Claus Weselsky Superstar

Alexander Wallasch6.11.2014Innenpolitik

Warum der Lokführer-Streik der GDL gut und richtig ist und die Kritik daran unsolidarisch. Eine Wutrede.

Ja, Sie lesen richtig, die GDL und ihr Chef Claus Weselsky haben alles richtig gemacht. Und wer wie ich in einer Region lebt, die zu großen Teilen von gewerkschaftlich ausgehandelten Volkswagen-Löhnen „blüht und gedeiht“, der versteht das noch ein bisschen mehr. Vergessen wir doch nicht, dass Volkswagen trotz dieser gerechten Löhne führender Automobilhersteller weltweit ist.

Ach, warum „trotz“, vielleicht sogar gerade deswegen! Und vergessen wir weiter nicht, dass der Bund alle Anteile an der Deutschen Bahn beibehält und kein Handel damit stattfindet. Es handelt sich also bei der Deutschen Bahn um ein privatrechtlich organisiertes Staatsunternehmen. Teile des Umsatzes werden sogar über Verkehrsverträge mit der öffentlichen Hand erwirtschaftet und Unterhalt und Ausbau der Infrastruktur werden auf demselben Wege bezuschusst.

Die GDL tut ihre Pflicht

Wenn es also darum geht, einen bestimmten Berufszweig – oder gleich mehrere! – anständig und angemessen zu bezahlen; ach was, wenn es darum geht, wenigstens den moderaten Forderungen zu entsprechen, dann diesen Sachverhalt mitdenken!

Aber nein, diese nadelstreifigen Herren dieses De-facto-Staatsunternehmens versuchen nichts anderes, als mithilfe ihrer nadelstreifigen Kameraden im Bundestag über eine gesetzliche Neureglung der Tarifeinheit das im Grundgesetz verankerte Streikrecht für kleine Gewerkschaften einzuschränken.

Nun haben aber Gewerkschaften, die sich ihres wichtigsten und wirkungsvollsten Instrumentes beraubt sehen, gar keine andere Wahl – sie haben sogar die Pflicht! – eben dieses Streikrecht radikal anzuwenden, solange sie sich überhaupt noch dazu in der Lage sehen.

Nein, die unerträgliche Situation ist eben nicht der Ausfall von Zugfahrten über ein paar Tage, unerträglich ist dieser mediale Kurzschluss, der sich nicht einmal gefordert sieht, die wahren Beweggründe seinen Lesern zu kommunizieren. Wenn der de facto staatliche Arbeitgeber fordert: „Was wir brauchen, ist ein Ordnungsrahmen, der das Miteinander von Gewerkschaften in den Betrieben regelt“, dann kann etwas nicht stimmen.

Dann muss doch der arbeitnehmerrelevante Vorteil eben genau in dieser Gewerkschaftspluralität liegen! So wie es ein Vorteil ist – das dürfte jedem einleuchten – wenn das Volk der Bundesrepublik im Bundestag nicht nur von einer Partei vertreten wird, sondern gleich von mehreren, mit konkurrierenden Ideen, dem Wohl des Volkes zu dienen – oder übertragen auf Gewerkschaften: dem Wohle der organisierten Arbeitnehmerschaft zu dienen!

Keine Hass-Person des Monats

Da lobe ich mir doch das libertäre Frankreich, das wahrscheinlich längst einen solidarischen Generalstreik oder etwas Ähnliches ausgerufen hätte. Vergessen wir nicht den 28. März 2006, als Frankreich sich geschlossen gegen den Versuch des Staates wandte, den Kündigungsschutz aufzuweichen. Und wo liegt bitte der Unterschied zum Streikrecht selbst? Also: Vive la france!

Oder wollen wir zukünftig in Verhältnissen leben, wie in den USA der 1920er-Jahre, als Unternehmer fünf Jungs in langen Trenchcoats mit abgesägten Schrotflinten losschickten und die Gewerkschaftsfamilien einfach wegpusteten, ganz laut und brutal und auffällig, damit sich so was _NIE_ wiederholt? Sie finden das maßlos übertrieben? Sie haben recht. Aber relativieren Sie doch mal selbst, was medial aktuell mit dieser mutigen Kleingewerkschaft und ihrem herausragenden Chef passiert. Diesem Claus Weselsky Superstar. Für mich überhaupt keine Hass-Person des Monats, wie bahnfahrsüchtige Journalisten im Namen „aller“ Bahnfahrer titeln, sondern der aufrechte Mann der Stunde. Bravo! Und weiter so.

bq. Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht! Beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nie vergessen: die Solidarität!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu