Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Erst denken, dann schreiben

Mein Unwort des Jahres finde ich so furchtbar, dass ich es am liebsten gar nicht mehr aussprechen bzw. aufschreiben würde, aber wohl muss, weil sonst niemand weiß, was ich meine. Aber nur noch einmal: Döner-Morde.

Googelt man besagtes Unwort, erhält man über 600.000 Treffer. Schaut man sich diese dann etwas genauer an, entdeckt man, dass im Prinzip alle deutschen Medien diese unsägliche Wortschöpfung in ihren Sprachgebrauch übernommen haben. Wer hat denn da nicht mitgedacht?

Verpasste Chance für die vierte Staatsgewalt

Der Begriff ist despektierlich und zudem völlig unzutreffend. Lebensmittel töten für gewöhnlich nicht, allenfalls indirekt. Aber von Lebensmittelvergiftung kann im Falle der Zwickauer Neonazis keine Rede sein. Zudem arbeiteten von den neun Opfern nur zwei in der Döner-Branche. Wie passen außerdem die anderen dem Zwickauer Trio zur Last gelegten Taten zu diesem Begriff? Die ermordete Polizistin aus Heilbronn, die Überfälle und das Nagelbombenattentat in Köln?

Die Bezeichnung hat für mich gleichsam etwas Distanzierendes, so als ob es sich bei den Opfern nicht um Menschen handeln würde. Das tut es aber und es wäre ein Fehler, wenn man versuchte, durch Sprache den Taten ihren Schrecken zu nehmen. Drei Menschen, die bereits als Neonazis bekannt waren, ist es gelungen, seit Ende der 90er-Jahre dem Zugriff der Behörden zu entgehen und mordend durchs Land zu ziehen. Mehr oder minder zufällig flog der „Nationalsozialistische Untergrund“ Anfang November auf – durch die Selbstmorde von Uwe B. und Uwe M. und ihr abgebranntes Wohnmobil sowie die von Beate Z. ausgelöste Explosion eines Wohnhauses in Zwickau. Die Ermittlungsbehörden und auch der Verfassungsschutz stehen in keinem besonders guten Licht da. Die Frage, wie es sein kann, dass die Verbrechen so lange unaufgeklärt geblieben sind, wird wohl nie zufriedenstellend beantwortet werden können.

In diesem Fall gibt es so viel zu kritisieren, zu hinterfragen, anzuprangern und aufzuklären, sodass er ein Paradebeispiel für den viel bemühten Begriff der Medien als vierter Staatsgewalt hätte werden können. Und lediglich dieses schreckliche Schlagwort ist dabei herumgekommen? Ich würde nicht so weit gehen wollen, allen Medien, die diesen Begriff benutzten, latenten Rassismus zu unterstellen oder zu behaupten, daraus würde die Einstellung der Deutschen gegenüber Migranten deutlich. Ich fürchte einfach, dass die Gier nach einer guten Schlagzeile schlichtweg übermächtig war und man über mögliche Folgen einfach nicht nachgedacht hat. Gerade Medienschaffenden sollte allerdings klar sein, welche Macht Sprache entfalten kann; dass sie gleichsam aufbauend und verletzend sein kann. Sie definiert, wer dazugehört und wer nicht.

Der Kampf gegen Rechts ist noch nicht gewonnen

Die inzwischen erfolgte Selbstkritik ist sehr zu begrüßen und es wäre wünschenswert, wenn die Medienbranche daraus gelernt hätte und in Zukunft vielleicht lieber ein wenig länger über die Wirkung von Worten nachdenkt, bevor sie losschreibt. Der jetzt verwendete Begriff der „Neonazi-Mordserie“ ist nicht nur weniger menschenverachtend, sondern auch viel passender. Er macht klar, dass es in Deutschland sehr wohl rechte Gewalt gibt und es ist zu hoffen, dass sich der politische Aktionismus nicht mit der gemeinsamen Erklärung aller Bundestagsfraktionen, der Eröffnung des Abwehrzentrums gegen Rechtsextremismus und der Prüfung eines erneuten NPD-Verbotsverfahrens erschöpft hat. Die Taten des „NSU“ müssen restlos aufgeklärt und alle möglichen Ermittlungspannen und Verstrickungen des Verfassungsschutzes schonungslos aufgedeckt werden. Denn klar ist, dass der Kampf gegen rechts auch mit dem Ende des „NSU“ noch längst nicht gewonnen ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sören Musyal, Florian Guckelsberger, Alexander Görlach.

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