Die guten alten Zeiten

von Alexander Wallasch25.03.2015Gesellschaft & Kultur

Wenn traurige Ü-30er ihre Freizeit damit verbringen, ihren 20ern auf Facebook nachzutrauen, nennt man das Erinnerungswahn. Ein Zeitvertreib, den keiner braucht.

Schön und gut, wenn einem beim Erinnern mit entsprechenden “Erinnerungs-Facebook-Gruppen”:https://de-de.facebook.com/KinderDer80er und “dergleichen”:https://www.facebook.com/bohlwegzeiten geholfen wird.

Noch sinnvoller für jene, die Erinnerungslücken haben oder sonst irgendwie Probleme bei Bedarf wenigstens die Eckdaten des Gestern ins Heute zurückzuholen. Aber was man sich aktuell im Sozialen Leitmedium anschauen kann, das wirkt bisweilen schon so, als würden Verstorbene zu wandelnden Untoten gemacht.

Affektierte Trauer wie zu Kim Jong-Il’s Tod

Nein, so eine Zombiisierung ist doch nicht schön, wenn man sich gegenseitig in Endlosschleife mit immer neuen aus Kellern und staubigen Fotokisten gezerrten eselsohrigen Bildern beglückt und die zweifelhaften Protagonisten von damals kurzerhand zu Helden von damals verklärt.

Nein, die 80er sind heute ebenso vorbei, wie die 70er, die 60er und die irgendwas. Und nicht jede Plastiktüte irgendeines zu recht längst vergessenen Lädchens wird nur deshalb zum Kult-Objekt, weil wir uns mühsam und unter Mithilfe irgendeines inselbegabten Autisten aus 5000 Facebook-Freunden nun wieder daran erinnern können.

Ist doch irgendwie auch lustig, meinen Sie? Dann schauen Sie mal auf solche Nostalgie-Seiten oder Gruppen im Internet. Schon nach einem Meter Scrollleiste und 500 Kommentaren ist man sich völlig sicher: Die glauben wirklich, das früher alles besser war! Da werden Sehnsüchte aufgeblasen zur Gewissheit, dass früher alles schöner war, aufregender … und der Zusammenhalt … und dies und das .. und heul. Ein Rumgeflenne von erwachsenen Menschen, die mit einer Wehmut und in vielfach gelikter Art und Weise ihrer öden Jugendzeit hinterherheulen, als wären sie Bürger Nordkoreas und Kim Jong-Il gerade ein zweites Mal gestorben.

Die größten Nostalgiker hat der Türsteher nie vorbei gelassen

Aber nein, vorbei ist vorbei. Und ich habe den Verdacht, dass heute die größten Nostalgiker jene sind, die der Türsteher nie vorbeigelassen hat, die sich nicht getraut haben, die nicht durften oder einfach nicht wollten. Denn die, die ihre Jugend in vollen Zügen genossen haben, die nichts ausgelassen haben, die wissen um den Wert des Vergessens. Die wissen wie es war. Die haben mit Recht keinen Bock drauf, den ganzen Wahnsinn ein zweites Mal und Jahrzehnte später an sich vorbeilaufen zu lassen wie einen vergilbten Film in Endlosschleife. Die haben sogar absichtsvoll daran gearbeitet, damit ihnen die eine oder andere Action, Location oder Person gnädig in Vergessenheit geraten ist.

Alter ist scheiße

Schaut man sich also aus nüchternen Blickwinkel diese Erinnerungswände an, dann weiß man vor allem eines: Vieles von damals ist zu recht vergessen. Aber ein Spruch der 68er hat sein Reload dann doch mehr als verdient: Trau keinem über 30!

Warum? Weil denen über 30 die Unsterblichkeitsblase geplatzt ist! Und das sieht gerne mal hässlich aus. Gibt es denn Schlimmeres als diesen Spruch, „50 ist das neue 30“? Was für ein 30 soll das bitteschön sein? Machen wir uns nichts vor, Alter ist scheiße. Man muss nur die Größe haben, sich das einzugestehen. Kapiert es doch: Mit 45, mit 50, mit 55 und darüber hinaus, hat man das Beste schon hinter sich.

Mit viel Müll zu vielen Likes

Sie finden das deprimierend? Ist es aber nicht! Deprimierend ist, wenn man in dem Alter das Beste noch NICHT hinter sich hat! Denn dann ist nicht viel passiert. Dann ist zu wenig passiert. So wenig, dass man sich im Facebook oder in anderen Portalen infantil an die hochgewürgten Erinnerungen von Leuten klemmen muss, denen irgendwas passiert ist und dann postet man so elende Sätze wie diesen hier: „Wer kennt noch die alten Kinokarten?“ Und dazu werden welche abgebildet, die einer 30 Jahre lang aufgehoben hat nur für diesen einen Moment. Und wie hellsichtig war das eigentlich? Niemand konnte doch damals ahnen, dass es so etwas wie Internet und Facebook geben würde! Das war so fern, wie der Mauerfall nah war. Jetzt schlägt die Stunde der Erinnerungs-Messies: Wer den meisten Müll gesammelt hat, bekommt auch die meisten likes.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, es ist ja prinzipiell gut, wenn sich jemand die Mühe macht, Erinnerungen irgendwo zentral zu sammeln. Kann ja sein, dass diesen ollen Mist in 50 Jahren doch mal einer braucht für irgendeine langweilige Doktorarbeit. Aber muss diese Erinnerungssammelwut in der Jetztzeit zu einer abendfüllenden Tätigkeit der Jetztzeit werden? Gibt es für 45, für 50 und für 55 Jährige nicht irgendeinen weniger schamvollen Zeitvertreib als ausgerechnet in einer Vergangenheit herumzufleddern, die genauso geil oder scheiße war, wie es die Gegenwart für 25-jährige heute auch ist? Die Zeiten ändern sich nicht. Oder doch?

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