Auf dem Mount Everest der Masturbation

Alexander Wallasch17.02.2015Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Wie viel Deutschtümelei braucht es eigentlich, um heute noch Martin Walser als Zeugen der Anklage zu bestellen? Fragt sich unser Kolumnist bei der Lektüre von Georg Diez, dem scheinbar Deutschesten aller Deutschen.

Kennen Sie Georg Diez? „Spiegel“, „Spon“, Kulturressort, Kolumnist. Wenn ja, haben Sie vielleicht schon mal einen seiner Texte gelesen und sich ein Urteil gebildet. Wie auch immer es ausgefallen sein mag, der Kollege ist jedenfalls gerade ziemlich übel in eine selbst gelegte “Ressentimentfalle getappt”:http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/dresden-bomben-opferkult-und-walser-kolumne-von-georg-diez-a-1018265.html. Und es lohnt, kurz darüber zu sprechen.

Ausgerechnet zum siebzigsten Jahrestag der Zerstörung Dresdens beglückt Diez seine Leser mit seiner anachronistischen These von deutscher Schuld und Sühne, wo man annehmen könnte, das sei nun ausreichend debattiert worden, um wenigstens diese Blut- und Bodenphrase von der Vererbbarkeit von Schuld dem elenden deutschen Faschismus ins Grab der Geschichte hinterherzuschmeißen.

Aber nein, Diez bleibt hartnäckig. Und dabei ist er so im Gestern verhaftet, wie die Frage, ob man nun „Bombenterror“ sagen soll oder im Sinne von Richard von Weizsäcker einen Kollateralschaden annehmen muss, der – inklusive Moral Bombing und Vertreibung – zwar auf grausige Weise auch auf deutscher Seite Hunderttausende unschuldiger Opfer forderte, aber am Ende ein reinigender Akt der Befreiung gewesen sein soll.

Diez titelt zu 70 Jahre Bombardierung Dresdens lapidar „Verschleierung der Schuld“, wo man auch sagen könnte: keine Schuld, keine Scham aber eben auch kein Vergessen. Und die Betonung des deutschen Konsens-Dreiklangs liegt dabei zweifellos auf „kein Vergessen“.

Aber Georg Diez interessiert das alles nicht. Er pflegt unverdrossen diesen deutschphobischen Revisionismus mit seinen Götzen namens „Schuld“ und „Scham“. Diez scheint sogar stolz darauf, jedwede Rezeption zu dem Thema konsequent zu verweigern. So stolz, als stünde die Mauer noch zwischen Gut und Böse, zwischen Washington und Moskau, aber mitten durch Berlin, wenn er schwadroniert: „Antiamerikanismus ist ja der Trigger des deutschen Nationaltrotzes.“

Diez schimpft und zetert über Walser

In Ermanglung eines gegenwärtigeren Zeugen zaubert Diez ausgerechnet Arbeiten des alten Martin Walser aus der Mülltonne der unter dem Generalverdacht des Revisionismus stehenden Literatur – so, als läge das umfangreiche Werk gegen jedes Zeitgefühl festgetackert auf dem Diez’schen Nachttisch als allgegenwärtige Einschlaflektüre, so wie die abgegriffene Bibel bei Mutter Teresa oder Marx’ „Kapital“ als Einschlafhilfe bei Sahra Wagenknecht.

Diez schimpft und zetert über den Weißhaarigen, bis er Schaum vor dem Mund hat, bis dicke Flocken fliegen, als wäre reichsdeutsche Weihnacht auf Berchtesgaden:

bq. „Walser, dessen Paulskirchen-Rede 1998 der Startschuss der Exkulpationslust der Deutschen war, zeigt sich schon hier als Stichwortgeber all der Schlussstricher, die mit ihm sagen wollen: ‚Ich verspüre meinen Anteil an Auschwitz nicht, das ist ganz sicher.‘“

Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 2015. Der angebliche Antiamerikanismus der Jetzt-Zeit, die – na ja – deutsche Empörung über US-amerikanische Expansionspolitik nach 9/11, über das Chaos gescheiterter Demokratisierungsfeldzüge im Nahen Osten, die Empörung über NSA, CIA, Guantanamo, Ukraine-Krisenpolitik usw. basiert also nach Georg Diez auf einem in der deutschen Seele genetisch angelegten deutschen Nationalstolz. Eine kritische deutsche Haltung der Politik Washingtons gegenüber ist für den Schuld-und-Sühne-Apologeten also nicht etwa Ergebnis von Ratio und Dialektik, sondern eine seit 70 Jahren anhaltende, tiefsitzende Wut auf die Vernichtung bringenden angloamerikanischen Bomberpiloten.

Oder, kurz gesagt: Diez teilt uns hier ohne mit der Wimper zu zucken seine idiotische Annahme mit, die Deutschen würden aus völkischen Gründen Amerika ablehnen, und nicht etwa, weil unsere Lieblingsverbündeten schlichtweg einmal zu oft Scheiße gebaut haben.

Tatsächlich erscheint uns nun dieser Georg Diez in seinem Furor als der Deutscheste aller Deutschen. Jener Deutschen, die von ihren Eltern und Großeltern all diese persönlich erlebten Gräuel erzählt bekamen, also ebenfalls verinnerlichten. 161 deutsche Städte versanken im Bombenhagel. Flüchtlinge und Vertriebene verloren auf gewaltsame Art und Weise ihr Leben, noch nach dem 8. Mai 1945. Noch lange nach der Befreiung.

Das muss doch verdammt noch einmal gewirkt haben, schreit dieser Georg Diez über 70 Jahre später immer noch nach dem verführerischen Goldenen Kalb des Antiamerikanismus. Und man ahnt endlich, wie schwer dieses deutsche Schicksal, diese ungeheure ungesühnte Erblast, an ihm genagt haben muss, bis er sich so vorbildlich dagegen auflehnen konnte.

Ja, wenigstens er hat sie noch, die unausrottbare deutsche Seele. Er allein spürt ihn noch, den ganzen Schmerz der Ahnen. Und dann ekelt er sich vor sich selbst. Vor seinem Deutschsein. Also ekelt er sich auch vor uns.

Er hat einen Ekel an Deutschland – tief verankert in der Annahme, dieses unter den Bombenteppichen und neben jeder vergewaltigten Frau angelegte deutsche Gen hätte das Wirtschaftswunder, die Wiedervereinigung und Merkels Deutschlandwunder 2.0 wundersam 1:1 überlebt. Kein Phönix aus der Asche, sondern in lupenreiner Deutschboden-Dauerpräsenz!

Jammerkult der Deutschen

Nein, der Diez’sche Antiamerikanismus der Deutschen ist nicht in der Gegenwart verortet, er ist für Diez so urdeutsch wie Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und „Jammerkult“. Oder wie … na klar: Martin Walser! So gesehen ist Martin Walser für Diez schlimmer als Guantanamo. Schlimmer als Drohnen zum Frühstück der vermeintlichen Warlord-Hochzeitsgesellschaft. Schlimmer als NSA, CIA und TTIP zusammen. Walser als Ursuppe des deutschen Antiamerikanismus?

Aber warum sind dann die schmucken deutschen Hollywoodfilm-Vorführ-Kinos nicht gähnend leer? Welche Filme laufen dort überhaupt und welche werden dort in Zukunft laufen, die diesen Jammerkult der Deutschen so perfekt bedienen, dass das Jammern nie aufhören mag?

Sind es gar Filme wie dieser „American Sniper“ von Clint Eastwood? Ein Film, basierend auf der Autobiografie des Navy Seals Chris Kyle, der mit über 160 bestätigten Tötungen (vornehmlich im Irak) laut US-Verteidigungsministerium der erfolgreichste amerikanische Scharfschütze überhaupt war?

In der beim Riva Verlag erschienenen Übersetzung des „New York Times“-Bestsellers schreibt Chris Kyle, der übrigens 2013 nicht etwa in einem der US-amerikanischen Kriegsgebiete im Kampf gefallen ist, sondern in Texas auf dem Schießstand von einem schwer traumatisierten Kameraden erschossen wurde, dieser Chris Kyle schreibt also in „American Sniper“:

bq. „Ich werde häufig gefragt, wie viele Menschen ich erschossen habe. (…) Die Zahl spielt für mich keine Rolle. Ich bedaure nur, dass ich nicht noch mehr Feinde erschossen habe. Nicht, um damit prahlen zu können, sondern weil ich glaube, dass die Welt ein besserer Ort ist ohne diese Wilden, die einzig darauf aus sind, Amerikanern das Leben zu nehmen. Jeder, den ich im Irak erschoss, versuchte, Amerikanern das Leben zu nehmen.“

Ja, das muss die Welt der Guten sein, die gute Welt des Georg Diez im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieses heilige herbeigesehnte Amerika der Befreier, das all die gefühlte deutsche Schmach zu überstrahlen in der Lage ist. Natürlich nicht. Allenfalls als Stockholm-Syndrom.

Niemand darf annehmen, schon gar niemand in Dresden, dass es so etwas wie den Nukleus eines US-amerikanischen Selbstverständnisses gibt, dass es also einen irgendwie gearteten Zusammenhang geben könnte zwischen der Mission eines Chris Kyle, dem Bestseller-Killer der USA, und dem angloamerikanischen „Bombenterror“ 70 Jahre zuvor.

Landser-Kitsch frei Haus

Dafür ist Georg Diez angetreten. Da liegen nun seine „Wunden der Sehnsucht“ offen, wie er schon 2010 einen gleichnamigen Artikel über „War“, einen weiteren US-Bestseller-Kriegsbericht, prosaisch betitelte. Dessen Autor, Sebastian Junger, war übrigens gewissermaßen ein Schützengraben-Kumpel von Chris Kyle, ein Embedded-Journalist.

„In ‚War‘ geht es“, schreibt also Kollege Diez, „um die Frage, ob ein Mann nun schwuler ist, wenn er auf Sex verzichtet, oder vor lauter männlichem Sexualtrieb mit einem Mann schläft. Es geht um die Frage, ‚ob es wohl mental möglich sei, während eines Feuergefechts zu masturbieren. Das wäre, zugegebenermaßen, der Mount Everest der Masturbation.‘ Worauf ein Soldat zu Junger sagt: ‚Wir sind wie die Tiere, nur schlimmer.‘ Solch ein Satz findet (…) sich nur da, wo es blutig ist und grausam, manchmal auch zärtlich und sogar schön.“

Ja, wunderbar, lieber Georg Diez, da servieren Sie uns frei Haus Ihren Landser-Kitsch von Gruppen-Onanie und Männerfreundschaften. Ja, Krieg kann tatsächlich total geil sein, wenn man nur genug Popcorn mit ins Kino genommen hat. Und dazu einen zünftigen deutschen Apfelsaft – serviert im 0,5-Liter-Pappbecher mit Coca-Cola-Aufdruck.

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