Berlin in der Nussschale

von Alexandra Schade28.10.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Berlins zentraler Platz ist weder schön noch lädt er zum Bleiben ein. Aber man kann echtes Berlin erleben – alle Facetten.

Berlin-Alexanderplatz am Samstagvormittag: Die Menschen strömen zu Hunderten in die Geschäfte, vor der Galeria Kaufhof kann man Fellmützen kaufen, ein Infostand von Büso versucht neue Mitglieder zu gewinnen, unter der S-Bahn-Brücke gibt es Live-Musik, die Grill-Walker nehmen so langsam ihre Arbeit auf, auf dem Platz werden Bierbänke aufgebaut, an der Weltzeituhr demonstriert eine kleine Gruppe von Globalisierungsgegnern, deren Botschaft aber aufgrund der häufig über den Platz fahrenden Straßenbahnen nicht in allzu viele Ohren dringt, Touristen fragen Einheimische, wie man denn von hier am besten zum Fernsehturm komme, der WWF sammelt Spenden, in einem Truck des Roten Kreuzes kann man Blut spenden und auch die härtesten Partymacher schlüpfen nun endlich aus den Clubs heraus ans Tageslicht.

Der Alex ist Berlin in konzentrierter Form

Es lohnt sich, einmal einen Moment innezuhalten, das emsige Treiben zu beobachten und einfach auf sich wirken zu lassen. Ich finde es faszinierend. Der Alex ist für mich Berlin in konzentrierter Form: nicht unbedingt schön, aber hier ist immer was los und ebenso wie die Großstadt Berlin, “wandelt sich auch der Alex konstant”:http://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderplatz. Einst Paradeplatz für das Militär und Viehhandelsplatz für die Bauern, wurden der Platz und die anliegenden Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erst in den 60er- und 70er-Jahren bekam er sein heutiges Aussehen. So entstanden etwa die Weltzeituhr, das Centrum-Warenhaus (heute Galeria Kaufhof), das Haus des Lehrers und das Hotel Stadt Berlin (heute Park Inn) zu dieser Zeit. Regelmäßig fanden hier Großereignisse statt wie z.B. die X. Weltjugendspiele oder die Großdemonstration gegen das DDR-Regime wenige Tage vor dem Fall der Mauer.

Jeden Tag kommen Menschen aus allen Ecken der Stadt

Seit der Wende wurde viel saniert, um- und neugebaut. Inzwischen ziehen Alexa und „die mitte“ unzählige Shoppingfans an und seit Ende der 90er-Jahre fährt auch die Straßenbahn wieder. Der Name geht übrigens auf den russischen Zaren Alexander zurück, der 1805 Berlin besuchte und König Friedrich III. benannte den Platz nach ihm. Der Alex zählt zu den am meisten frequentierten Orten Berlins. Aufgrund seiner zentralen Lage und der hervorragenden Verkehrsanbindung kommen hier jeden Tag Menschen aus allen Ecken der Stadt und jeder sozialen Schicht zusammen. Hier offenbart sich die ganze Vielfalt der Hauptstadt, hier muss jeder mal wenigstens für den kurzen Moment des Umsteigens aus seiner kleinen Blase heraus. Es ist allerdings ein wenig schade, dass kaum jemand um des Alexanderplatzes willen dorthin geht. Die Weltzeituhr ist ein praktischer Treffpunkt, aber nicht viel mehr. Cafés und Restaurants sind auch eher spärlich gesät und nicht als kulinarische Highlights bekannt. Gemütlichkeit stellt sich ob des hektischen Treibens nur schwerlich ein.

Noch eine gesichtslose Fußgängerzone?

Von den Umbauplänen ist längst noch nicht alles umgesetzt. Dass die Zukunft der geplanten Hochhäuser unklar ist, finde ich auch gar nicht schlimm. Sozialistische Stadtplanung, wie sie auf dem Alexanderplatz stattgefunden hat, gilt manchem heute als Bausünde. Spricht man jedoch mit Menschen, die den Alex noch aus Ost-Zeiten kennen, wird deutlich, dass der Alex von heute mit dem vor 25 Jahren nicht mehr viel gemeinsam hat. Und was wäre denn die Alternative? Noch eine gesichtslose innerstädtische Fußgängerzone mit unzähligen Geschäften? Das kann es doch auch nicht sein. Gerade weil der Alex so eine Art „Berlin in der Nussschale“ ist, sollte er so belassen werden, wie er jetzt ist. Und wenn Sie wieder einmal dort sind und zur nächsten U-Bahn hetzen, empfehle ich Ihnen, die U-Bahn sein zu lassen und einfach mal zu schauen. Es lohnt sich wirklich.

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