Am Ende der Fahnenstange

Alexander Wallasch20.10.2014Gesellschaft & Kultur

Es wird so getan, als ständen wir in Deutschland vor einem rechts-konservativen Super-GAU. Warum?

bq. Was ist Konservatismus? Ist es nicht das Festhalten am Alten und Erprobten gegenüber dem Neuen und Unerprobten? (Abraham Lincoln)

Woher kommt das eigentlich, dieses über die Erfolge der Alternative für Deutschland tausendfach getwitterte, gepostete und gebloggte Unbehagen vor dort als national-konservativ oder sogar reaktionär-revisionistisch identifizierten Tönen? Da flammt eine merkwürdige Hysterie aus der Mitte der Gesellschaft auf. Es kommt sogar zum Dissens unter Freunden und Nachbarn.

Die Empörung entzündet sich aber nicht nur rund um die Wachstumsraten der AfD. Diese seltsam überempfindlichen Sensoren schlagen an mehreren Stellen gleichzeitig an, so als ständen wir in Deutschland vor einem rechtskonservativen Super-GAU, jüngst erneut identifiziert am Bespiel dieses merkwürdig ungelenk nach rechts ausscherenden Mannheimer Sängers.

Der böse konservative Wolf

Die so ins Visier geratenen Protagonisten betrachten sich im Gegenzug sofort als Verfolgte, sprechen von Maulkörben und fühlen sich öffentlich massiv diskreditiert, was dann natürlich sofort wieder von der Gegenseite als Paranoia zurückgewiesen und als Symptom der Erkrankung am Konservativen erkannt wird.

Der mittlerweile zu so etwas wie einem geflügelten Begriff gewordene Satz „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ wird zur umgedrehten Speerspitze. “Der „Freitag“ beispielsweise spricht”:https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/im-dunkeldeutschen-wald vom „Rechtsdenker“, der irgendwo im „dunkeldeutschen Wald“ zu Hause sein soll. Der böse Wolf plane eine „Revolution der deutschen Selbstverständlichkeiten“. Und er möchte der Gebrüder Grimms „gestrige Werte als zukunftsweisend“ verkaufen und er soll eine „breite Masse der Bürger gerade dadurch“ begeistern, dass er offen ausspricht, was viele bisher nur im Stillen gedacht hätten.

Der Virus dieser konservativen Rückbesinnung schwappt bereits über auf die Union: Die CSU bietet neuerdings eine „Basisbewegung für Werte und Freiheit“, die sich selbstbewusst „Konservativer Aufbruch“ nennt. Man hat keinerlei Berührungsängste mit rechtskonservativen Zeitungen wie „Junge Freiheit“, wenn man am vergangenen Donnerstag “auf Facebook stolz postete”:https://de-de.facebook.com/pages/Konservativer-Aufbruch-CSU-Basisbewegung-für-Werte-und-Freiheit/632329270186822: „Terminankündigung unserer Veranstaltung in der aktuellen Ausgabe der ,Jungen Freiheit‘: Das Blatt freut sich dort über eine ,Rückbesinnung der CSU auf ihre christlichen und konservativen Wurzeln‘.“

Die schwarze Liste kann beliebig fortgeführt werden, entlang dieses ominösen Empörungsbarometers aufmerksamer Mitbürger. Bei denen erstaunt nun aber ihre bisherige politische Heimat, handelt es sich doch keineswegs um die üblichen linksverorteten Verdächtigen. Die Mahner kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Großteils Wähler der beiden großen Volksparteien.

Angst. Identitätsangst

Also Empörte, die sich längst unauffällig im System eingerichtet haben. Und die bisher kaum Anspruch auf politisches Gehör erhoben hatten. Die allenfalls mal im Bürgerverein oder Kreisverband zu sehen waren.

Die Soziologin Cornelia Koppetsch beschreibt diesen Typus “für die „Zeit“”:http://www.zeit.de/2014/41/avantgarde-linke-konservativ: „Rückzug aus dem öffentlichen Leben in den Nahbereich von Partnerschaft und Familie, Selbstausschließung durch Ausgrenzung, man gibt sich tolerant, klammert sich aber ängstlich an seine Privilegien und man lebt zurückgezogen in exklusiven Stadtvierteln, aus denen Migranten und Unterprivilegierte durch steigende Mieten bereits vertrieben wurden.“

Bei diesen politischen Schläfern ist nun die Empörung über die neuen, viel offensiver auftretenden Konservativen besonders groß. Identitätsangst. Angst um den Verlust einer konservativen Deutungshoheit, die man an den rechten Rand des politischen Spektrums abwandern sieht, ohne dass man ihr dorthin nacheilen könnte. N-tv hatte die Vorboten des Unheils allerdings schon 2010 “identifiziert:”:http://www.n-tv.de/politik/Merkel-will-den-Mythos-retten-article1568536.html „Merkel hat ihre Partei so erfolgreich modernisiert, dass alte Wahrheiten nicht mehr gelten.“

Da sehen sich also die von ihren Volksparteien _um ihre angestammten Werte_ betrogenen Wähler unfreiwillig ins Abseits gedrängt. Zum Zuschauen verdammt, während ihre konservativen Werte zackig nach ganz rechts abmarschieren. Denn dort werden sie als verlorene Kinder umjubelt. So schrieb n-tv damals weiter: „Ob Familienbild, innere Sicherheit, Integration oder zuletzt die Abschaffung der Wehrpflicht – viele Positionen der CDU wurden radikal weiterentwickelt, größtenteils liberalisiert.“

In den gemütlichen Prenzlauer Bergen der Republik ist der sich gerade erst etablierende Konservatismus schon wieder abgewandert. Und er hat Asyl beantragt ausgerechnet dort, wo eine sogenannte „Neue Rechte“ sonst immer noch regelmäßig mit dem Konservatismus der Mitte kollidierte. Einer Mitte, deren Leitplanken doch jahrzehntelang so perfekt aufgestellt waren.

Die Renovierungsaufgabe ist liegen geblieben

Rudolf Scharping, SPD, nannte diese Leitplanke vor über einem Jahrzehnt “noch eine „Brandmauer“”:http://www.mopo.de/news/sonntag-19-11-2000–15-42-spd-will-mit-haerte-gegen-rechtsextreme-vorgehen,5066732,6016296.html, sprach von rechten Brandstiftern jenseits des rot-gestrichenen zwar, aber solide konservativen Gartenzauns.

Das war die Zeit einer überaus nervös geführten „Leitkultur“-Diskussion. Und Hysterie und Lautstärke bestätigten schon damals die bereits brüchig gewordenen konservativen Wertvorstellungen der Volksparteien.

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi, Deutscher syrischer Herkunft, hatte mit seiner Definition des Begriffs „Leitkultur“ am Beispiel der Integrationsdebatte schon präzise erklärt, wo der Kern des Problems liegt: Deutschland müsse als „Kulturnation“ einen kulturellen Wandel vollziehen. Zu jeder Identität würde eine Leitkultur gehören.

Diese Renovierungsaufgabe ist liegen geblieben. Und wurde jetzt ungefragt von anderen übernommen. Die politische Mitte ist erschrocken aufgewacht – es war plötzlich so kalt unter der Kuscheldecke – und fühlte sich um ihre angestammte Interpretationshoheit über den Begriff „Konservativ“ betrogen. Hätte man frühzeitig ein öffentliches konservatives Bekenntnis ablegen müssen? Jetzt schreit man Zeter und Mordio, in der Hoffnung, dass sich die abdriftenden, die vertriebenen, Werte wieder in die Rückwärtsbewegung aufmachen würden. Aber die denken gar nicht daran.

Und dann passiert, was in jeder kaputten Beziehung passiert: Rosenkrieg. Die Verlassene orakelt in schwärzesten Farben: Die konservative Revolution stände unmittelbar bevor! Nur man selbst hätte diese fragilen Werte noch einigermaßen unter Kontrolle gehabt. Nun sei wieder Weimarer Republik angesagt. Hilfe: Adolf Hitler – Sie wissen schon: Der Untergang naht!

Gefühlter Totalverlust des Wertekanons

In den USA spricht man bei diesem Vorgang des Abdriftens konservativer Werte von einer neokonservativen Revolution, von Neocons, deren fundamentale Merkmale die Vorrangigkeit von Familie, Heimat, christlichem Religionsbekenntnis, Staat und Nation sind. Also etwas, das per se nicht bedrohlich, eher traditionell, gestrig, langweilig, miefig und spießig klingt. Das aber nun anscheinend schleichend zum Nischendasein verkommen ist.

Unauffindbar in der Mitte der Gesellschaft. Aber der Verlust ist so einfach erklärt wie beunruhigend. Was wir hier erleben, ist nichts anderes als die Dekonstruktion von Nation und Staat, also die fortschreitende Auflösung der Nationalstaatlichkeit. Das rhythmische Ballen der sinkenden deutschen Faust. Katharsis, ein kollektiver Aufschrei, hervorgerufen von Verlustängsten und Desorientierung.

Auflösungserscheinungen, nicht etwa aus einer Umwertung heraus, nicht aus einer Entwertung, sondern vom gefühlten Totalverlust eines Wertekanons, der noch zusätzlich – quasi als finaler Overkill – von Globalisierungsprozessen und einem von Finanzkrisen erschütterten Neokapitalismus im Endstadium, von einer weltweiten Werte-Destabilisierung, begleitet wird.

Demokratie als Klebstoff dieser Werte, als Überwert, ist dabei ebenso vakant geworden wie die Erkenntnis wächst, dass nationale Regierungen als regulierende Instanzen kapituliert haben. Alles wird verramscht, privatisiert oder ganz abgeschafft. Der Streichelzoo wird zum Raubtiergehege.

Die Tassen hoch und dann Goodbye

Warum nun also das Geschrei, wenn sich neue, radikalere konservative Kräfte formieren? Warum das Entsetzen über verzerrte Werte, die sowieso längst vakant scheinen? Warum nicht noch ein furioses Feuerwerk zur Beerdigung? Ist es nicht am Ende gleich, ob am Sterbebett geschwiegen oder gesoffen wird?

Denn es ist doch so: Dieses komplizierte Regelwerk aus wirtschaftlichen und militärischen Bündnissen und Verpflichtungen lässt längst keinen Handlungsspielraum mehr zu für einen nationalen Werterhalt im Alleingang. Oder anders, der Wandel, die Abwicklung der Werte selbst ist nicht mehr aufzuhalten. Weder aus der hysterisch gewordenen aber weiter kraftlosen Mitte der Gesellschaft noch von irgendwelchen kraftmeiernden Neukonservativen. Also weder mit selbstzerfleischendem Geschrei oder so etwas wie Restwürde.

Und wenn die Matusseks, Kelles, Luckes und Broders dieser Republik gerne noch ein Requiem anstimmen wollen? Ja warum denn eigentlich nicht? Wer mag, singt einfach mit: Die Tassen hoch und dann Goodbye.

Was also ist Konservatismus? Ist es nicht das Festhalten am Recht, immer wieder Neues auszuprobieren und zu erproben?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu