Die FDP ist der Wandzeitungsagitator des Kapitalismus. Nils Pickert

Rad ab?

Für Väter und solche, die es werden wollen, gibt es keine wichtigere Fähigkeit als das Reparieren von Fahrrädern. Alexander Wallasch spricht aus Erfahrung.

Warum lange um den heißen Brei herumreden: Ich bin ein schlechter Vater.

Nein, nicht weil ich teure Hobbys hätte, ich habe keine. Nicht, weil ich bis spät in die Nacht im Büro herumhänge, ich halte mich meistens an feste Arbeitszeiten. Und auch nicht, weil ich mich etwa sofort nach dem Nachhausekommen aufs Sofa schmeiße und nach Bier und Fressteller rufe. Nein, ich bin ein schlechter Vater, weil ich mich außerstande sehe, eines der Fahrräder meiner vier Kinder zu reparieren. Meine Never-Ending-Story des Versagens, des Drückebergertums und der unnötigen Geldausgaben.

Bevor ich nun jungen Vätern in spe als warnendes Beispiel noch ein paar der schäbigen Einzelheiten meines Scheiterns erzähle, habe ich eine Bitte: Wenn ihr einen Grusel habt, die Mutter eurer Kinder zu diesem Geburtsvorbereitungskurs zu begleiten – lasst es einfach. Wenn ihr sogar die Geburt selbst nicht miterleben wollt, was schade wäre, wenn ihr also lieber vor der Tür auf einem der harten Stühle ausharren wollt – dann macht das. Und wenn ihr später auch noch lieber die Einkaufstüten schleppt, anstatt den Kinderwagen zu schieben – von mir aus auch das.

Aber: Bemüht euch bitte rechtzeitig, zu Meistern der Fahrradreparatur zu werden! Vertraut mir, nichts lohnt sich mehr, nichts wird frenetischer von Kindern und Müttern abgefeiert als ein von väterlicher Zauberhand wieder funktionstüchtig gemachtes Fahrrad, das frisch geputzt, geölt und quietschfrei zur Eroberung der Welt bereitgestellt wird.

Aber Sie heulen ja nicht wegen Fahrrädern

Und Sie? Ihnen geht es auch wie mir? Sie erwischen immer genau den Luftpumpenaufsatz, der nicht passt. Aber Sie lassen sich von so einer Lappalie natürlich nicht austricksen, fahren mit dem Rad zur Tankstelle und nutzen eine der mobilen Pumpstationen, bis der Reifen zur Gaudi der Tankenden mit einem lauten Knall explodiert. Weil Sie nun aber definitiv so nicht nach Hause kommen dürfen, kaufen Sie beim Real schnell noch einen neuen Schlauch. Der ist nun aber prompt viel zu groß, also stopfen Sie ihn ein bisschen in den Mantel – wird schon passen, dann eben weniger Luft drauf –, der dann seinerseits beim Aufpumpen zu Ihrer großen Überraschung seitlich aufplatzt.

All das treibt Sie dann final so in den Wahnsinn, dass Sie den Rest des Abends Ebay-Kleinanzeigen scannen, um die einfachste, aber teuerste Lösung zu wählen. Um dann vor der Frau noch zu prahlen, dass sie nur 55 Euro (!) ausgegeben hätten für dieses „neue“ Rad, wo sie eigentlich 125 Euro bezahlt haben, weil die Vorbesitzerin so gar nicht mit sich handeln ließ. Und als Ihr Kind, dem Sie das „Neue“ nun vaterstolz unterschieben, unsicher losfährt, sehen Sie es schon nach wenigen Metern: diese schreckliche Acht im Hinterreifen.

Und Sie haben gerade keine Ahnung, wie man die auf die Schnelle herausbekommt, bevor Mutti zum Gucken runterkommt. Und dieser tumbe, aber fahrradhandwerklich so begabte Nachbar schaut auch schon ganz hämisch übern Gartenzaun und Ihnen ist jetzt direkt zum Heulen. Aber Sie heulen ja nicht wegen Fahrrädern! … Puuuh.

Wart ihr schon einmal in so einer Fahrradfrickelbutze?

Also liebe Neuväter und Väter in spe: Wenn ihr eine Familie gründen wollt und wenn ihr ebenfalls Zweiradphobiker seid wie ich, beherzigt diesen einen Rat: Belegt frühzeitig einen dieser Fahrradreparatur-Kurse, die bestimmt auch in eurer Stadt angeboten werden. Ja, ich weiß, es ist lästig. Und bestimmt wurden diese Kurse mal eingerichtet, um Frauen von Männern unabhängig zu machen – übrigens eine Ironie in sich –, aber macht es einfach! Selbst dann noch, wenn euch der Begriff Selbsthilfegruppe übel aufstößt.

Wenn ihr euch nun aber überhaupt nicht mit dem Gedanken anfreunden könnt, dann nutzt den kommenden Urlaub für ein Praktikum im Fahrradladen um die Ecke. Auch das geht! Und es ist noch lustig dazu:

Männer, wart ihr schon einmal in so einer Fahrradfrickelbutze? Das sind die letzten noch intakten Unternehmungen aus der Ära der Ich-AG’s. Ich-AG, ihr wisst, diese krude Begrifflichkeit als Herabstufung menschlicher Schicksale auf ein „sprachliches Börsenniveau“, wie es die Jury zum Unwort des Jahres feststellte. Ok, identifizierbar sind diese Läden schon anhand der Unmengen fahruntüchtiger Räder davor. Leuchtstoff- oder gar Neonwerbung: Fehlanzeige. Hier haben sich lediglich ein paar Sprayer ausgetobt und als kreativer 3D-Blickfang hängt noch eine rostige Felge an der Wand, die sich dank der quietschorangen Reflektoren im Wind drehen. Manchmal ist die Laterne davor noch flickenteppichartig umhäkelt. Aber das kann ich nicht versprechen.

Kurz gesagt: Werden Sie ein guter Vater

Das Problem im Ladeninneren ist schnell erkannt: Nein, ein Laden ist nun mal keine Werkstatt. Aber wenn beides zusammen funktionieren muss, wird’s eng. Sehr eng! Immerhin darf man noch rauchen. Und wenn man dann alles zugeraucht hat, sieht’s aus wie in den Zwanzigerjahren auf so ’nem Berliner Hinterhof, als der innerstädtische Wohnraum noch durchmischt war mit allerlei lärmendem Gewerke. Also rauchen, so lange wie es dauert. Wie lange, weiß hier keiner so genau. Manchmal klappt es dann doch erst am nächsten Tag. Oder am übernächsten.

Aber Sie wissen dann ganz genau, warum Sie unbedingt ein Fahrradreparatur-Profi werden müssen, bevor die Kleinen vom Dreirad steigen. Machen Sie es also besser als ich! Das wünsche ich Ihnen. Wie wär’s? Kaufen Sie sich doch jetzt schon Monat für Monat ein schönes Stück Fahrrad-Werkzeug – so als männliche Version der weiblichen Aussteuertruhe. Kurz gesagt: Werden Sie ein guter Vater! Werden Sie der beste Fahrradmechaniker Ihrer Straße.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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