Das Wort „alternativlos“ benutze ich nie. Denn es gibt immer Alternativen. Die Frage ist nur: Sind die besser? Jörg Asmussen

Ick gloob et hackt

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Man muss Berlin nicht lieben, aber den Vergleich mit Paris oder anderen Metropolen muss die Stadt nicht scheuen und in eine Schublade lässt sie sich gleich gar nicht stecken.

Vermutlich gehört es zum guten Ton in einem Land, dass kontrovers über die Hauptstadt geredet wird. Deutschland und Berlin bilden da keine Ausnahme. So unterstellte der ehemalige Berliner „The Times“-Korrespondent Roger Boyes der Stadt erst kürzlich im „Tagesspiegel“, sie sei von der Schlafkrankheit befallen. Und Georg Diez verteidigt in seiner aktuellen Kolumne bei SPON Berlin zwar gegen alle Meckerer – „Berlin nervt aber vor allem die Leute, die nicht hier leben, und das nervt am meisten“ -, aber offenbar können sich nicht alle Leser dieser Meinung anschließen. Die Diskussion im Forum ist hitzig; zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Kolumne hatte sie schon mehr als 500 Beiträge.

Na und?

Dabei sind die Vorwürfe gegen die Stadt immer dieselben: Früher, in den 20er-Jahren, sei Berlin einmal bedeutend gewesen, heute jedoch im Vergleich zu London oder Paris einfach nur provinziell. Zudem würde in der Stadt das Geld zum Fenster hinausgeworfen und alle wichtigen Veränderungen seien ja sowieso nur durch großzügige Geldzuweisungen des Bundes und der übrigen Länder zustandegekommen. Ach und außerdem sei Berlin durch die ganzen Bausünden einfach nur hässlich.

Ich kann da nur sagen: „Na und?“ Ich lebe gern hier und das hat ganz verschiedene Gründe.

Berlin ist spannend und schön zugleich, weil es sich stetig verändert. Dies stelle ich jeden Tag wieder beim Verlassen des Hauses fest. Man kann der Stadt förmlich bei der Veränderung zuschauen. Ob Potsdamer Platz, Regierungsviertel oder Hauptbahnhof – große stadtplanerische Projekte sind innerhalb weniger Jahre realisiert worden. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als der Hauptbahnhof noch Lehrter Stadtbahnhof hieß und dort nur ganz selten jemand ein- oder ausstieg. Oder wie ich in der 5. Klasse einen Ausflug in die rote Infobox am Potsdamer Platz machte. Das aktuell spannendste Projekt ist für mich der Umbau des Bahnhofs Ostkreuz bei vollem Betrieb. Dank technischer Neuerungen (via Webcam) können wir live dabei sein. Es lässt sich tatsächlich jeden Tag ein Unterschied zum Vortag entdecken. Ich finde das großartig.

Berlin lässt sich nicht in eine Schublade pressen

Berlin braucht auch nicht den Vergleich mit Paris zu scheuen, weil es ihn in meinen Augen locker gewinnt. Ich habe selbst ein Jahr in der französischen Hauptstadt gewohnt und bin anschließend sehr gern nach Hause zurückgekehrt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag Frankreich und die Franzosen sehr gerne (bei der Gelegenheit nachträglich: Joyeux 14 Juillet!) und ich fahre auch gerne in den Urlaub dorthin. Aber Paris verändert sich kaum noch, es wirkt gelegentlich sehr selbstgefällig. Als ob es schon eine besondere Leistung wäre, nur dort zu wohnen. Diese Hauptstadtarroganz schlägt sich auch in der Sprache nieder: außerhalb von Paris ist alles nur „province“. Das ist bei uns zum Glück anders. Hamburg, München oder Köln würden es sich wohl in keinem Fall bieten lassen, als „Provinz“ bezeichnet zu werden.

Berlin lässt sich nicht in eine Schublade pressen. Es ist weniger eine Metropole als ein Zusammenschluss mehrerer großer Dörfer unter dem Dachnamen Berlin. Ob Medienmacher in Mitte, Kinder-Yoga im Prenzlauer Berg oder grüne Idylle im Grunewald: in Berlin kann man alles und muss nichts.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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