Uns Udo

Alexander Wallasch22.12.2014Gesellschaft & Kultur

Ja, man darf mit 80 sterben. Und mit so einer Bravour, wie es nun Udo Jürgens hingelegt hat, wird es wohl keinem mehr gelingen.

Glauben Sie mir, ich meine es nicht despektierlich, aber wie passend ist das denn eigentlich: mit einem letzten lockeren Spaziergang abzutreten, nachdem man noch wenige Wochen zuvor mit fast unsichtbaren 80 Jahren mitten im Leben in Anwesenheit von Millionen Fernsehzuschauern quasi seiner eigenen Abschiedsfeier beiwohnte? Udo Jürgens durfte das erleben.

Und wer hätte sich das nicht selbst schon einmal im Traum vorgestellt, wie das denn wäre, wenn es zu Ende gegangen ist und man noch mal schauen dürfte, was die anderen so über einen denken, fühlen und sprechen? Wie viele schöne, liebenswerte und auch pathetische Worte sind wohl schon gesprochen worden, seit Menschen sterben, ohne dass der Verstorbene noch etwas davon gehabt hätte? Udo Jürgens hatte noch im Oktober 2014 Blumenstrauß für Blumenstrauß hingeworfen bekommen für sein Lebenswerk. Hingesungen!

Den schönsten und auf seltsame Weise wohl prophetischsten, weil schon so flüchtig, so jenseitig, so entweltlicht, so tief in zeitlosem Blau versunken, schenkte ihm Christina Stürmer hin mit einer beinahe respektlos “schlichten Interpretation seines Welterfolgs „Griechischer Wein“”:https://www.youtube.com/watch?v=ulOV_ieOIcE.

Nicht aufdringlich, einfach da

Dieses Lied, das lange schon zum deutschen Liedgut gehört, der Song vom griechischen Gastarbeiter, den es ins Ruhrgebiet verschlagen hat und der von daheim träumt, der darauf wartet, endlich sein in der fernen Heimat geborenes Kind zum ersten Mal sehen zu dürfen und der darauf hofft, dass das in Deutschland Ersparte „genügt zu Hause für ein kleines Glück“. Und der hofft, dass dieses nur noch im griechischen Wein Trost spendende Deutschland dann schnell wieder in Vergessenheit gerät: „Und bald denkt keiner mehr daran, wie es hier war.“

Erstaunlich, oder? Unendliche Male gehört und doch die sozialkritische Note ausgeblendet. Liest man heute ein paar der Songtexte der tausend von Udo Jürgens komponierten Lieder, finden sich viele solcher Botschaften. Nicht anklagend, nicht aufdringlich, einfach da. So wie sein ehrenwertes Haus. Und sein geliebtes Vaterland: „Konzerne dürfen maßlos sich entfalten, im Dunkeln steh’n die Schwachen und die Alten.“

Und dann Helene Fischer. An diesem in der kurzen Rückblende so denkwürdigen Abend der direkte Antipode zu Christina Stürmer. Wo Stürmer im schlichten Schwarzen auf die Bühne kam, überraschte Helene den Jubilar im raffiniert gewickelten Rosenrot-Bodenlangen. Die Bühnendeko ebenfalls in der Farbe der Herzen. Kitschig, romantisch? Na klar. Die Harfespielerin an Fischers Seite gab den letzten Ausschlag. Aber das machte ja alles nichts. Fischer ist die Lieblingssängerin der deutschen Fußballweltmeister 2014. Und Udo war der Barde der Weltmeister 1990. Schöner kann man den Staffelstab eigentlich kaum weiterreichen.

Er wollte keine Revolution

Und Helene bedankte sich nun also artig mit einem hingeschmachteten „Merci Chérie“, das so herzschmachtend daherkam, dass man schon hartgesotten sein musste, um nicht wenigstens zu verstehen, warum es dem 80-Jährigen an der Stelle dann doch Tränen der Rührung in die Augen trieb, die er zuvor mit dieser zeitlos coolen Udo-Jürgens-Grundhaltung noch abweisen konnte.

Einfach wunderschön, wenn man so Rührseliges ertragen mochte: Die Rosenblätter fielen zu Tausenden auf den virtuellen Bühnenhintergrund, es war fast zu viel. Nein es war zu viel. Aber so etwas zu ertragen, lernt man ja auch mit zunehmendem Alter. Und dann wird es zuerst weniger schlimm und auf einmal ist es Kult, ohne dass man so recht erklären könnte, warum eigentlich.

Vielleicht ist es auch einfach die gelebte Zeit, die Udo-Jürgens-Ausdauer. Dieses Nie-enden-Wollende, das dann doch einmal zu Ende geht. Eben so wie das Leben. Also hatten sich am Ende auch die noch an Udo gewöhnt, die seine Musik anfangs nicht mochten. Das übrigens rettete viele Schlagerstars über die Zeit, als dieser Udo Jürgens längst schon aus der Zeit gefallen war. Einfach Udo. Einfach immer erfolgreich.

Sicher wollte Udo Jürgens mit seiner Musik nie eine Revolution anzetteln. Hier sang nicht der österreichische Bob Dylan, hier wollte einer sein Millionenpublikum mit Schlagern unterhalten und Ihnen ein paar emotionale Stunden schenken. Es gelang ihm immer. Und die kritischen Botschaften sickerten dann eben einfach subtiler, langsamer, aber dennoch kontinuierlich ein. Udo Jürgens’ Lieder waren immer etwas anders als die üblichen Schlager-Erfolge seiner zahlreichen Kollegen. Schlager war ja über Jahrzehnte das erfolgreichste Musikgenre in Deutschland. Udos Schlager waren intelligenter, verkopfter, fast sperrig, beinahe so, als hätte er etwas viel Komplizierteres vorgehabt, es aber dann wohlwollend und massenkompatibler komponiert und den Deutschen hingesungen.

Ein Hoch auf unseren Udo

Ja, mit seinem 80. Geburtstag hat die Verehrung für das Gesamtpaket Udo Jürgens eine für den deutschen Sprachraum maximale Dimension erreicht. Mehr geht eigentlich kaum noch für einen lebenden deutschsprachigen Künstler. So gab es für Udo Jürgens nicht nur diese bombastische ZDF-Geburtstagstorte der Stars, Weltstars und Sternchen, sondern mit „Der Mann, der Udo Jürgens ist“ kredenzten ihm Hanns-Bruno Kammertöns und Michael Wech zusätzlich ein filmisches Requiem ins Jahr, das auch noch jene vor dem TV begeistern musste, die der Musik des deutschen Superstars keine Träne nachweinen. Warum? Weil dieses Porträt Udo Jürgens’ auch eines der Bundesrepublik Deutschland wurde, genau so, wie es Hape Kerkeling erklärte. Und Iris Berben wusste dann noch: „Jeder hat eine Erinnerung an Udo Jürgens.“

Da war er aber noch gar nicht auf seinem letzten Spaziergang unterwegs, sondern stand auf eine Weise mitten im Leben, die Chris de Burgh im ZDF-Geburtstagsspezial verleitete zu sagen: „Ich wünschte, ich würde in Deinem Alter noch so gut aussehen.“

Ja, man darf mit 80 sterben. Und mit so einer Bravour, wie es nun Udo Jürgens hingelegt hat, wird es wohl keinem mehr gelingen. Also Vorhang zu, und alle Lieder gesungen. Ein Hoch auf uns. Auf unseren Udo Jürgens!

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