Ein Killer und andere Dienstleistungsträger

von Alexandr Sambuk3.03.2015Außenpolitik, Europa

Die Ermordung des Putin-Kritikers Boris Nemzow folgte einem Drehbuch. Die entscheidende Frage lautet, für wen der Film gedacht ist.

Nur wenige Tage nach der Ermordung von Boris Nemzow ist es zu früh, um über die politischen Folgen in Russland zu urteilen. Man kann jedoch schon heute festhalten, dass durch diese Tat die rote Linie bewusst und gezielt überschritten worden ist. Nur stellt sich die Frage: Von wem denn?

Die Antwort darauf ist, wenn auch nicht direkt im Kreml zu suchen, doch nicht fern davon. Auf jeden Fall im sicheren Sichtfeld eines jeden, der vom Kreml aus auf die Mordtat blickt. Auch mit so wenig konkreten Fakten wie bislang vorliegen, bekommt man den Eindruck, dass die Ermordung des charmantesten unter allen „inneren Feinden“ Putins wahrscheinlich eben für diese Blickrichtung in Szene gesetzt wurde.

Anerkennung der Regie-Leistung

Auch die Zeit- und Tatort-Wahl sind dabei nicht dem Zufall überlassen worden. Darüber hinaus kann man aus anderen Merkmalen und Begleitumständen schließen, dass die Organisatoren dieser Geheimoperation am 27. Februar (an diesem Tag will der russische Staat nun jährlich seine Geheimoperationen feierlich würdigen, Anm. d. Autors) einen ausgeprägten Sinn für Symbolik haben. Gerade in diesem Sinne haben die bisher unbekannten Auftraggeber auch dafür gesorgt, dass man ihre Leistung samt ihrer Herkunft eindeutig einordnen könnte. Dementsprechend sollte der Mord an Boris Nemzow für alle Kenner der Szene ganz klare Hinweise auf die Copyright-Besitzer geben. Möglicherweise auch für den Fall einer (geheimen?) Auszeichnung in Anerkennung der Regie-Leistung.

Jeder weiß, dass Laien aus dem Killer-Milieu in der Umgebung des Kreml so gut wie nichts zu suchen haben. Denn jede verdächtige Bewegung, zum Beispiel auf der Großen Moskworezkij-Brücke, wird von den dort Tag und Nacht wachenden Profis im Staatsdienst sehr genau verfolgt, und zwar mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Ein vorher nicht angemeldeter Versuch eines unbedarften Fernsehmannes, dort zu drehen, führt innerhalb von zwei bis drei Minuten zur unvermeidlichen Befragung durch Sicherheitsbeamte. Daher ist die Vorstellung, dass irgendwelche angereisten Killer das Mobiltelefon ihres Opfers in dieser Gegend ungestört abhören konnten, um alle Unwägbarkeiten in ihrem Mordplan auszuschließen, völlig realitätsfern.

Um den Vorwurf vorwegzunehmen, einer Verschwörungstheorie anzuhängen, muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich weder Kriminalisten noch anderen Experten ihre Expertise streitig machen möchte. Im Gegenteil: Ich würde sofort und gerne einer Erklärung zustimmen, die glaubwürdig erläutert, warum zum Beispiel im Moment des Mordes alle Überwachungskameras in der Umgebung nicht funktionierten, bzw. in andere Richtungen blickten. Zunächst aber möchte ich wissen, warum einige überhaupt an die Möglichkeit einer objektiven Aufklärung dieser Mordtat glauben.

Entschlüsselung des Signal-Codes

Ich versuche hier vor allem der Entschlüsselung des Signal-Codes näherzukommen, der in der Ermordung von Boris Nemzow deutlich wurde. Dieser Mord ist ohne Zweifel als eine Botschaft gedacht. Nur stellt sich die Frage, an wen sie gerichtet ist und was sie aussagt.

Man kann die Tat als eine an Putin gerichtete Aufforderung deuten, von nun an auch im eigenen Land so entschlossen vorzugehen, wie er es in der Ukraine seit einem Jahr demonstriert – rücksichtslos und mit brüskierendem Gleichmut gegenüber Konsequenzen. Nimmt man dies an, dann treten etwa Freischärler und Ideologen des Noworossija-Projekts in den Vordergrund, die einen noch engeren Schulterschluss mit ihrem Oberbefehlshaber suchen, um eine Kampffront gegen den Westen zu bilden.

Aber den Mord an einem prominenten oppositionellen Politiker kann man auch als eine Dienstleistung betrachten. Im vorigen Jahr hatte Putin eine neue Agenda vorgelegt, in der er eine Reihe von neuen Aufgaben (oder Zielscheiben?) für seinen Staat aufzeichnete: „fünfte Kolonne“, „Landesverräter“, Russophobe. Ausgehend von dieser Liste von Volksfeinden, musste man nur auf eine angemessene Reaktion der entsprechenden staatlichen Dienste warten. So wirkten diese neuen alten Begriffe wie eine Einladung oder Ermunterung, „Maßnahmen zu ergreifen“. Oder glaubt jemand tatsächlich, dass Putin damit nur das Aktivwerden patriotischer Volksmassen meinte?

Ausgeschlossen, denn in diesem Fall könnten sich bestimmte Staatsstrukturen übergangen fühlen – mit ungewissen Folgen. Aber das ist, wie wir wissen, nicht passiert. Stattdessen erfüllen kompetente Staatsorgane ihre Pflichten so gut, wie sie diese eben verstehen. Nicht schlechter als andere Dienststellen, die in den letzten fünfzehn Jahren im Rahmen ihrer Kompetenzen auch alles Mögliche getan haben, damit der Staatschef bei der Ausübung seiner Macht von nichts gestört wird, sei es Verkehrsstaus, unpassende Fragen von Journalisten oder politische Konkurrenz.

Am Abend des 27. Februars war zunächst ein Killer an der Brücke vorm Kreml am Werk, danach waren Ermittlungsrichter zusammen mit Medienprofis auf ihren jeweiligen Arbeitsplätzen angetreten, um alles Mögliche im Rahmen ihrer Kompetenzen zu leisten, damit Wladimir Putin weiß, dass wir alle mit ihm in einem Boot sitzen, und damit er auch auf die Frage eines westlichen Journalisten („Wer hat Boris Nemzow ermordet?“) eine knappe und redliche Antwort geben könnte: „Ein Killer …“

Diese wahrhaftige Aussage wird dann wahrscheinlich weltweit millionenfach auf YouTube geklickt, dem U-Boot aus der „Larry King Show“ ähnlich, welches bekanntlich gesunken war.

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