Ich bin da ganz dankbar, dass das Fernsehen nie etwas von mir wollte. Götz Widmann

Zu Gast bei Fremden

Wir Russen haben den Westen 25 Jahre lang als Pauschaltouristen bereist, gerne Einkaufstüten und etwas Sonnenbräune mitgebracht, ihn aber nicht lieben gelernt. Wir werden den Abschied verschmerzen.

Mit seinem Vorgehen in der Ukraine hat Putin knallhart vorgeführt, dass er nichts mehr auf die Partnerschaft mit dem Westen gibt, sondern in der Konfrontation mit ihm nach (noch) ungewissem Vorteil sucht. Dieses unmissverständliche Signal sendete er jedoch nicht nur an den Westen alleine, sondern auch an sein Heimatpublikum. Die Trennlinien zwischen Putins Außen- und Innenpolitik verwischen.

In diesem Kontext steht auch die Frage nach Motiven und Triebkräften seiner radikalen Abrechnung mit dem Westen. Nämlich einerseits, inwieweit sie von personenbedingten Faktoren beeinflusst worden ist, und andererseits, zu welchem Ausmaß Putins gegenwärtige Politik den genuinen Erwartungen seiner Landsleute Rechnung trägt. Ob sich dieses hochriskante Pokerspiel nur von Putins eigenem Machterhaltungskalkül ableiten lässt, oder ob dahinter auch grundlegende Trends in der russischen Gesellschaft stehen, die vielleicht nicht immer einer Sicht von außen leicht zugänglich und rechtzeitig erkennbar sind.

Darf man den russischen Demoskopen glauben, wird Wladimir Putins politischer Kurs praktisch vorbehaltlos von einer großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Seit den Olympischen Winterspielen in Sotschi lag seine Popularitätsrate im Jahr 2014 unbeweglich auf dem himmelhohen Niveau von rund 80 Prozent; auch über die „Rückkehr“ der Krim hinweg bis in die Kampfhandlungen in der Ost-Ukraine hinein.

Geringer Einfluss westlicher Werte

Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der Umfragen von zwei führenden russischen Meinungsforschungszentren, WZIOM und Lewada-Zentr, führen zudem vor Augen, wie innerhalb desselben Zeitraums (Januar 2014 bis Januar 2015) auch die Einstellungen der Bevölkerung zum Westen auf rekordhohe Negativwerte gestiegen sind. Anfang 2014 äußerten sich gegenüber dem regierungsunabhängigen Lewada-Zentr noch 51 Prozent der Befragten positiv zur EU. Ein Jahr später sind es nur noch 20 Prozent, 71 Prozent der Russen beurteilten Brüssel dagegen eindeutig negativ. Ähnlich sind die Ergebnisse zu den Vereinigten Staaten, die in Umfragen nur zwei Prozent der Russen positiv sehen, im Gegensatz zu den 73 Prozent, die die USA für eine feindliche Macht halten.

Diese Angaben zum aktuellen West-Bild der Russen decken sich mit den Zahlen, die ein beinahe grenzenloses Vertrauen in Putin demonstrieren. Aber davon ausgehend anzunehmen, dass Putin wie jeder andere demokratisch legitimierte Staatschef auf der Weltbühne nur wahre Interessen seiner Wähler repräsentierte, wäre ein Trugschluss. Das Zusammenspiel von den beiden Faktoren funktioniert gerade umgekehrt.

Die gegenwärtige Nachfrage nach einer antiwestlichen Politik Russlands ist nicht von den Wählern selbst generiert worden. Sie wurde vielmehr künstlich über mehrere Jahre hinaus geschaffen und stellt damit ein ausgesprochen erfolgreiches Produkt des politischen Marketings von Putin dar. Dabei ist das Produkt eigentlich nicht neu und wurde mit mumifizierten Resten aus der Mottenkiste der „glorreichen vaterländischen Geschichte“ gebastelt. Der Gebrauchswert all dieser ewigen Feinde Russlands im Westen, der wiederbelebten Einkreisungsängste und der imperialen Phantomschmerzen erwies sich als erstaunlich hoch und als durch die Zeit nicht abgenutzt. Das Misstrauen gegenüber dem Westen wurde von der staatlichen Propaganda konsequent gesät und als ein wesentliches Element im Prozess der Durchsetzung von genuin russisch-nationalen Interessen in der Weltpolitik vermarktet. Manipulierte Beispiele aus der Geschichte kamen dabei je nach Bedarf in Hülle und Fülle zum Einsatz.

Aber eine Bereitschaft, sich vom Westen, von Europa abzukoppeln, kommt nicht nur als Ergebnis der Tätigkeit der Propagandamaschinen daher. Ohne deren Rolle bei der Ausbildung alter Denkstereotype und der Stärkung abstruser Ansichten von der Außenwelt unter der russischen Bevölkerung zu unterschätzen, muss man feststellen, dass bei vielen Russen zentrale neue Werte einer modernen westlichen Gesellschaft noch nicht angekommen sind.

Misstrauen gegenüber dem Fremden

Leider gehört dazu auch eine andere bittere Erkenntnis: dass trotz der Reisefreiheit und der vielen anderen Kontaktmöglichkeiten mit dem westlichen Ausland im Laufe der letzten 25 Jahre der Einfluss westlicher Werte auf die Ideenwelt eines durchschnittlichen Russen eher gering geblieben ist. So genießt im Bewusstsein meiner Landsleute (und auch in ihrem Alltagsleben) nach wie vor das Recht des Stärkeren eine viel breitere Anerkennung als solche Elemente einer Lebensstrategie, die auf Dialog oder Kompromiss setzen. Diese werden fast allgemein als Zeichen der Schwäche wahrgenommen.

Wie das Leben in westlichen Gesellschaften organisiert ist, hat uns Russen deshalb kaum interessiert. Den Westen haben wir in den Jahren überwiegend als Pauschaltouristen oder als vermögende Günstlinge der Privatisierungskampagnen (einschließlich nicht zuletzt der Privatisierung der Amtsposten) erlebt. Solche kurzen oder auch längeren Aufenthalte im Westen scheinen uns nur als Konsumenten oder Sucher nach einem höheren Lebenskomfort tief beeindruckt zu haben. Neben prallen Einkaufstüten und dem bei uns nicht oft zu findenden sun tan kehrten wir aus dem Westen mit dem verfestigten Gefühl zurück, dort nicht hinzugehören.

Dieses Misstrauen gegenüber dem Fremden als Schlüsselelement unseres Lebens wird uns helfen, die Abkopplung vom Westen recht schmerzlos zu überleben. Bedauern werden wir wahrscheinlich nur das uns abhanden gekommene westliche Konsumparadies – aber auch das nur während unserer traditionellen Küchengespräche. Und nur leise, denn wer weiß, was man bei uns in Zukunft noch alles für staatsfeindlich erklärt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Umland, Andreas Umland, Andrew Denison.

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