Der Junge hat Spaß

Alexander Wallasch23.10.2014Gesellschaft & Kultur

Wenn Tom Cruise singen könnte, wäre er James Blunt. Und James Blunt gibt den Sohn von Chris de Burgh auf LSD. Impressionen vom gestrigen Konzert.

James Blunt in der Volkswagen Halle – Freunde mailen: „Du bist doch pervers“, und: „Er war ein Kosovo-Veteran der Life Guards – ultra-harter Hund, das Bübchen.“ Gut, das ist zunächst mal ein Widerspruch zu dem, was man so aus dem Radio geschmachtet bekommt, wenn man die A7 runter fährt, oder wo immer. Wenn ich jetzt aus dem Nähkästchen plaudern würde, wäre es folgende Geschichte: Meine Frau hat mal fast Tränen der Wut vergossen, als ich darauf bestand, „Bonfire Heart“ bis zum bitteren Ende anzuhören. Nein, nicht aus Rührung, eher, weil mir dieses ständige Umgeschalte wegen eines falschen Songs auf die Nerven ging.

Halten wir also zunächst mal fest, dass es in Braunschweig 5500 anderen Menschen um die 50 Euro wert war, wofür Frau keinen Kilometer Autobahn weitergefahren wäre, wenn ich nicht vehement drauf bestanden hätte. Also hätte natürlich auch die Ankündigung „Du, ich geh da heute mal hin zum Konzert“ für Skepsis im Sinne von „Das kann nicht sein, also verarscht der mich jetzt und geht ganz woanders hin?“ gesorgt, wenn es so etwas wie einen Eifersuchtskosmos bei Frau geben würde. Gibt es aber nicht. Eine E-Mail an mich mit der Info, dass Tickets hinterlegt seien, schafft trotzdem Klarheit. Frau macht Scheibenwischer in meine Richtung.

Handy im Taschenlampenmodus

Nun liegt die Volkswagen Halle in der Nähe vom Puff, und der Gang durch diese Gasse ist so etwas wie eine Abkürzung und in Braunschweig einer der wenigen unveränderten Orte seit Jahrzehnten. Kleine beschauliche Mittelalter-Fachwerkhäuschen, Butzen, Pflastersteinstraße. Aber etwas ist trotzdem neu: Die Damen kobern nicht wie früher, es gibt keine Ansprache, keine Fenster, die hektisch aufgerissen werden. Und das aus einem einfachen Grund: Neunzig Prozent der Huren schauen Smartphone. Das Licht der kleinen Displays beleuchtet die überschminkten Gesichter und lässt das alles noch etwas surrealer erscheinen.

Daran erinnert dann auch diese Szene in der Halle ungefähr in der Mitte des Konzerts, als Blunt das Bühnenlicht dimmt und alle Handys im Saal auf Taschenlampenmodus gehen, wo früher Feuerzeuge angingen und schon mal Finger brannten, denn kein modernes Einwegfeuerzeug hält ja so einen ganzen Blunt-Song durch.

„Nokias don’t work!“, erklärt Blunt noch den älteren Semestern grinsend und davon sind einige im Saal. Herren, Typ Versicherungsvertreter mit weißen, gebügelten Hemden in den Jeans, die hochgezogen sind bis über den Bauchnabel – wie diese Edwin-Jeans in den 1980ern, die vorwiegend von Zuhältern getragen wurden, aber mit Fruit-of-the-Loom-T-Shirt, Cartier-Hängepanther und silberglänzendem Jackett dazu. Die Hosen haben also überlebt, die Zuhälter nicht, sonst wären Handys in der Pflastersteingasse verboten.

Freddie-Mercury-Posen ohne Glamrock-Attitüde

Aber jetzt nicht abschweifen, denn dieser Blunt hat alle Aufmerksamkeit verdient. Was in seinen Clips nicht sichtbar wird: Der Junge ist verdammt klein. Es wird also bei den Life Guards kein Gardemaß geben. Und Blunt tritt auf im Dress des englischen Fliegers, sogar den passenden Fliegerhelm hat er songweise auf. Das ist fast Punktlandung zum 70. Jahrestag der Zerstörung Braunschweigs durch englische Bomben. Ok, frech, aber so alt ist das Publikum dann doch wieder nicht, dass es groß aufgefallen wäre. Und in besagter Montur hüpft James – kleine Männer wirken immer etwas jünger, wenn sie nicht fett sind – über die Bühne, wie ein Derwisch, springt über sein Klavier, kickt locker den Hocker weg und ist in ständiger quirliger Bewegung wie eine Mischung aus Otto Waalkes und Grönemeyer.

Der Junge hat Spaß, so viel ist sicher. Nach drei Liedern, die auch ein James Blunt braucht, um mit den Braunschweigern warm zu werden, wirkt das alles authentisch und ehrlich. Ja, der Schrillsänger hat echt einen Hau, eine Meise. Freddie-Mercury-Posen, nur ohne Glamrock-Attitüde. Aber das macht in sympathischer als seine hochgestylten Videos vermuten lassen. Wenn er im Neunzig-Grad-Winkel zum Publikum Klavier spielt – er kann beides, Gitarre und Piano – fliegt immer mal wieder sein Kopf zum Publikum, und er zieht eine Grimasse als wäre Halloween – seltsam überzeichnete Einlagen, mit denen seine verzückten weiblichen Fans erst einmal umgehen lernen müssen.

Wenn Tom Cruise singen könnte, wäre er James Blunt. Und James Blunt gibt dort oben auf der Bühne gerade den Sohn von Chris de Burgh auf LSD. Sein Gesang ist um ein Vielfaches kraftvoller als auf CD. Das macht ja gute Live-Konzerte aus. Immer häufiger werden CDs einfach nur noch live abgespielt. Modernste Technik macht diese gar nicht so wünschenswerte Annährung möglich.

Blunts Mitspieler (Drums, Gitarre, Bass, Keyboards) spielen mit, sind aber kaum Teil der Show. Hier steht nur einer im Scheinwerferlicht: Blunt himself. Das niedliche junge Mädchen neben mir ist mit ihrem Vater oder Großvater gekommen. Beide singen JEDES Lied synchron mit, wie zu Hause geübt. Vatti klatscht im Sitzen mit über dem Kopf erhobenen Händen, was Tochter nicht einmal stört – klar, es sieht scheiße aus, aber Tochter schaut nur Blunt. Als die ersten Akkorde von „You’re beautiful“ anklingen, stöhnt die Kleine auf, dass man denken könnte, es wäre was Schönes passiert, aber dann bekommt sie vom händeschwingenden Vatti versehentlich eine verpasst und wird so wieder geerdet.

Stage-Diving im bestuhlten Innenraum

Hinter der Band laufen Filmsequenzen aus alten Schwarz-Weiß-Science-Fiction-Filmen ganz im Stile von Georges Méliès’ „Le Voyage dans la Lune“. Da schaut man gerne mal hin. Der Mond lacht, die Sonne zwinkert, eine Rakete fliegt vorbei, als hätte sie alle Zeit der Welt mitgebracht. Und Blunt macht auch einfach immer weiter. Sein Overall ist bald pitschnass. Eine Nässe, die für den Engländer seltsamerweise zum Stage-Diving-Signal wird. Und das ist kurios: Ein lupenreines Stage-Diving über einem komplett bestuhlten Innenraum! Die Leute sitzen und über ihnen schwebt der tropfende Künstler, dabei immer mit Argus-Augen beobachtet von seiner neben der Bühne erhöht sitzenden, bildhübschen Partnerin Sofia Wellesley. Also, Groupie-Exzesse kann sich Blunt für heute abschminken. Aber das ist angesichts dieses Braunschweiger Udo-Jürgens-Publikums fast schon eine weise Entscheidung.

„Könnt ihr nicht wenigstens mal einen Song lang nicht quatschen?“, beugt sich einer von hinten ganz weit rüber. Wir nehmen ihn in den Schwitzkasten und fordern mehr Höflichkeit ein, aber nicht so laut, dass es Blunt da oben hört, der Junge ist ja immerhin Ex-Life-Guard, da muss man immer mit unerwarteten Blitzschlägen rechnen, wenn man sich nicht korrekt zu benehmen weiß. Nach zwei Stunden ist die Gefahr aber vorüber. Und auch dieses erstaunlich stimmgewaltige Popsong-Gewitter. Rausgepresst, rausgeschrillt wie unter Hochdruck bis hin zu Heiserkeitsattacken. Kein Song, der sich – wenn er dann doch mal im Moll gestartet ist – nicht in einem weltumarmenden Dur-Akkord auflösen würde. Hingeschriene Balladen sind selten, aber heute gab es etliche davon. Atmosphäre eines freikirchlichen Erweckungsgottesdienst, als es dann doch eng wird Richtung Bühne und ein paar Hundert Wagemutige ihre Stühle verlassen. Zwei Zugaben noch, dann geht das Saallicht an. Ein Sound wie im Bienenstock, die 5500 summen einfach leise weiter, denn so ein Abend, der soll ja nie zu Ende gehen. Zumindest scheinen das 5499 Zuschauer so zu empfinden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Hinter den Klima-Alarmisten steht die Staatsmacht

Ich meine, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was in dieser Republik geschieht. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist dieser Anspruch nichts Besonderes, sondern Normalität.

Die Reihe der Straftaten, die in dieses Muster passen, ist mittlerweile lang

Der brutale Totschlag mitten in Augsburg hat nun die bundesweiten Medien erreicht. Leider wird wie so oft das Problem weitgehend ausgeklammert: Es gibt Gewalt mit Migrationshintergrund.

Die SPD regiert an der Wirklichkeit vorbei

Die Welt um uns herum verändert sich mit einem rasanten Tempo. Und wenn Sie vor diesem Hintergrund beobachten, was die Sozialdemokraten seit mehreren Monaten und jetzt beim Parteitag in Berlin tun, dann stellen Sie sich doch die Frage: leben die eigentlich noch in der Wirklichkeit dessen, was zur Z

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Mobile Sliding Menu