Die globale Informationsgesellschaft ist eben auch die Basis des Verbrechens. Wolfgang Schäuble

Jenseits von Eden

Lieber Xavier Naidoo, lass Dich nicht verrückt machen und mach auch andere nicht zu sehr verrückt.

Xavier Naidoo ist aus dem Paradies gefallen. Nein, gesprungen. Und unsanft gelandet in den deutschen Feuilletons. Das war erwartbar. Denn die Reflexe funktionieren. Allerdings anzunehmen, er wäre damit durchgekommen, 9/11 für den Beginn einer großen Verschwörung zu halten und die Nicht-Existenz einer deutschen Souveränität zu propagieren, noch dazu öffentlich und auf zweifelhaften Veranstaltungen, ist entweder sprottennaiv oder bewusste Konfrontation.

Eskalationsjournalismus. Wenn wir letzteres als gesetzt nehmen, müssen wir uns fragen, was zielführend war bei dem sympathischen Barden? Hätte man seine politischen Aussagen nun ernster genommen, als er selbst es erwarten konnte, was wäre da eigentlich diskutiert worden? Das Ende der Bundesrepublik, der sofortige Austritt aus Nato und EU, die Brandmarkung der USA als geheime Weltmacht, die mit allen Mitteln versucht, die Weltbevölkerung zu versklaven? Nein, Xavier Naidoos Wahrheiten sind nicht satisfaktionsfähig. Sie sind nicht nur nicht Mainstream, sie sind nicht einmal diskutierbar. Da liegen nun wahrscheinlich auch die Beweggründe. Die Nichtakzeptanz über den einen oder anderen luftigen Gedankengang nicht öffentlich palavern zu dürfen. Die neuen Themenkreise des erfolgreichen Musikers sind pfui. In Summe sogar so pfui wie NPD und Päderastie in einem Atemzug.

Schwarz-rot-gold besudelt, beschmutzt, besabbert

Warum also gibt Xavier Naidoo den Christian Anders 2.0? Sie erinnern sich vielleicht, Anders war anders als die anderen. Er flüchtete sich nach getaner Karriere nicht wie seine deutschen Schlagerkollegen in Alkohol und Suizid. Anders wurde Guru in den USA, irgendwann kettete er sich nackt an ein Fabriktor und hat einen ziemlich schrägen privaten Kosmos aufgebaut, der so ungefähr der momentanen Gemütsverfassung von Xavier Naidoo entsprechen mag. Anders ist allerdings der Radikalere. Wahrscheinlich deshalb, weil seine musikalische Karriere beendet ist. Der Mannheimer hingegen befindet sich auf dem Zenit seiner Laufbahn. Die Grenze hinüber zum englischsprachigen Raum ist für den vornehmlich deutsch singenden Musiker unüberwindbar. Sein Markt ist also maximal gesättigt. Die Platin- und goldenen Schallplatten kommen mit einer erwartbaren Regelmäßigkeit ins Haus und die größten Hallen sind immer berstend gefüllt.

Xavier Naidoo ist aber noch mehr. Er wurde über die WM 2006 zur Ikone für eine positive Wahrnehmung deutschen Nationalgefühls. 2006 hatten wir ihn aus vollem Herzen zum obersten Nationalkapellmeister ernannt. Zum Zeremonienmeister der zerknitterten deutschen Seele. Mitten im deutschen Fahnenmeer sang er sich mit drei Schweißbändern (schwarz, rot, gold) am Handgelenk in den deutschen Himmel über Berlin. Er hatte es allen gezeigt. Sein Bekenntnis zum Vaterland war so was von grenzenlos. Ein Vaterland, das anderen in den Schoss fiel, das er sich in Mannheim aber erst hart erarbeiten musste. Seine Wurzeln sind deutsch, irisch, südafrikanisch und indisch. Er hat sich entschieden. Und entfachte etwas in seinen Landsleuten, in den Spielern der Nationalelf, das weiterloderte und acht Jahre später mit der Weltmeisterschaft belohnt wurde. Man darf also fürchten, dieser Xavier Naidoo könnte glauben, er wäre auch noch einer der Baumeister unserer Weltmeistermannschaft. Und ja, er war es ja auch, der uns diese geile Deutschland-Gänsehaut gemacht hat, auch wenn wir uns ständig fleißig versicherten, wie peinlich das doch ist, was da gerade passiert.

Die Verlegenheit rund um diese deutsche Selbstherrlichkeit rumorte dann aber weiter in jenen, die bis dahin meinten, gegen so eine Deutschtümelei immun zu sein. Und es traf jeden, augenscheinlich auch die sensiblen Geister in den deutschen Feuilletons. In den gut ausgepolsterten Redaktionen fühlte man sich mehr und mehr von Menschen wie diesem Sänger aus Mannheim schwarz-rot-gold besudelt, beschmutzt, besabbert, bekleckert. Aber noch fand sich keine Gelegenheit, sich den Schmutz von der Jacke zu schütteln, dem man noch so zuvor so hymnisch gehuldigt hatte. Die Deutschherrlichkeit verkrustete, lag auf der Seele wie ein Kainsmal: Der Fußball-Fucking-Stolz auf diese Fucking-Scheißnation. „Und diese Nation steht hinter Euch und zwar sehr!“, sang Xavier Naidoo trotzdem munter weiter. So wie er es ausgerechnet unterm Brandenburger Tor getan hatte. Sich da nun kindlich naiv kollektiv mitgefreut zu haben, nahm man ihm im Nachgang wohl doch übel. Tief drinnen. Unausgesprochen.

Und mitten hinein in diese blöden Deutschtum-Erinnerungen lieferte Xavier Naidoo nun die Steilvorlage. Ganz im Stile eines Bob Dylan, der einmal irgendwann in der Nacht aus einem Hotelzimmer heraus die Presse versammelt haben soll, die – wenn auch total übernächtigt – erschien und in Endlosschleife so etwas erklärt bekam wie „Pray the Lord, Pray the Lord!“, genau soll es nicht verständlich gewesen sein, aber interessanter war wohl sowieso, was die Ikone der Hippie-Bewegung da ekliges aus dem Haar rieselte, während er seine Locken nervös mit den Finger immer enger drehte. Keine Ahnung, ob das alles so passiert ist, damals gab es noch keine Handys, die den Beweis für immer in Youtube hätten einstellen können. Xaviers Auftritt in Berlin hingegen ist forever auf Youtube.

In die Deutschdüsterecke zu den Böhsen Onkelz

Ich musste lachen, denn es ist ja alles doch harmloser als es die Leitmedien darstellen. Man spürt ja sofort, da weiß einer noch nicht recht, wo es für ihn langgehen soll und auch die Zuschauer sind mehr verwirrt als nur begeistert. Diese Art der Nähe passt nicht recht zusammen. Besonders dann nicht, als von oben die Liebe beschworen wird im Stile eines Gandhi, der, wenn ich mich nicht verhört habe, ebenfalls vom Sänger erwähnt wird. Reichsbürger und Gandhi ist wie Kartoffelsalat heiß gemacht. Nichts Gutes darf man sich davon erhoffen.

Nun bricht also der Shitstorm los. Das möglicherweise für Xavier Verstörende daran, er findet nicht (oder nicht nur) in irgendwelchen Kommentarspalten gelangweilter Facebook-Junkies statt, sondern breitet sich aus auf den Feuilleton – und sogar den Politikseiten großer überregionaler Zeitungen. Die kleineren regionalen Blättchen werden sicher noch folgen wie ein zweiter Aufguss, wenn man sich nur genug Mut und Saft aus den Leitmedien abgesaugt hat.

Sicher kennt Naidoo die Karikatur „Das Gerücht“, von A. Paul Weber. Arno Schmidt nannte sie “die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci”. Eine Allegorie, die auch geeignet ist, den Mechanismus zu beschreiben, mit dem sich die Journaille nun auf den Weg gemacht hat. Eine weitere Malerei dieses Herrn Weber fände der Mannheimer allerdings sicher geeigneter, die aktuellen Umstände um seinen Auftritt zu beschreiben: „Rückgrat raus!“. Darum geht es ihm wohl, wenn er meint, in einer neue Radikalität Rückgrat zeigen zu müssen. Also sich auf Abwege zu begeben, die deutlichen Gegenwind erhoffen lassen. Es ist dieses Rückgrat eines Akif Pirinçci in einer erträglicheren Version. Und klar, dass Pirinçci sich auch sofort solidarisch erklärte in einem Liebesbrief an Xavier.

Volltreffer, denn nun schiebt man ihn in die Deutschdüsterecke hin zu den Böhsen Onkelz. Die Zeit hält ihn für einen Wahnsinnigen. Und die Welt beispielsweise hält ihn für irgendwo „(z)wischen Auserwähltheitsanspruch, Allmachtshybris und Aufmerksamkeitsökonomie“ angekommen. Redakteur Michael Pilz, soll er gesagt haben, Deutschland sei so etwas wie Gottes auserwähltes Land. Das ist natürlich großes Kino. Denn, na klar, es ist doch auch wunderschön, dieses komische seltsame Deutschland mit diesen komischen seltsamen Menschen.

Zeig weiter Dein stolzes Rückgrat

Xavier hat uns verzaubert mit seiner Stimme, seinen Liedern, seinem Charisma, dieser an Arroganz grenzenden Lässigkeit, diesen Sequenzen von Schmalz, die er so zielsicher über seinen Soft-Soul goss, damit er seinen lieben deutschen Landfrauen und -männern noch ein wenig besser gefällt.

Zuletzt hat er in der Jury von The Voice begeistert und diesen Quotensturm fortgesetzt im „Tauschkonzert“, als er mit einer der emotionalsten aller Verbrüderungen den Österreicher Andreas Gabalier heim ins Reich geholt – ach Quatsch – als er gezeigt hast, was beste deutsche Fernsehunterhaltung bedeutet: Authentisch bleiben. Ehrlich sein. Mensch sein. Einfach lässig sein. Minimalistischer im Auftritt kann man kaum Herzen brechen.

Nun soll er sich irgendwelchen „Reichsbürgern“ näher als 50 Meter genähert und deren Herzen berührt haben? Na und? Klingt doch eher, wie aus der politischen Comedy-Sparte. Wie irgendwie aus dem Ruder gelaufene Neugierde.

Irgendwann viel früher soll er Horst Köhler verklagt haben wegen Hochverrats wegen der Finanzkrise. Das ist doch Klasse. Leider scheiterte das Anliegen in irgendeiner frühen Instanz. Ich hätte davon gerne mehr gehört.

Er erklärt „Deutschland sei nicht souverän.“ Klar, Souveränität ist heute ein nationalstaatliches Relikt. Anachronistisch fast schon. Jede anderslautende Behauptung verlangt ja heute den Beweis des Gegenteils. Geschenkt also, denn wer würde also ernsthaft etwas anderes behaupten wollen als Xavier? Aber wen interessiert’s? Es ändert überhaupt nichts, es neu zu benennen.

Also, lieber Xavier Naidoo, lass Dich nicht verrückt machen und mach auch andere nicht zu sehr verrückt. Die Leute hängen ja an Deinen Lippen. Alles wird nun bald wieder besser werden. Zeig weiter Dein stolzes Rückgrat, wenn Dir so daran liegt. Und ja doch, Du hast ja eigentlich alles richtig gemacht. Jedenfalls mit Deiner Musik. Mit Deinen nach außen gekehrten, an uns hingeschenkten Gefühlen, das ist Deine große Welt. Dein großes Herz. Dein großes Gefühl. Deshalb lieben Dich doch Millionen. Ja, es ist bisweilen kitschig. Aber wer will da die Messlatte halten, wann zu viel zu viel ist? Etwa das deutsche Feuilleton?

Wollen die uns nun ernsthaft erklären, es bestände Gefahr, dass am Ende Millionen Deiner Fans zu Reichsbürgern konvertieren? Die konvertieren höchstens mal zu Max Herre oder Bosse. Oder wem auch immer.

Rufen wir also jetzt mal gemeinsam Deinen vielen neuen Kritikern und alten Freunden da draußen zu:

„Uns oin is die Zeit zu gehen bestimmt. Wie a Blattl trogn vom Wind geht’s zum Ursprungzruck als Kind. Ois wos bleibt ist die Erinnerung Und schön langsam wird da klar, dass nix mehr is wias woar.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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