Auf der Suche nach dem Glück-O-Meter

Alexander Wallasch25.02.2015Gesellschaft & Kultur

Reiner Langhans oder Robert Geissen – wer ist der Glücklichere?

Was ich mache und wer ich bin, das sind ja in modernen Gesellschaften gerne mal zwei paar Schuhe, wo man eigentlich annehmen könnte, es gäbe maximale Schnittmengen. Oder so: Familie und Beruf sind Lebenswelten, die nur nebeneinanderher existieren. Oder genauer: chronologisch hintereinanderweg. Glücklich ist derjenige, der beides zusammenbringen kann. Aber damit befänden wir uns wieder in der bäuerlichen Gesellschaft, dort, wo sich alle gleichzeitig im gemeinsamen Tun für die Familie einsetzen, dort, wo Arbeit interfamiliär verteilt werden muss – schon deshalb, damit nichts liegen bleibt, die Kühe gemolken, die Wiese gemäht und das Korn fürs Brot gemahlen ist.

Lassen wir jetzt mal die hunderte Millionen Menschenschicksale außen vor, die sich weltweit viel elementarere Sorgen machen müssen, wie die Familie ernährt werden kann und beschäftigen wir uns für den Moment mit uns. Mit Leben und Arbeiten in Deutschland. Ich weiß es nicht, aber gibt es Umfragen und/oder Statistiken, wer wie zufrieden mit seiner Arbeit ist? Wer über das, was er aktuell täglich erledigt um seine Kontokarte immer wieder neu aufzuladen, sagen kann: Ich mache gerne, was mich und die Familie ernährt? Ich wage mal die These, dass Zufriedenheit hier ein Luxus ist.

Oder halt, es gibt sie doch, eine Untersuchung, die einen weltweiten Glücksfaktor ermittelt haben will: Der „World Happiness Report“ der New Yorker Columbia University. Dort wurde festgestellt, dass Glück und Bruttoinlandsprodukt doch nicht in einem direkten Zusammenhang stehen. Einfacher gesagt: Geld macht nicht glücklich. Oder noch weiter heruntergebrochen: Der Wohlstandsbauch kann schon mal ganz schön zwicken. Mehr bei uns Deutschen, als bei den reichen Norwegern. Denn besagter Report hat die Nordmänner und Frauen als die glücklichsten Menschen identifiziert, während wir Deutschen noch hinter, man will es kaum glauben, Italien und Kuwait auf Platz 30 rangieren.

Die Währung für Glücksmomente

Forsa hat dieser Report wohl keine Ruhe gelassen und man startete eine Umfrage, die ergab, dass Selbstbestimmung ganz oben auf der Liste der Glücksfaktoren steht. Aber ich traue dieser Umfrage nicht. Entweder wurde geschludert oder die Befragten haben sich selbst in die Tasche gelogen, denn weiter heißt es dort, dass 55 Prozent der Deutschen „große Lebensfreude“ bei ihrer Arbeit empfänden. Übertroffen gerade noch vom Glück, dass Männer bei der Ausübung eines Hobbys empfänden. Also die Eisenbahn im Keller oder der sonntägliche Bolzplatzspaß noch schöner als Arbeit. Heißt also, dass zur Dualität von Familie und Arbeit noch das Hobby hinzukommt.

Aber zurück zu den 55 Prozent und warum mir das falsch vorkommt. Ich bin sicher, dass es viel mehr mit dem Erlös dieser Tätigkeit zu tun hat, die dann wieder in die Familie und die Finanzierung der Hobbys fließen kann. Ist es nicht tatsächlich so, dass der größte Teil der Lebenszeit dafür draufgeht, diese glücksnotwendigen Chips zu erarbeiten – als Eintrittskarte zu den, auf Grund der verlorenen Arbeitszeit bereits stark limitierten, Glücksmomenten?

Na klar, das Glück entsteht ja nicht aus sich heraus in dem Moment, wo ich am Fließband Kotflügel festniete, in der Verwaltung Akten prüfe, mit dem Rasenmäher städtische Grünstreifen rasiere mit Schallschutzkopfhörern oder im Akkord bei einem Discount-Friseur Haare schneide. Da ist der Glücksmoment maximal mit der Werksirene zum Feierabend verbunden – also mit dem letzten Kunden und dem letzten Kotflügel des Tages.

Aber wo ist das ganzheitliche Glück denn nun versteckt? Im so augenfälligen Nichtstun auf unterschiedlichstem Niveau, so wie bei Reiner Langhans und Robert Geissen?

Nein, denn bei genauerer Betrachtung haben beide ja jede Menge zu tun. Langhans nimmt sich stellvertretend für uns, die wir mit nur Glück versprechenden Tätigkeiten beschäftigt sind, die Zeit, über das Leben an sich nach zu denken, über den Tod, über das Sterben und was ihn halt so beschäftigt wenn ihm langweilig ist und was er uns also abnimmt, damit wir uns damit nicht mehr beschäftigen müssen.

Das Glück-O-Meter wäre wertlos

Und Geissen zeigt auf so wunderbare Weise, dass noch der dickste Sack Glückscoupons nicht ausreicht, wirklich glücklich und zufrieden zu sein. Wer würde sich nun zutrauen festzustellen, wer von den beiden der Glücklichere ist? Gäbe es so etwas, wie ein Glück-O-Meter, ich bin sicher, das Ding wäre komplett wertlos. Schon deshalb, weil es jeden an der Nase herum führen würde. Denn würde es uns nicht jedes Mal ein bisschen mehr glücklich machen, zu erfahren, dass wir glücklich sind? Umgekehrt natürlich genauso: Wenn sie einem subjektiv glücklichem Menschen mitteilen, das Glück-O-Meter stände verdammt im roten Bereich, wie lange würde es dauern, bis sich sein Glückszustand verflüchtig? Ja, es macht unglücklich, vermeintlich unglücklich zu sein.

Die Norweger haben dagegen ein gutes Mittel: Denn wenn die nach der Arbeit mit dem Boot rausfahren und angeln, fangen sie Fische. Das könnte man Hobby nennen. Aber sie haben anschließend meistens etwas im Köcher, das zu bekommen, man in Deutschland Arbeit aufwenden müsste, die dann wieder in Glückscoupons umgewandelt wird, für die man dann den einen oder anderen Fisch aus dem Fischladen bekommt. Nun ist der Fleischverbrauch in Norwegen verdammt hoch. Es gibt sogar Norweger, die am Wasser leben, und keinen, oder nur selten, Fisch essen. Sie bevorzugen ein dickes saftiges Steak auf dem Grill. Das macht sie verdammt glücklich.

Und auf einmal scheint die Sache klar vor einem zu liegen: Glück, das ist der Bonus des Lebens. So gesehen ist die nicht per se glücklich machende Arbeit bereits der bessere Garant für kommende Glücksgefühle. Arbeit ist also eine schöne Sache. Zumindest im Nachhinein. Und Glück, das von Dauer ist, müsste also unglücklich machen. Das Streben nach allumfassender Glückseligkeit ist also vorerst abgesagt. Macht nichts!

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