Wir sind die Guten!

Alexander Wallasch3.02.2015Innenpolitik

Unser Kolumnist kommt beim Spazierengehen durch Braunschweig an der Bragida-Demonstration und der dazugehörigen Gegen-Demonstration vorbei – und fragt sich, ob in Deutschland noch alles in Ordnung ist.

Ich will aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, natürlich gehört meine Sympathie der Linken. Das wird sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern, selbst dann nicht, wenn ich zugeben müsste, das Herz hier mitunter schon mal arg mit dem Verstand ringen zu lassen. So auch diesen Montag auf dem Nachhauseweg von der Arbeit – ich gehe die 45 Minuten, weil ich mir einbilde, es helfe dem Rücken und ich spare mir so die entwürdigenden Rückenübungen. Ich war also auf meinem täglichen Spaziergang. Ich bin Spaziergänger, aber zumindest in der Funktion ein völlig unpolitischer.

Nun führt mich mein Weg vorbei am Braunschweiger Schloss, das ist diese Fassade der Erinnerung mit der Shopping-Meile dahinter, die spürbar auch den Konsum meiner Familie angekurbelt hat. Und der Platz davor ist ja auch wunderschön. Wo sich in den 1970er-Jahren hinter Büschen, Hecken, auf Wiesen und Bänken noch Junkies öffentlich ihren Schuss setzten, tragen die Überlebenden heute ihre frisch gekauften Wohlfühlmarkenklamotten nach Hause. Diesen Montag aber nicht. Denn ich hatte völlig vergessen, auch in Braunschweig sind Montage 2015 Wochentage mit besonderer Bedeutung.

Wo sind die Scharfschützen?

Montags demonstriert hier die niedersächsische Polizei, dass sie noch da ist. Ich fange an zu zählen, während ich diesen eisernen Umweg gehe entlang der Sperrzäune, deren innere Dramaturgie sich nicht sofort erschließt. Ich zähle Mannschaftswagen und verzähle mich das erste Mal bei 43. Also 42, 42, 43 oder so ähnlich. Es stehen aber noch etliche mehr in Seitengassen und auf den Straßenbahnschienen. Selbst wenn mein Rücken wieder vollständig in Ordnung wäre, hätte ich montags in Braunschweig keine Chance, mit der Bahn nach Hause zu fahren. Der Knotenpunkt Nähe Schloss ist in beiden Fahrspuren voll gesperrt. Polizisten in schwarzer Kampfaufrüstung und in Dreiergruppen vervollständigen das Bild. Starke Kerle, ebenso muskulöse Mädels meistens mit Pferdschwanz (Kann mir das jemand erklären?). Männlein wie Weiblein standfest und erdverbunden.

Also jede Menge selbstbewusster A-Teams. Keine Ahnung, was ich früher gegen die Polizei hatte, vielleicht war es einfach der Sound der Zeit, etwas dagegen zu haben. Oder die Jugend befahl es, denn die rebelliert ja immer, zumindest war das früher so. Meine jugendlichen Kinder zu Hause sind nicht einmal mir gegenüber rebellisch, ihre Rebellion ist eine Form milder Verachtung, die erträglich ist, so sie in letzter Instanz und maximaler Lautstärke meinerseits doch noch einknicken. Aus Bequemlichkeit.

Aber zurück auf die Straße. Da erwartet also ein gewaltiges Polizeiaufgebot eine kleine Schar von 100 oder 200 Bragida-Leutchen – das ist der Braunschweiger Pegida-Ableger –, das ausgereicht hätte, den Besuch des Papstes oder sogar Obama ausreichend zu sichern. Ich schaue auf die Flachdächer gegenüber des Schlosses und suche die obligatorischen Scharfschützen für einen solchen Anlass, aber die sind entweder zu gut getarnt hinter der McDonald’s-Reklame, oder es gibt sie doch nicht. Aber dafür inspiziert gerade ein A-Team die Toiletten der Schnellimbisskette. Oder erledigen sie nur eigene dringende Geschäfte? Dafür muss man allerdings etwas zu Essen bestellen. Denn nur mittels Eingabe des Barcodes vom Abrechnungszettel darf man kleine oder große Deals machen. Das ist ja auch sinnvoll. Erst wenn was drin ist, muss auch was raus. Den Cheeseburger, den ich bestellte, um an den Barcode zu gelangen, schmeiße ich weg. Oder ich esse ihn, verrate es aber niemanden, weil ich ja Vegetarier bin.

Was rede ich da?

Natürlich verrate ich nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass es natürlich eine Gegendemonstration gegen Bragida gibt. Und diese Konfrontation ist – logisch – der Hauptgrund für das Polizeiaufkommen. Die Auftaktveranstaltung zu diesem Montagstreffen begann damals mit einer Art Sturmlauf der Antifa in Richtung Bragida, die nur mit einer geschlossenen Kette Polizei am Weiterkommen gehindert werden konnte. Eine perfekte Inszenierung auf beiden Seiten. Und man bekam schnell den Eindruck, dass beide Seiten zufrieden waren, dass es da endete, wo es endete. Diesen Montag hat man auf Polizeiseite trotzdem größer aufgefahren. Man wäre also wohl auch ausreichend gewappnet, wenn sich jetzt alle Gegendemonstranten auf den Weg Richtung Bragida machen würden. Also diese 50 Meter nach rechts. Aber bei den Bösen ist noch gar keiner, es würde sich also sowieso noch nicht lohnen.

Ich mische mich unter die Gegner, die ja eigentlich Befürworter sind. Für Weltoffenheit, für Einwanderung und für Menschlichkeit. Und da trifft man alte Bekannte: die Braunschweiger Linke, alle sympathisch. Die wollen niemandem was Böses. Und wenn es etwas anzuprangern gibt in Braunschweig, sind sie die Ersten, die es thematisieren, die Öffentlichkeit schaffen, bevor es unter den Teppich gekehrt werden kann. Gute Leute. Klar, dann die Gewerkschaftsvertreter, die sich bei Wind und Wetter aufmachen, die im ständigen Fight mit der Industrie gestählte Charaktere geworden sind. Gute Leute. Und es gibt viele weitere Gruppen, die gekommen sind, Flagge zeigen.

Man kennt sich, man grüßt sich, man spürt die gute Sache guter Leute. Und es gibt eine gute Haltung, die alle eint: also die Zusammenfassung der Standpunkte, die hier gegen Bragida versammelt sind: „Intoleranz der Intoleranz“. Oder: „Meinungsfreiheit nicht für jeden!“, rufe ich begeistert. Ach Quatsch, was rede ich da? Das ist ketzerisch, aber auch dieses Ketzerische ist Braunschweig. Hier wird pro forma hinterfragt, wenn die unterschiedlichen Gruppen zu eng zusammenrücken und man am Ende das Gefühl nicht mehr los wird, unter der Flagge der Volksparteien, unter dem Banner des Bürgermeisters aufmarschiert zu sein.

Also alles gut in Deutschland, oder doch nicht?

Aber alles wieder gut, beruhige ich die Umstehenden. Mein Polit-Tourette kam nicht von Herzen, das war gerade so eine blöde Verstand-Geschichte, die mir einen Streich gespielt hat. Ich verspreche reumütig, zur nächsten Wahl Plakate aufzuhängen, was auch dankbar aufgenommen wird. Und dann haben sich zur Rechten auch endlich die paar Hundert Außerparlamentarischen versammelt und der Spuk beginnt von Neuem. Die Polizei bekommt noch was zu tun – man ordnet, man sichert, man stellt sich gut auf. Alles gut.

Und am Ende des Abends hat dann wieder irgendwer mitgezählt – einer zählt immer mit – und erstaunt festgestellt: beide verloren! Denn was die Personenzahl angeht, ist der Sieger des heutigen Abends … die Polizei! Die Gegendemonstranten auf Platz zwei verwiesen. Die außerparlamentarische Rechte der Bragida mal wieder weit abgeschlagen. Also alles gut in Deutschland, oder doch nicht? Sagen Sie selbst!

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