Der etwas andere Reiseführer

Alexander Wallasch24.11.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Kann man auch unter körperlichen Schmerzen das Buch eines „Russland-Verstehers“ rezensieren? Oh ja, man kann!

Es hat sicher auch etwas Symbolhaftes, wenn man über das Buch eines sogenannten „Russland-Verstehers“ schreibt, während einen ein schlimmer Ischias quält, und man sich gerade so auf einem wackligen, wasserblauen Gymnastikball an der Tastatur festhalten kann. Unterbrochen noch von diversen Stehpausen, Beinschüttelübungen, Medikamente-Einnahmen und viel Selbstmitleid. Auf jeden Fall ist das mal eine gefährliche Situation für den Autor, dessen Buch man besprechen will. Denn hier geht einem ja bereits etwas elementar auf die Nerven, bevor man auch nur eine Zeile Text gelesen hätte. Eine negative Grundstimmung. Wie der Versuch, unter Zahnschmerzen ein Lied zu singen.

“Thomas Fasbender”:http://thomasfasbender.de/ heißt der Autor. Er ist der Russland-Versteher. Das klingt zunächst einmal wie „Deutschenliebchen“. „Deutschenliebchen“ – das war eine diskreditierende Bezeichnung für europäische Frauen, die sich in von der Wehrmacht eroberten Gebieten mit den deutschen Besatzern eingelassen hatten. Kollaboration und Fraternisierung mit dem Feind also.

Thomas Fasbender hat es sich nun in seinem Buch “„Freiheit statt Demokratie – Russlands Weg und die Illusion des Westens“”:http://www.amazon.de/Freiheit-statt-Demokratie-Russlands-Illusionen/dp/3944872061 mitten im Reich des Bösen gemütlich gemacht. Böse? Ja, denn natürlich wirkt sie immer noch nach im westlichen Menschen: die psychologische Kriegsführung des Kalten Krieges. Im “Konsalik-geprägten”:http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_G._Konsalik Nachkriegsdeutschland sogar noch ein wenig mehr, denn hier wirkt nicht nur diese Schlechtrede, sondern tief verborgen im kollektiven Bewusstsein auch noch die NS-Propaganda von den Roten Horden, von diesem „Jüdischen Bolschewismus“, die der baltendeutsche Chefideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, publizierte.

Tatsächlich erscheint Russland heute schon wieder so düster wie lange nicht mehr in den vergangenen Jahrzehnten. Irgendwelche Nachwehen von Glasnost und Perestroika? Fehlanzeige.

Was hat Fasbender über sein Russland zu erzählen?

Ist dieses Russland des 21. Jahrhunderts also heute unter Putin ein Ort fortschreitender “Anomie”:http://de.wikipedia.org/wiki/Anomie geworden? Ein unwirklicher, lebensferner Ort? Aber nein, das findet Thomas Fasbender überhaupt nicht. Und immerhin lebt und arbeitet der 57-jährige Deutsche schon seit über zwanzig Jahren in Moskau.

Leider führt der Titel „Freiheit statt Demokratie“ auf die falsche Fährte. Suggeriert er doch, es gäbe eine Alternative zu demokratischen Verhältnissen. Und Freiheit wäre diese Alternative. Fasbender argumentiert diese These über 360 Seiten auch nicht. Folgt man Fasbenders Gedankengängen, hätte der Titel in etwa so heißen müssen: „Es gibt in Russland erstaunlich viele Freiheiten jenseits eines westlich geprägten Demokratieverständnisses.“ Aber das war wohl viel zu lang für seinen Buchtitel.

Ignorieren wir das mal ebenso wie die wehende russische Flagge auf dem Titel, die doch arg rus-patriotisch und bekenntnishaft daherkommt und schauen wir mal, was Fasbender über „sein“ Russland zu erzählen hat und in welcher literarischen Qualität er das macht und über 13 Kapitel verhandelt.

Es gibt drei gleichwertige rote Fäden, zum einen das profunde historische Wissen des Autors, zum anderen das persönliche Erleben, also die autobiografische Tonspur und dann noch die Reflexion auf das Tagesgeschehen von seinem prädestinierten Aussichtspunkt mitten im Moskauer Alltag aus erklärt. Fasbender verknüpft, springt, spielt und assoziiert virtuos zwischen diesen Gleisen. Selbst noch, wenn er in die Banja geht, lässt er ordentlich Dampf ab in alle Richtungen, getreu dem Banja-Motto: „generalow w bani net“, was so viel bedeutet, wie: „In der Sauna gibt es keine Generäle.“

Fasbender ist auch ein echter Macho

Live aus dem Schwitzkasten erfahren wir dann Banja-Erkenntnisse, wie die, dass „die Deutschen die Wahrheit noch in der Philosophie (suchen würden), während die Russen sie im Wodka schon gefunden haben“. Oder dass wohl kein „Genpool so groß ist wie der russische“, dass es in Europa nur „drei Völker mit wirklichem Humor (gibt): die Russen, die Juden und die Engländer“ und dass in „Russland das uralte Gemisch aus Ost und West die Frauenköpfe mit den hohen Wangenknochen gezaubert (hat), deren schmale, leicht gewinkelte Augen westeuropäische Männer zu den größten Dummheiten veranlassen“. Ja, dieser Fasbender ist auch ein echter Macho. Das macht hier aber jede ernsthaftere Zeile, die in diesem Buch übrigens bei Weitem überwiegen, noch sympathischer. Der Erzähler traut sich was in den Zwischentönen und versteckt sich nicht hinter Eloquenz und Faktencheck.

Würde man jetzt die interessantesten Russlanderzähler einmal nebeneinander stellen, also Peter Scholl-Latour, dann Gerd Ruge, Gabriele Krone-Schmalz, vielleicht noch Klaus Bednarz, dann entstände nun eine neue Leerstelle, die dieser Thomas Fasbender perfekt ausfüllt. Sein Alleinstellungsmerkmal ist ganz sicher die literarische Qualität. Thomas Fasbender ist der beste Erzähler von allen. In seiner Brust schlagen gleich drei Herzen: der auf dem Boden der Tatsachen operierende politische Journalist, der pflichtschuldige Historiker und der große Poet, der sich Kapitel für Kapitel neu zu verlieren scheint in der Beschreibung der russischen Seele, wie er sie erlebt, in reportageartigen Plots, die eine bildmalerische Kraft haben, die nur großer Literatur innewohnt.

Vielleicht ist es dieses Collagenhafte, das Thomas Fasbender am überzeugendsten als Russland-Kenner vorstellt. Eine Gemengelage von großer Ausstrahlung. Einmal verliert sich der Autor kapitelweise in den-Mund-wässrig-machenden Rezepten, der Herkunft und Entstehung seiner Lieblingsgerichte („Pelmini, Plow und Chatschpuri“), nur um seine Leser anschließend mit vollem Bauch auf einen „Moskauer Spaziergang“ einzuladen, der ihm unvermittelt gleich wieder zur historischen Exkursion gerät oder zur Einführung in die großen russischen Erzähler oder zu einer Schnitzeljagd entlang der vielen Statuen und Denkmäler, die er noch auf den verlassensten Hinterhöfen Moskaus aufspürt. So gesehen ist „Freiheit statt Demokratie“ auch ein wunderschöner alternativer Russlandreiseführer. Vielleicht das sogar am meisten, würde man Fasbender damit nicht fast unter Wert verkaufen. Hier ist die ganzheitliche Wahrnehmung von Literatur angesagt. Eine russische Disziplin, will es scheinen. Eine Fasbender-Disziplin!

Fasbenders Russlandbetrachtungen basieren auf seinem reichen Fundus persönlicher Erfahrungen, auf einem gesellschaftspolitischen Blickwinkel: „Russland will den Weg des Westens nicht gehen. Und es wird ihn nicht gehen.“ Daran nun wieder hätte der russische Präsident den geringsten Anteil. Für Fasbender wird für den Westen eine für beide Seiten positive Annährung erst dann möglich sein, wenn wir verstehen, was für den russischen Menschen Freiheit wirklich bedeutet. Wenn wir endlich begreifen würden, dass unsere Verliebtheit in „Vernunft und Gesetzestreue“ in Russland nicht an erster Stelle des täglichen und individuellen Werbens um Glückseligkeit steht. Und noch nie stand!

Der unternehmerische Glücksritter

Gut, Fasbenders Perspektive ist die des unternehmerischen Glücksritters. Und wenn man sich so durchwühlt durch Google, darf man vielleicht auch annehmen, dass der Autor immer schauen musste, wo er bleibt. Aktuell fungiert er gerade als Geschäftsführer von „Car Pool“, eines Moskauer Unternehmensfuhrparks. Wir haben es hier also keineswegs mit einem deutschstämmigen Abramowitsch in Russland zu tun. Aber das schadet nichts. Gerade diese vermutete Diskrepanz zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit macht die Beobachtungen und Selbstreflexionen Fasbenders so wertvoll für die Rezeption russischer Realität.

Man kann sich nur wünschen, dass die selbsternannten Russland-Kritiker diesen Russland-Versteher auf ihrem Nachtschrank liegen haben. Für Steinmeier, Merkel und Co sollte es sogar Pflichtlektüre werden. Eine hinreißende dazu. Ohne Ischias aber sicher noch lesenwerter. Also auf dem Diwan gelesen, anstatt auf so einem unmännlichen bläulichen Gummiball.

Lieber Thomas Fasbender, ein ganz dringende Frage hätte ich deshalb noch: Was bitte macht denn nun der Russe gegen Ischias außer Banja und Wodka? Ich bin sicher, dass Sie auch darauf eine hilfreiche Antwort parat haben.

“!http://c3445010.r10.cf0.rackcdn.com/landscape_image/8530/big_5267b19ccc.png(Cover Fasbender)!”:http://www.manuscriptum.de/edition-sonderwege/buecher/neuerscheinungen/titel/thomas-fasbender-freiheit-statt-demokratie/

Thomas Fasbender
„Freiheit statt Demokratie – Russlands Weg und die Illusionen des Westens“
Edition Sonderwege

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