung einer Straße nach Matthias Erzberger sowie das grundsätzliche Überdenken der Ausgabenpolitik im Kulturbereich – aus den Augen. Bei seiner Kritik zum Wiederaufbau des Stadtschlosses bin ich nämlich ganz bei ihm.

Ich glaube, dass die meisten Berliner die Geschichte der Siegessäule nicht kennen. Für die Mehrheit dürfte sie einen Orientierungspunkt bei Großveranstaltungen darstellen, sei es in den 90er-Jahren auf der Loveparade oder seit 2006 als ein Ende der Fanmeile. Andere wiederum werden sich an die Rede von Barack Obama vor 200 000 Menschen erinnern und einige denken sicherlich bei „Siegessäule“ zuerst an das lesbisch-schwule Stadtmagazin.

Von Deutschtümelei und Nationalismus wie von Herrn Geißler beschrieben also keine Spur. Mal davon abgesehen, halte ich das Abreißen von Denkmälern für den falschen Weg, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. So geraten Ereignisse eher in Vergessenheit, als dass sie ins nationale Gedächtnis übergehen und aufgearbeitet werden. Und wer bitte darf entscheiden, welche Denkmäler stehen bleiben dürfen und welche nicht? Wenn man Geißler konsequent weiterdenkt, müsste man auch andere Preußen-Bauten wie Brandenburger Tor, Staatsoper oder Reichstag abreißen.

Etwas Konstruktives hat Geißlers Kritik

Die Deutschen sind weltweit geschätzt für ihre Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur. Offenbar hat man das bei der Siegessäule vernachlässigt, denn ein Denkmal, das Kriegserfolgen gewidmet ist und mit erbeuteten Kanonenrohren verziert ist, mutet in der Tat etwas seltsam an. Aber hier kann man ja nachbessern und aufklären und das ist vermutlich das einzig Konstruktive, was man aus Herrn Geißlers Äußerungen mitnehmen kann. Dass das funktionieren kann, zeigt übrigens ein Bauwerk in der unmittelbaren Nachbarschaft der Siegessäule – das sowjetische Ehrenmal im Tiergarten. Jenes wird von zwei Panzern und zwei Kanonen flankiert, die im Zweiten Weltkrieg im Einsatz waren. Und das wollen sie ja nicht sprengen, oder Herr Geißler?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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