Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Ost bleibt Ost

Über zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung bildet Deutschland noch immer keine Einheit. Während alle Welt nach Berlin strömt, wird direkt vor den Toren der Stadt weiter nach Osttarif bezahlt.

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Der Jahrestag der Deutschen Einheit ist noch keine drei Wochen her und doch ist ein etwaiges Einheitsgefühl schon wieder völlig verflogen. Neben den offiziellen Feierlichkeiten in Bonn wurde diesem historischen Ereignis auch in Berlin gedacht – mit einem großen Konzert am Brandenburger Tor. Blumige Worte gab es auch viele – Angela Merkel sagte in ihrem Podcast: „Wir können mit großem Stolz auf die Wiedervereinigung zurückblicken“, und auch Christian Wulff schrieb in seinem Grußwort an die deutschen Auslandsvertretungen: „Wir freuen uns über die Einheit in Freiheit, die wir Deutsche vor nun 21 Jahren gewonnen haben.“

Die Einheit liegt in weiter Ferne

Darüber freue ich mich selbstverständlich auch, selbst wenn ich zu einer Generation gehöre, welche keine persönlichen Erinnerungen an die Teilung hat. Nichtsdestotrotz frage ich mich dieser Tage wieder einmal, wie weit es eigentlich her ist mit Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land.

Im nächsten Jahr eröffnet endlich der neue Flughafen Berlin-Brandenburg International und nach Tempelhof wird dann auch Tegel Geschichte sein. Die Angestellten werden ebenfalls umziehen – und das ist für einige mit finanziellen Einbußen verbunden. Denn trotz 21 Jahren deutscher Einheit wird in Schönefeld nach Osttarif bezahlt, während für Tegel der Westtarif gilt. Konkret betroffen sind 60 Technik-Mitarbeiter der Lufthansa und 200 Reinigungsmitarbeiter, für die laut DGB und ver.di Einkommensminderungen von 2.500 bzw. 2.000 Euro im Jahr drohen. Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn am Mittwochabend ist erneut eine Gesprächsrunde gescheitert.

Was bitte schön soll das? Und wieso regt sich kaum jemand öffentlich darüber auf? Und warum zum Teufel gibt es hier überhaupt Gesprächsbedarf? Dass man in Mecklenburg-Vorpommern und in Bayern nicht das gleiche Geld für die gleiche Arbeit verdient, ist traurig, aber bis zu einem gewissen Grad noch hinnehmbar, denn die Lebenskosten sind einfach unterschiedlich hoch. Aber in der Hauptstadtregion? Was ändert sich denn an den Lebensrealitäten der Leute, wenn sie im nächsten Jahr nicht mehr in Tegel arbeiten, sondern in Schönefeld? Vom veränderten, eventuell gar verlängerten Arbeitsweg einmal abgesehen, doch rein gar nichts, oder? Schließlich werden die Leute ja jetzt nicht alle massenhaft in den Südosten Berlins ziehen, wo die Mieten unter Umständen niedriger sind als anderswo.

„Warum regt sich niemand auf?“

Läuft man im Jahr 2011 durch Berlin, ist nur schwerlich vorstellbar, dass hier bis 1989 noch die Mauer stand. Und auch wenn ein alteingesessener West-Berliner aus Zehlendorf vermutlich eher selten bis gar nicht einen Fuß nach Lichtenberg oder Hellersdorf setzt und die Marzahner auch wohl eher nicht in Massen an den Wannsee strömen, so sollten doch die Voraussetzungen für ein Zusammenwachsen von Ost und West in Berlin einfach aufgrund der räumlichen Nähe besser sein als anderswo und die Hauptstadt mit gutem Beispiel vorangehen. Bei der Bevölkerung funktioniert das doch auch schon ganz gut. Jedes Jahr ziehen unzählige Menschen hierher, die mithelfen, die ehemalige Grenze weiter zu verwischen, für die Prenzlauer Berg und Kreuzberg in erster Linie attraktive Wohngegenden sind und nicht ein ehemaliger Ost- oder West-Bezirk. Warum zum Geier klappt das dann also nicht auch in der Arbeitswelt?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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