Ost bleibt Ost

Alexandra Schade20.10.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Über zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung bildet Deutschland noch immer keine Einheit. Während alle Welt nach Berlin strömt, wird direkt vor den Toren der Stadt weiter nach Osttarif bezahlt.

Der Jahrestag der Deutschen Einheit ist noch keine drei Wochen her und doch ist ein etwaiges Einheitsgefühl schon wieder völlig verflogen. Neben den offiziellen Feierlichkeiten in Bonn wurde diesem historischen Ereignis auch in Berlin gedacht – mit einem großen Konzert am Brandenburger Tor. Blumige Worte gab es auch viele – “Angela Merkel sagte in ihrem Podcast”:http://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Podcast/2011/2011-10-01-Video-Podcast/links/2011-10-01-text,property=publicationFile.pdf: „Wir können mit großem Stolz auf die Wiedervereinigung zurückblicken“, und auch Christian Wulff “schrieb in seinem Grußwort”:http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2011/10/111003-Grusswort-Einheit-2011.html an die deutschen Auslandsvertretungen: „Wir freuen uns über die Einheit in Freiheit, die wir Deutsche vor nun 21 Jahren gewonnen haben.“

Die Einheit liegt in weiter Ferne

Darüber freue ich mich selbstverständlich auch, selbst wenn ich zu einer Generation gehöre, welche keine persönlichen Erinnerungen an die Teilung hat. Nichtsdestotrotz frage ich mich dieser Tage wieder einmal, wie weit es eigentlich her ist mit Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land. Im nächsten Jahr eröffnet endlich der neue Flughafen Berlin-Brandenburg International und nach Tempelhof wird dann auch Tegel Geschichte sein. Die Angestellten werden ebenfalls umziehen – und das ist für einige mit finanziellen Einbußen verbunden. Denn trotz 21 Jahren deutscher Einheit wird in Schönefeld nach Osttarif bezahlt, während für Tegel der Westtarif gilt. Konkret betroffen sind 60 Technik-Mitarbeiter der Lufthansa und 200 Reinigungsmitarbeiter, für die laut “DGB und ver.di Einkommensminderungen”:http://www.rbb-online.de/nachrichten/wirtschaft/2011_10/streit_um_flughafen.html von 2.500 bzw. 2.000 Euro im Jahr drohen. Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn am Mittwochabend ist erneut eine Gesprächsrunde gescheitert. Was bitte schön soll das? Und wieso regt sich kaum jemand öffentlich darüber auf? Und warum zum Teufel gibt es hier überhaupt Gesprächsbedarf? Dass man in Mecklenburg-Vorpommern und in Bayern nicht das gleiche Geld für die gleiche Arbeit verdient, ist traurig, aber bis zu einem gewissen Grad noch hinnehmbar, denn die Lebenskosten sind einfach unterschiedlich hoch. Aber in der Hauptstadtregion? Was ändert sich denn an den Lebensrealitäten der Leute, wenn sie im nächsten Jahr nicht mehr in Tegel arbeiten, sondern in Schönefeld? Vom veränderten, eventuell gar verlängerten Arbeitsweg einmal abgesehen, doch rein gar nichts, oder? Schließlich werden die Leute ja jetzt nicht alle massenhaft in den Südosten Berlins ziehen, wo die Mieten unter Umständen niedriger sind als anderswo.

„Warum regt sich niemand auf?“

Läuft man im Jahr 2011 durch Berlin, ist nur schwerlich vorstellbar, dass hier bis 1989 noch die Mauer stand. Und auch wenn ein alteingesessener West-Berliner aus Zehlendorf vermutlich eher selten bis gar nicht einen Fuß nach Lichtenberg oder Hellersdorf setzt und die Marzahner auch wohl eher nicht in Massen an den Wannsee strömen, so sollten doch die Voraussetzungen für ein Zusammenwachsen von Ost und West in Berlin einfach aufgrund der räumlichen Nähe besser sein als anderswo und die Hauptstadt mit gutem Beispiel vorangehen. Bei der Bevölkerung funktioniert das doch auch schon ganz gut. Jedes Jahr ziehen unzählige Menschen hierher, die mithelfen, die ehemalige Grenze weiter zu verwischen, für die Prenzlauer Berg und Kreuzberg in erster Linie attraktive Wohngegenden sind und nicht ein ehemaliger Ost- oder West-Bezirk. Warum zum Geier klappt das dann also nicht auch in der Arbeitswelt?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Sebastian Kurz war Merkel schon immer einen Schritt voraus

Sebastian Kurz hat es Europa mal wieder gezeigt. Er fährt in die andere Richtung als seine Kollegen. Wo andere im Shutdown verharren, denkt er über Lockerungen nach. Kurz ist nach der Flüchtlingskrise 2015 wieder zum Macher und Taktgeber Europas geworden. Er setzt neue Akzente und gibt den Bürge

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Merkels 4 Coronakrisenmanager

Krisenmanager sind in Coronazeiten gefragt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gleich vier davon. Drei von ihnen sind potentielle Kanzlerkandidaten, Markus Söder, Jens Spahn und Armin Laschet.

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu