Gedenke dem Mythos!

Alexandr Sambuk30.04.2015Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Wladimir Putin missbraucht den Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland zur Festigung seiner Macht. Dabei werden die Blutspuren der sowjetischen Kriegsverbrechen vorsätzlich verwischt. Kritische Geschichtsforschung ist per Gesetz verboten.

Am 9. Mai wird Wladimir Putin sich auf dem Roten Platz im Kriegsruhm sonnen. In diesem Augenblick ist dem russischen Präsidenten die uneingeschränkte Solidarität seiner Mitbürger sicher, denn kein anderes historisches Ereignis lässt das ganze Volk sich so einig fühlen wie der Tag des Sieges. Wir mögen im Alltag oder in der Weltpolitik, als Einzelmenschen oder als Nation unter Demütigung, Mobbing und Einkreisung leiden, aber am Siegestag befreien wir uns wie auf obersten Befehl von solchen Plagen. Uns schließt der Mythos vom _Großen Vaterländischen Krieg_ fest zusammen, der im heutigen Russland sogar die Oktoberrevolution in den Schatten gestellt hat.

Auch die liberale Öffentlichkeit hält sich an diesem Tag mit ihren Einsichten in die dunklen Kapitel der Kriegsgeschichte zurück, um die volkstümliche Eintracht nicht zu stören. Ihre führenden Vertreter schließen sich der Einheitsfront der kollektiven Erinnerung mit einer traditionskonformen Behauptung an, dieser Sieg sei uns allen gleichermaßen heilig und er halte uns als Nation zusammen. Dass aber die Siegesfeiern gleichzeitig die Blutspuren von Kriegsverbrechen und fatalen Entscheidungsfehlern der sowjetischen Führung vorsätzlich verwischen, empört nur einen kleinen Teil der russischen Öffentlichkeit.

Es ist gefährlich, in Russland ohne vorgefertigte Ergebnisse zum Zweiten Weltkrieg zu forschen

Im feierlichen Getöse zum 70. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland werden die Stimmen kaum hörbar, die vor allem zum Gedenken an Millionen von Opfern aufrufen und gegen Glorifizierung des Krieges auftreten. Und das verlangt viel Mut, denn im heutigen Russland ist es gefährlich geworden, ohne vorgefertigte Ergebnisse zum Zweiten Weltkrieg zu forschen. Vor Kurzem haben Putins willige Gesetzgeber in der Staatsduma dies sogar für strafbar erklärt. Meinungen von Historikern und Forschungsergebnisse, die vom offiziellen siegestrunkenen Blick auf den Krieg abweichen, werden als Geschichtsfälschung verurteilt. Der Staat hat einen guten Grund, sich um die Unversehrtheit dieses Denkmonoliths zu sorgen, denn der sowjetische Mythos vom _Großen Vaterländischen Krieg_ gehört auch im postkommunistischen Russland zu den wichtigsten Legitimationsmitteln der Macht.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat Stalin den Sieg schlichtweg für sich allein beansprucht und sich nur einmal, 1945, bei seinen Untertanen für ihren Beitrag zum Sieg bedankt. Den heldenhaften Verteidigern seines Reiches vor Hitlers Angriff hat er seitdem nicht den geringsten Anlass gegeben, in die Rolle der Siegernation zu treten.

Zwanzig Jahre später gab Breschnew den Sieg im _Großen Vaterländischen Krieg_ „dem Sowjetvolk zurück“, als er im Namen der Staatsmacht Millionen von sowjetischen Kriegsveteranen einen „Ehrenplatz“ im offiziellen Kriegsmythos zuerkannte und ihnen zwar bescheidene, aber handfeste Privilegien gewährte. Solche Großzügigkeit des „reifen sozialistischen Staates“ hat die Machtbasis des Generalsekretärs wesentlich gestärkt und seine Regierungsjahre sind den Sowjet- und Postsowjetmenschen unter anderem deswegen als „goldene Zeit“ in Erinnerung geblieben.

Der Boykott der Siegesfeier wäre ein starkes Zeichen

Auch unter Putin war die Staatsmacht stets um Kontrolle über das Kriegsnarrativ bemüht. In diesen fünfzehn Jahren hat sich der Trend verstärkt, die Vergangenheit in Form von Geschichtsklitterung in den Dienst aktueller Politik zu stellen. Dabei werden Feindbilder aus der Kriegszeit gerne auf Putins heutige Gegner projiziert. Auch die Figur Stalins als „weiser Führer“ erlebte in dieser Zeit eine Renaissance mithilfe von neuen positiven Deutungen im Rahmen des bewährten Mythos vom _Großen Vaterländischen Krieg_. Dieser direkt vom Kreml gesteuerte Prozess soll uns wenig wundern angesichts des allgemeinen Abdriftens der russischen Staatsmacht von der Demokratie. Die Politik der geschlossenen Türen in staatlichen Archiven vervollkommnet diese Entwicklung hin zum Staatsmonopol auf Geschichtsdeutung.

Russlands Liberale bemühen sich zwar darum, der Monopolisierung des Zweiten Weltkriegs durch Putins Staat entgegenzuwirken. Doch einen radikalen Bruch mit dem Siegestaumel wagen sie noch nicht. Zum Teil selbst in diesem allumfassenden Mythos verhaftet, verweisen sie auf die besondere Bedeutung des Sieges für die Identität der Russen. Damit nehmen sie die Festigung von Geschichtsbildern in Kauf, gegen die sie eigentlich ankämpfen. Wer aber diesen Mythos am Leben erhält, zementiert auch ein Verhältnis zwischen Staat und Individuum, das dem Machthaber ein unangefochtenes Recht auf Lüge zugesteht.

Der 70. Jahrestag könnte Russlands Liberalen eine Chance bieten, mit einem Boykott der Siegesfeiern ein starkes Zeichen zu setzen und darauf eine neue Tradition des Umgangs mit der Kriegsgeschichte zu begründen.

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