Alle unter einem Dach

Alexander Wallasch13.10.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der CDU-Politiker Martin Patzelt fordert Bürger dazu auf, Asylsuchende bei sich zu Hause aufzunehmen. Damit verschiebt er aber eine Verantwortung an Orte, wo diese Verantwortung überhaupt nicht hingehört.

Die Kollegin Alissia Passia hat sich “in ihrer lesenswerten Kolumne”:http://www.theeuropean.de/alissia-passia/9097-die-doppelmoral-des-martin-patzelt mit einem Vorschlag des MdB Martin Patzelt befasst. Der ehemalige Bürgermeister (CDU) von Frankfurt/Oder hatte vor eineinhalb Monaten in einer „Presseerklärung zur Situation von Bürgerkriegsflüchtlingen in Deutschland“ “vorgeschlagen()”:http://www.martin-patzelt.de/index.php?ka=1&ska=1&idn=124, „Bürger sollen Bürgerkriegsflüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen“.

Kolumnistin Passia erkennt darin „Samariter-“ und „Gutmenschbürgertum“. Zu Recht? Ihre zentrale Frage an Patzelt lautet: „Warum sollen wir Bürger plötzlich den Job der gut bezahlten Politiker übernehmen und uns dem Flüchtlingsproblem annehmen, indem wir Unterkünfte schaffen, für einen Obolus vom Staat? Sind das die Zustände der Zukunft?“

Patzelt wurde 1947 in Frankfurt/Oder geboren, einem Heimatkreis, dem er auch als Politiker treu geblieben ist. Ein Nachkriegskind mit solider Ausbildung (Betonfacharbeiter Eisenhüttenstadt), der später in Karl-Marx-Stadt an einem kirchlich-caritativen Seminar zum Sozialarbeiter umsattelte und anschließend fast 20 Jahre lang bis 1991 ein Kinder- und Jugendheim leitete. Man darf also annehmen, der Mann hat eine ungefähre Ahnung von dem, was er tut, wenn er sich mit soziale Fragen, emotionalen Verfassungen und Unterbringungssituationen von Menschen, die keine Heimat oder kein Elternhaus mehr haben, befasst.

Warum immer den Staat zu Hilfe rufen?

In seiner „Presseerklärung“ beschwört er nun einen Konsens im „Volk“, was die Aufnahme von „Flüchtlingen“ angeht. Er stellt sich eine gemeinsame Anstrengung aller hier lebenden deutschen Menschen vor. Patzelts Vision für Deutschland ist nichts weniger als ein „Paradigmenwechsel bei der Unterbringung solcher Flüchtlinge“.

Konkret sieht er angesichts des herannahenden Winters die Lage der bereits in überfüllten Unterkünften einquartierten Fremden als prekär – besonders für Kinder. Schuld daran seien laut Patzelt die begrenzten Möglichkeiten staatlicher Stellen. Staat, Länder und Kommunen haben versagt. Hoffnungslos überfordert. Mittellos. Unfähig, Menschen menschenwürdig unterzubringen. Patzelts Lösungsvorschlag: „Ich rufe die Menschen in unserem Lande auf, über eine zeitnahe Aufnahme von Flüchtlingen, insbesondere von Müttern mit Kleinkindern, in ihren eigenen Häusern oder Wohnungen nachzudenken.“

Diese merkwürdige Form einer Privatisierung klingt nach schwarz-grüner Koalition, nach großbürgerlich-grünem Selbstverständnis. Nach diesem komischen Mix aus Unternehmertum und Bürgerinitiative. Nach so einem „Demo im Anzug mit Cappuccino“-Feeling. Die LINKE baut ja immer noch auf den Staat – wenn der nur vernünftig arbeiten würde! Das Thema „Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern“ auf die Agenda zu bringen, hat Patzelt trotzdem bei den LINKEN in Brandenburg abgeschaut. Denn bereits zwei Jahre vor Patzelts Streitschrift “erklärten die flüchtlingspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Brandenburger Landtag, Bettina Fortunato, und der stellvertretende Landesvorsitzende, Thomas Domres()”:http://www.dielinke-brandenburg.de/nc/politik/presse/detail/artikel/fluechtlinge-muessen-menschenwuerdig-leben-koennen-das-gilt-auch-fuer-brandenburg/: „Flüchtlinge müssen menschenwürdig leben können.“ Und das gelte auch für Brandenburg.

Das muss nun bei Martin Patzelt einen Nerv getroffen haben. Die Straße soll es jetzt richten – aber die gepflegte Straße, die mit ausreichend Wohnraum! Warum immer den Staat zu Hilfe rufen?

Mitschlaf-Winterhilfswerk 2.0

Materiell wäre ja alles vorhanden, inkl. Gästezimmer. Und „mental würde“, so Patzelt, „vermutlich eine Herausforderung (aber auch eine Chance) zu neuen Erfahrungen bestehen“. Dass das alles funktionieren könnte, darum ist Martin Patzelt nicht bange. Denn er weiß um die Familie seiner „Ehefrau, die als Vertriebene nach dem 2. Weltkrieg auf Hilfe und Barmherzigkeit anderer Menschen angewiesen war“. Und er möchte, dass „die zuständigen staatlichen Stellen ihre Verwaltungsvorschriften schnell und pragmatisch anpassen und die Behörden diese zusätzliche Form der Unterbringung von Flüchtlingen entsprechend verwalten“.

Nun kann man dem guten Mann mit seinem Mitschlaf-Winterhilfswerk 2.0 nicht nachsagen, er würde fanatisieren. Denn Patzelt hat immerhin selber schon Flüchtlinge aufgenommen. Quasi exemplarisch. Und er hält damit nicht hinterm Berg. Wenn beispielsweise Hans-Christian Ströbele im Bundestag erklärt, es sei doch „genügend Geld“ da für Asylbetreuung in den öffentlichen Kassen, dann erinnert Patzelt den Ströbele an die gemeinsame „Vorbildwirkung von Politikern“ und fordert den grünen MdB auf, „ein oder zwei Flüchtlinge persönlich bei sich aufzunehmen“.

Aber wie ist das nun für Herrn Patzelt, morgens aufzustehen und täglich zu wissen, dass im Wohnzimmer nebenan noch das Klappsofa offen steht, auf dem drei Schwarzafrikaner gemütlich pennen, die noch bis um drei Uhr früh palavert oder ferngesehen haben, weil man eben nicht in der prädestinierten Lage ist, morgens um sechs Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen zu dürfen?

Leben in einer deutschen Familie. Das ist ja schon für Deutsche unter sich ein unkalkulierbares Abenteuer geworden. In unserer modernen Gesellschaft wurde die Familie als vorbildliche Institution vakant gestellt. Längst wurde der Single-Haushalt als erstrebenswerte, weil konsumorientierte Konstellation erkannt. Nun eine größere Zahl aufnahmefreudiger Familien zu denken, welche allesamt Leuchtturm sein könnten, ist allein deshalb anachronistisch. Die gute Hausfrau ist ja tagsüber sowieso nicht mehr da. Mutter Beimer geht auf Arbeit. Und die Fremden in der Wohlstandswohnung schalten und walten lassen … ein Märchen.

Nein, heute gibt es diese “erforderliche Masse von Hausfrauen gar nicht mehr, die zu Hause alles im Griff haben()”:http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/studie-maenner-wuenschen-sich-keine-hausfrau-mehr-a-921465.html. Die also potenziell in der Lage wäre, neben den fünf Kindern auch noch das eine Kind der Asylsuchenden – eines mehr oder weniger – mit unterzupflegen und die Mutter des Kleinen schnell noch mal im „Taxi-Mutti“ zum Gesundheitsamtstermin zu begleiten.

Und nein, auch 1945, als dieses Millionenheer von Flüchtlingsdeutschen nach Westen zog, war das alles kein Friede, Freude, Eierkuchen. Auch die Schlesier und Ostpreußen wurden misstrauisch beäugt, eine herzliche Aufnahme war auch unter Deutschen kein Selbstläufer. Das, was es an Wohnraum und Essen zu verteilen gab, reichte schon nicht für die eigenen Leute. Dass es trotzdem irgendwie ging, lag schlicht daran, dass es gehen musste. Weil es keinen Staat mehr gab, der hätte irgendwelche Staatsausgaben verteilen können. Weil eine Verweigerung automatisch noch größeres Elend produziert hätte, weil man emotional immerhin auf einer Wellenlänge fuhr, wenn man die Kerzen in die Fenster stellte, für die gemeinsam verlorene Heimat im Osten, für die Menschen im Osten, für den Vater, der noch beim Russen im Lager blutete usw. Also nein: So ein Patzelt-Konsalik-Sound taugt nicht in unserer Zeit, so wie dieser Trümmerfrauen-Mythos heute längst nicht mehr taugt, in Familien mit nur einem Ernährer die Frauenquote zu bewerben.

Die European-Kollegin Passia hat also recht: Der Patzelt-Vorschlag klingt nach „Samariter-“ und „Gutmenschbürgertum“, appelliert Patzelt doch an das schlechte Gewissen der Satten und Gewärmten, so wie die Brot-für-die-Welt-Spardose jahrzehntelang an die deutschen Leberwurststullen-Schulkinder appellierte, ihr Taschengeld gefälligst zu splitten.

Es ist also alles ein bisschen pomadig, wenn CDU auf Grüne macht und dabei so nah am verfolgten Menschen sein will, wie die LINKE. Aber so funktioniert wohl politischer Wettbewerb und Gregor Gysi sieht darin sogar die Hauptaufgabe linker Politik, wenn er ungefähr feststellt: Wir müssen gar nicht regieren, es reicht ja, wenn die Regierenden unsere Forderungen zu ihren machen und umsetzen. Linker Pragmatismus halt.

Er muss – also wird er auch

Und um Pragmatismus geht es auch bei Patzelt. Grundsätzlich liegt der Brandenburger MdB ja auch nicht falsch. Ja, persönlicher Kontakt schafft Vertrauen. Ja, so eine WG schafft ein Maß an Geborgenheit, das nachhaltig wirkt. Das verbindet. Nun vergisst Herr Patzelt aber leider den fundamentalen Unterschied zwischen einem nationalen und einem global verorteten Problem, zwischen ostdeutschen Flüchtlingen und Vertriebenen, die 1945 nach West- und Mitteldeutschland kamen, und Asylbewerbern aus aller Welt, die dringend irgendwo in Sicherheit eine temporäre Unterkunft suchen, die ihnen für den Zeitraum, den es eben braucht, bis man wieder nach „Hause“ kann, unmittelbar Schutz bietet vor Gefahr und Verfolgung.

Hier geht es auch nicht um Integrationsprobleme, die man zu lösen hätte: Flüchtlingskinder haben ja in Deutschland nicht einmal Schulpflicht. Hier geht es fast ausschließlich um ggf. medizinische Versorgung und um Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Nahrung, Kleidung, Behausung. Dass das mitunter schon zu viel sein kann, beweisen die Vorkommnisse rund um die Prügelbanden privater deutscher Sicherheitsunternehmen in Asylunterkünften. Hier hat der Staat seine Aufgabe nicht wahrgenommen.

Er hat schlicht versagt und er wird diesen Missstand schnell beheben müssen und ja, er wird auch verhindern müssen, dass sich so etwas wiederholt. Er wird mit mehr Mitteln mehr menschenwürdige Unterkünfte schaffen, die diese Interimsaufenthalte der asylsuchenden Familien sichern. Er muss – also wird er auch.

Nein, keine asylsuchende Familie soll sich Gedanken darüber machen müssen, ob sie möglicherweise einer deutschen Familie, von der sie privat aufgenommen wurde, über Monate zur Last fällt. Keine asylsuchende Familie soll sich auf diese Weise den kulturellen Eigenheiten der Gastgeber ausgesetzt fühlen. Denn eine kulturelle Anpassung oder Verschmelzung ist gar nicht die Aufgabe. Von beiden Seiten nicht. Diese Menschen brauchen einfach friedliche Räume – Räume auf Zeit – die Platz lassen für die Pflege des eigenen kulturellen Selbstverständnisses.

Die Forderung von Martin Patzelt klingt in dem Licht betrachtet wie ein politischer Offenbarungseid. Politik ist gescheitert, sagt Patzelt damit. Und er verschiebt nun eine Verantwortung an Orte, wo diese Verantwortung überhaupt nicht hingehört.

Wie man sich darüber hinaus menschlich verhalten, wie man sich engagieren kann, habe ich bereits “hier()”:http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/9062-umgang-mit-asylsuchenden-in-deutschland versucht zu überlegen.

Den Staat dürfen wir aber deshalb nicht aus seiner elementaren Verantwortung entlassen. Entlassen müssen wir Politiker, die ihre Aufgaben nicht erledigen.

Mittlerweile hat Martin Patzelt seine Idee übrigens relativiert, “wenn er auf irritierte Nachfrage von Bürgern erklärt()”:http://www.abgeordnetenwatch.de/martin_patzelt-778-78380–f424778.html#q424778:

bq. Sehr geehrter Herr,
auf keinen Fall würde ich die private Aufnahme von Flüchtlingen per Gesetz verpflichten. Schon einen moralischen Druck in dieser Sache halte ich für fragwürdig und wenig zielführend.
Freundliche Grüße
Martin Patzelt

Und wer möchte ihm da widersprechen, wenn sich Mitbürger schon über Asylsuchende aufregen, deren Fahrradlampe nicht korrekt funktioniert – nein, mit solchen Menschen wird nie eine interkulturelle Wohngemeinschaft zustande kommen. Und da denkt man doch sofort: Mensch, da haben die Asylsuchenden aber noch mal Glück gehabt.

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