Atemlos aus der Nacht

Alexander Wallasch9.11.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Bei der westdeutschen Jugend kam der Mauerfall gar nicht so gut an, wie Alexander Wallasch sich erinnert.

Die Ungeheuerlichkeit sollte sich Jahre später noch einmal in der Negativversion wiederholen: Ja, der Mauerfall war unser 9/11. Verbunden mit der sofortigen Erkenntnis, das dieses Ereignis weitreichende Folgen haben würde. Nun darf noch weiter relativiert werden. Dahingehend, dass für uns junge Westdeutsche diese Wende zunächst einmal ein unerwünschter Aufreger war. Eine Störung geradezu!

Wir waren ja aufgewachsen in einer BRD, die sich unter dem Schutz der USA zu so etwas wie einem selbstzufriedenen Nörgler entwickelt hatte. Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ waren geprägt von Auschwitz und „Nie wieder Krieg“. Auf dem ausrangierten Bundeswehrparka stand mit schwarzem Edding neben dem Peace-Zeichen „Soldaten sind Mörder“ und „Deutschland verrecke!“.

Und natürlich durfte man sicher sein, dass das System stabil genug war, so etwas auszuhalten, sonst hätte man umstandslos Hemd und Krawatte getragen, so gemütlich war es damals in der Bundesrepublik Deutschland. Noch ein bisschen mehr, wenn man in einem dieser hoch subventionierten Zonenrandgebiete lebte.

Es war Platz und Geld für alle da in der Bonner Republik

bq. Zum Ausgleich der Auswirkungen der Teilung Deutschlands ist die Leistungskraft des Zonenrandgebietes bevorzugt zu fördern mit dem Ziele, in allen seinen Teilen Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie eine Wirtschafts- und Sozialstruktur zu schaffen, die denen im gesamten Bundesgebiet mindestens gleichwertig sind. Damit sollen gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen werden, dem Zonenrandgebiet als Ganzem die Teilnahme an der fortschreitenden “Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft zu ermöglichen”:http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/06/007/0600796.pdf.

Das war unsere Welt. Niemand von uns wollte damals an irgendetwas Weltbewegendem teilnehmen, wir waren zufrieden mit dem, was wir hatten, was wir aus dem großen Topf finanziert bekamen. Und wir hatten uns in Gruppen aufgeteilt, die ihre eignen wohltemperierten Räume beanspruchen konnten. Den einen die fürstlich durchsubventionierten Theater und die Fabriken, den anderen die Arbeitsplätze und wieder anderen den gesicherten Zugang zu den Gratisfressnäpfen in Form von BAföG oder Sozialhilfe. Gelegenheitsjobs gab’s außerdem zur Genüge, die diese Art zu leben sogar noch etwas weiter aufwerten konnten. Es war Platz und Geld für alle da in der Bonner Republik.

Sven Regener hat es ja schon so wunderbar in seinem „Herr Lehmann“ erzählt. In der Verfilmung gibt es diese Schlussszene, als aufgeregt die Kneipentür aufgerissen wird, jemand ruft so etwas wie: „Die Mauer ist gefallen“ oder „Die Grenze ist offen“ und diese für sich sensationelle Meldung wurde von den Thekenbewohnern ähnlich mürrisch aufgenommen, wie der noch ausstehende Ruf des Gastwirtes: „Die letzten Bestellungen bitte!“ Georg Diez erinnert in “seiner aktuellen SPON-Kolumne”:http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mauerfall-mit-gauck-und-biermann-teddys-auf-geschichtsausflug-a-1001649.html an Christoph Schlingensiefs „immer noch gültigen Wiedervereinigungsfilm ,Das deutsche Kettensägenmassaker‘, der über die neuen ostdeutschen Mitbürger sagte: ,Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst.‘“

Als Berlin schon im Ost-West-Vereinigungsdelirium versunken war und sich die Mauerspechte bereits die Finger wund klopften, war es auf der Braunschweiger Friedrich-Wilhelm Straße noch mucksmäuschenstille. Das war unser Kiez. Ruhig und sonnenbeschienen. Aber wir waren somnambule Wesen schon über Jahre. Der Bruder hatte sogar extra eine Diskothek eröffnet, deren Betreibung Legitimation genug war, erst im Morgengrauen ins Bett zu fallen, um irgendwann gegen fünf Uhr nachmittags aufzustehen und per Telefon eine Pizza zu bestellen beim Italiener unten im Haus.

Eine Ost-Zombie-Parade

Wir hatten irgendwann sogar schwarze Lackfarbe gekauft und die Fensterscheiben von innen angemalt. So war der Wechsel von der Diskothek nach Hause weniger schmerzhaft. Vom Dunkel ins Dunkel. Es war wunderbar. Und dann passierte ungefragt und unverlangt diese deutsche Revolution auch in Braunschweig, diese Revolution, die sich anfühlte wie eine Invasion, ein grau in grauer Menschentsunami: Eine Trabbi-Wartburg-Kolonne bog aus Richtung Alter Bahnhof in unsere Straße ein, dass es sich anfühlte, als verdunkle sich die deutsche Sonne. Ein nicht enden wollendes, trötendes Hupkonzert, das noch den letzten Schläfer aus seinem Paradies in die neue deutsche Realität beförderte.

Am schlimmsten traf es die türkischen Gemüsehändler und die vielen Betreiber dieser kleinen türkischen Kartenspielclubs. Die nackte Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Sorge, nun über Nacht von Menschen zweiter zu Menschen dritter Klasse geworden zu sein. Eine Angst im Übrigen, die sich so tief eingegraben hat, dass die klassisch türkischstämmigen Gewerbe in der ehemaligen DDR bis heute von Vietnamesen betrieben werden: Gehen Sie mal in einen Gemüseladen nach Ost-Berlin: asiatische Betreibung. Der Imbiss an der Ecke: asiatisch.

Aber der Schrecken war kollektiv. Man stand gemeinsam mit Achmed und Co an der Straße und schaute auf die Fremdlinge. Selbst die Zuhälter der nahen Bruchstraße schauten auf eine Weise skeptisch, die man so nicht von diesen selbstsicheren schweren Jungs gewohnt war, die sonst auf alles eine knallige Antwort hatten. Jetzt sicherten sie ihre 500er mit vollem Körpereinsatz und Kampfhunden gegen die steingewaschene Menschenflut. Keine Raum, der jetzt nicht von Osten aus erobert wurde. Selbst die beschauliche Peepshow war binnen kürzester Zeit geflutet mit Menschen aus Halberstadt, Magdeburg und sonst woher. Die armen nackten Mädchen im Inneren wurden von ganzen Familien begafft. Oma, Opa, Tanten, Onkel, selbst schulpflichtige Kinder quetschten sich für eine Mark zwischen Zewawischundweg-Rolle und Geldeinwurfschlitz. Eine Ost-Zombie-Parade. Eine Urgewalt, die – das war jedem klar – nicht mehr zu stoppen war.

Die Gehsteige waren verstopft, an allen Ladentüren stauten sich die Menschen, die Ware zu schauen, die man ihnen 40 Jahre verwehrt hatte. Nur die türkischen Läden blieben so lange leer, bis einer so schlau war, die Auslage ausschließlich mit Kiwis und Bananen zu Sonderpreisen zu befüllen. Ja, da gab es eine Hemmschwelle dem Fremden gegenüber, die wir Westdeutschen so schon gar nicht mehr kannten. Klar hatten wir Ressentiments, aber wir hatten uns arrangiert, wussten, was wir voneinander zu halten hatten.

Der DDR-Bürger kam, um ihre wohlstandsverwöhnten Schwestern und Brüder zu Tode zu umarmen. Aber nicht deren Gäste aus Anatolien, die man betrachtete wie seltsam deplatzierte Exoten. Instinktiv schützten wir unsere Deutschtürken. Ein beliebter Spruch wurde der Satz: „Lieber zehn Türken als einen von drüben.“ Das half ein bisschen über den gemeinsamen Schmerz hinweg. Um nun aber niemanden aus der Fraktion der Wiedervereinigten zu verletzten, wurde es nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

„Für DDR-Bürger freier Eintritt“

Die lange Schlange an der alten Post riss nicht ab. Denn dort gab es einhundert Mark Begrüßungsgeld. Die waren mal eingeführt worden, als nur wenige von drüben herüber kommen durften. Nun musste man wohl oder übel an jeden auszahlen, man hatte nicht so schnell reagieren können, diese bis dato noch bezahlbare Segnung rechtzeitig einzustellen. Wie man genau regelte, dass sich DDR-Bürger nicht in jeder Stadt neu anstellten, war den meisten damals schleierhaft. In die DDR-Ausweise konnte man ja schlecht Stempel pressen, und die Vernetzung via Computer kann damals noch nicht so weit gewesen sein. Kann also sein, dass flinke Trabbis ordentlich Kilometer machten in diesen Tagen, wenn es keine wirkungsvolle Registratur gegeben hat.

Wir hängten ein Schild in den Eingangsbereich der Diskothek. „Für DDR-Bürger freier Eintritt“. Nicht aus reiner Menschenfreude, einfach, weil wir an diese Einhundert-Mark-Scheine wollten. Wir besorgten sogar extra Wechselgeld, aber am Abend stellte sich heraus, dass alles schon in Elektroartikel umgesetzt war. Die Disco wurde voller und voller, aber niemand bestellte etwas, während Andrew Eldritch in infernalischer Lautstärke aus den mannshohen Boxen dröhnte:

bq. Hey now, hey now now, sing This Corrosion to me. Hey now, hey now now, sing This Corrosion to me. Hey now, hey now now, sing This Corrosion to me.

Ja, damals korrodierte etwas unwiederbringlich in unserem Selbstverständnis. Nicht einmal mehr der Gang in den Keller zur gemeinsamen Einnahme stimulierender Substanzen – wir nannten es „Sozialisation“ – machte noch Freude. Wir waren hellwach, denn irgendetwas lief gerade deutlich schief im Zonenrandgebiet. Die Sache schien außer Kontrolle zu geraten. Am nächsten Tag hatte irgendein Spaßvogel das „freier“ vom „freier Eintritt“ mit „doppelter“ übermalt. Wir fanden es stimmig und ließen es solange hängen, bis wir wieder unter uns waren. Aber die Stimmung war trotzdem zerstört. Etwas um uns herum hatte an Bedeutung gewonnen, wo vorher nichts war, etwas allerdings, das uns so wenig betraf wie den türkischstämmigen Gemüsehändler.

Etwas gemeinsames Neues war auch nicht in Sicht

Die ostdeutschen Frauen waren aufgeschlossener, neugieriger als die Männer. Die Kerle sahen aus wie frisch aus dem Knast entlassen, die Frauen mehr so, als wären sie nur auf Besuch in der DDR gewesen. Da hatte sich etwas Raum gesucht, das sonst selten verhandelt wird zwischen den Geschlechtern. Es bewahrheitete sich nun, dass der potenzielle Wechsel eines Biotops für weibliche Wesen einfacher ist. Ja, er schien sogar programmiert. Und unsere ostdeutschen männlichen Geschlechtsgenossen spürten es sofort. Diese dumpfe Traurigkeit, die Verlustangst, sah man ihnen von der ersten Minute an. Oder spätestens, als die Ostfrauen die ersten Tüten mit Schminkutensilien aus den Westdrogerien schleppten und die Verwandlung schneller begann als es sich Ronny, Mario und René überhaupt vorstellen konnten.

Die Wandlungsfähigsten unternahmen sogar schon Friseurbesuche. Weiblicher Instinkt in Form maximaler Assimilationsfähigkeit. Wir entwickelten Mitgefühl, wandelten es aber sicherheitshalber nicht in Umarmungen um. Schließlich hatten wir auch unseren Harem zu verteidigen, wer wusste damals schon, welche Qualitäten diese Tapezierer, Maler und Mauerer plötzlich aus dem DDR-Nähkästchen zauberten, aber die Sorge war unbegründet, wie sich später herausstellte. Denn Attraktivität basiert meistens auf Selbstbewusstsein. Und attraktiv sah kaum jemand aus, der von drüben kam. Zumindest nicht für unsere Augen. Wir waren ja seit Jahren getrimmt auf die Feinjustierung jedes Details unserer Szene-Kostümierungen. Das konnte man nicht so schnell erlernen.

Und etwas gemeinsames Neues war auch nicht in Sicht, einfach weil von unserer Seite jede Bereitschaft fehlte. Wir waren ja nicht befreit worden. Wir wurden auch nicht wiedervereinigt. Dieses Gefühl, nun zu etwas Ersehntem, Größerem zusammenzuwachsen, war für uns auf eine Weise surreal, die bis heute diese ganzen Mauerfallbilder und Dokumentationen so schwer erträglich machen. Allen voran Spiegel-TV. Der „Spiegel“ ist übrigens ohne Zweifel erster Chronist der Wende geworden. Da muss einer den richtigen Riecher zur rechten Zeit gehabt haben. Kein westdeutsches Magazin war in Sachen Wende so präsent.

Eine Präsenz, die sogar die Bestsellerlisten eroberte. An dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf Matthias Matussek, der mit „Palasthotel oder Wie die Einheit über Deutschland hereinbrach“ wahrscheinlich eines der wichtigsten Bücher zur Wende geschrieben hat. Eberhard Rathgeb charakterisierte Matussek für die „FAZ“ als eine „Art Ethnograph“, der unsere unmittelbaren und damals doch völlig unbekannten Nachbarn erforscht.

Ja, das Unbekannte war unvermittelt über uns hereingebrochen und ist umstandslos eingesickert. Eine Ungeheuerlichkeit. So verloren wir einen Teil unseres Selbstverständnisses, einen wichtigen Teil unserer Identität als Westdeutsche. Man kann mit Recht sagen, der Schock wirkt bis heute nach.

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