Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Nicht mit uns!

Der Pegida-Ableger Bragida hat für Montag eine Demo angemeldet. Ein Szenario, das den Asylsuchenden der Stadt nicht zugemutet werden darf.

Es ist dann doch noch einmal etwas anderes, wenn der Wahnsinn vor der Haustür steht. Bei uns hat er sich für Montag direkt vor unserer Tür angemeldet. Bragida-Demo auf dem Tostmannplatz. Bragida, das ist der Braunschweiger Pegida-Ableger und Tostmannplatz ist so etwas wie der Mittelpunkt unseres beschaulichen Vorstadt-Stadtteils „Schuntersiedlung“. Kleine Häuschen ohne viel Pomp, erbaut von den Nationalsozialisten für die zum Teil auch aus dem Rheinland importierten Arbeiter des damals neuen Volkswagen-Werkes, die auch den Karneval nach Braunschweig brachten, der – Ironie der Geschichte – diese Jahr ausfiel wegen Warnung vor islamistischem Terror. Sie sehen schon, irgendwie gehört alles irgendwie zusammen. Was nun für die Bragida nicht dazu gehören soll, wie es aktuell existiert, ist ein in der Nähe liegendes Heim für Asylsuchende. Eine ZAST, eine zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber im Wald um die Ecke.

Eine gruselige Vorstellung

Man muss sich das einmal szenisch vorstellen: Da wollen nun diese Bragida-Anhänger zu Hunderten mit Transparenten womöglich in einem Protestzug von unserem verschlafenen Tostmannplatz – ein Lottoladen, zwei Bänke, der Schaukasten der CDU und der SPD und ein Zahnarzt – die Bragida will also hier eine Kundgebung abhalten und dann womöglich von hier aus vor die ZAST spazieren.

Stellen Sie sich mal für den Moment vor, sie wären ein politisch verfolgter Ausländer, wären irgendwie alleine oder sogar mit Ihrer Familie heil in Deutschland angekommen, würden in einem Heim zwischengelagert werden, das alles andere ist als komfortabel, das täglich eine Brücke schlagen muss zwischen vielen Nationen, Religionen und Verletzungen, und da würde dann am Abend diese Gruppe aufgebrachter Menschen vor dem Tor stehen mit jeder Menge Polizei-Begleitung und gegen Sie demonstrieren. Eine gruselige Vorstellung. Was kommt einem da als Horrorszenario als erstes in den Sinn? Natürlich: Die Progrome in Rostock-Lichtenhagen.

Man kann ja nicht oft genug daran erinnern: Damals beteiligten sich mehrere Hundert teilweise rechtsextreme Randalierer an den Ausschreitungen, 3.000 Zuschauer applaudierten und behinderten den Einsatz von Polizei und Feuerwehr. Nicht das sie mich falsch verstehen, das will man den Bragida-Menschen nicht unterstellen, aber das drängt sich nun mal auf, wenn man die Wahl des Demonstrationsortes bedenkt und selbst hier Anwohner ist.

Nun darf man mit großer Gewissheit feststellen, das der Mensch im allgemeinen nicht so dumm ist, wie ihn manche Politiker haben möchten. Ein Vorfall wie in Rostock wird es hier nicht geben. Schon gar nicht in der Schuntersiedlung, einem traditionellen Arbeiterviertel, das heute von vielen Alternativen, von engagierten und – na klar – politisch links stehenden Menschen bewohnt wird. 1700 Menschen, Familien mit vielen Kindern, die wissen, wie gewinnbringend es sein kann, auf engem Raum gut miteinander auszukommen.

Es wäre falsch zu sagen, es hätte sich nichts verändert

Die Braunschweiger Zeitung titelt in der aktuellen Samstags-Ausgabe: „Der Schuntersiedlung droht das Chaos.“ Und unsere Bezirksbürgermeisterin erklärt der Presse: „Ich fürchte, Montag kommt es zur Eskalation“. Die Kinder sind natürlich aufgeregt und sagen ihre Sporttermine am Montag ab, so es welche gibt. Die Eltern fragen sich, wie das laufen soll, wenn das Viertel von der Polizei abgeriegelt wird. Wenn der Busverkehr eingestellt werden soll ab 14 Uhr und massive Personenkontrollen durchgeführt werden. Seinen Ausweis mitzuführen wäre also sinnvoll, denn damit kann man dann nachweisen, dass man Anwohner ist und dass man zum eigenen Haus durchgewunken werden kann.

Aber schnell noch ein paar Worte zur Situation mit der ZAST und zu der großen Zahl an Asylbewerbern, die hier zu Stoßzeiten schon mal wie eine lose Karawane mit Sack und Pack Richtung Stadt und wieder zurück ziehen. Ja, doch, es wäre falsch, würde man sagen, es hätte sich nichts verändert. Der Penny-Markt und Edeka haben zeitweilig Security eingestellt. Sicher nicht, weil sie zu viel Geld übrig haben. Einige Anwohner berichten von vermehrten Diebstählen. Manche auch von Belästigungen und einem mulmigen Gefühl im Bus, wenn man als deutschsprechender Fahrgast in der Minderheit ist. Das alles soll man nicht verschweigen. Aber wer würde etwas anderes erwarten, wenn Menschen unterschiedlichster Lebensumstände enger zusammenkommen?

Armut ist kein selbst gewählter Zustand

Und wo bitteschön, verläuft eigentlich die Grenze zwischen Kriminalität und Ressentiment? Wo die, zwischen Irrtum, Missverständnis und Vorsatz? Natürlich ist ein geklautes Fahrrad kein Versehensdelikt. Aber hier bei uns im Viertel vertraut man in so einem Fall immer noch auf die nachbarschaftliche Obacht und, ja, auch das: auf den Rechtsstaat. Hier passt jeder noch ein bisschen mehr auf den anderen auf, als in der Innenstadt.

Wenn mal eine ausländisch ausschauende Familie auf Mülltonnen-Sammeltour ist, was selten ist, aber doch häufiger vorkommt, dann wendet man sich hier nicht angewidert ab und schreit nach einer Bragida, sondern holt vielleicht sogar etwas Frisches aus dem Kühlschrank und legt es diskret oben auf die Tonne, wie ich es neulich tatsächlich bei einem Nachbarn gesehen habe.

Sagen wir es doch offen: Natürlich ist Armut und Elend unattraktiv. War es immer. Bisweilen sogar abstoßend. Aber wenn man das Gefühl dafür nicht verloren hat, dass dieser Zustand selbstverständlich kein selbst gewählter ist, dann relativiert sich vieles. Dann ist es für Bürger meines Viertels ein Bürgerpflichtaufgabe aufzustehen, beizustehen und den einmarschierenden überzeugten Abendländern klar und in aller Deutlichkeit zu sagen: „Ja, es gibt Probleme! Das wollen wir nicht bestreiten. Aber wir lösen solche Probleme hier auf unsere Weise. Auf eine bessere Weise. Mit Anstand und Moral.“

Achtsam bleiben

In einer Nacht und Nebel Aktion hat sich auch die NPD nicht lumpen lassen, Aufkleber an die Laternenmasten und Verkehrsschilder im Viertel zu kleben. Ich habe mir mal zwei durchgelesen: Da steht etwas von „Identität“. Die man zeigen soll. Also als ethnisch Deutscher. Das finde ich gut. Das werden wir hier am Montag gerne machen. Wir werden eine Identität vorstellen, die wir hier gemeinsam teilen. Und die ist selbstbewusst und hat etwas Unverrückbares in ihrem Wesenskern: funktionierende Alarmsensoren, wenn Menschlichkeit und Mitgefühl vakant zu werden drohen. Wir bleiben also achtsam. Wie es sich für jeden guten Deutschen gehört, hätte ich jetzt beinahe geschrieben, fasse es dann aber doch noch weiter: wie es sich für jeden guten Menschen gehört.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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