Frau, gebär!

Alexander Wallasch10.10.2014Gesellschaft & Kultur

Alexander Görlach nennt Abtreibung ein Übel, Alexander Wallasch nennt sie Selbstbestimmung. Wer die Position der Kirche verteidigt, reduziert Frauen zu Gebärmaschinen. Eine Replik.

Halten wir doch zunächst mal fest, dass es das Christentum war, das mit dem Schwert Köpfe abschlug, wenn eine Abtreibung bekannt wurde, wofür zuvor im römischen Recht überhaupt keine Bestrafung vorgesehen war. Schlimmer: Wer den Häschern und ihren Schwertern entkam, dem wurde noch obendrauf mit dem jüngsten Gericht gedroht: „die ihre Leibesfrucht vernichtet, […] die ihr Kind zur Fehlgeburt gemacht, die wird am Jüngsten Tag durch dieses Kind selbst zur Fehlgeburt gemacht, und es entzieht ihr Leben und Licht des jenseitigen Lebens. […] Das ist die Vergeltung für diejenigen, die ihren Kindern das Leben nehmen.“

Für Luther war die Zeugung eines Kindes Gottesdienst. Die einen haben seitdem Spaß am Gottesdienst, nennen ihr Schlafzimmer deshalb aber noch lange nicht „Unsere Kirche“ – obwohl, wenn sie müssten, wen würde es stören? – die anderen nennen es schlicht und gottlos: „geil ficken“. Frauen mit Frauen, Männer mit Männern, Frauen mit Männern.

Im letzteren Falle kann es durch eindringenden männlichen Samen zur unerwünschten Zeugung kommen, wenn bei der Verhütung geschludert wurde. Und auf die Zeugung folgt die Schwangerschaft. Nun ist es an der Frau. Denn der Mann wird erst wieder neun Monate später mindestens zwangsweise vorgeführt, wenn es um DNA und Unterhalt geht, sofern er nicht schon während der Schwangerschaft eine – freilich jederzeit widerrufbare – Bereitschaft zum Einkauf der Spreewälder Gurken erklärt hat. Jederzeit und selbst noch mitten in der Nacht von der Tankstelle.

Frauen werden schwanger, treiben ab

Alexander Görlach holt keine Spreewaldgurken. Hat auch noch nie welche geholt. “Alexander Görlach beobachtet aber nun mit Entsetzen, dass Frauen Männer in selteneren Fällen auch mal davon befreien, welche zu holen, indem sie über ihren Körper auf eine bestimmte schmerzhafte Weise selbst bestimmen”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/9085-abtreibung-und-der-mensch-als-ware.

Manche tun das unter Zuhilfenahme alternativer verhütungsförderlicher Sexualpraktiken. So wird behauptet, dass in Gesellschaften mit Jungfräulichkeitskult der Analverkehr einen höheren Stellenwert hat als in solchen, die das Häutchen auch mal reißen lassen, ohne gleich Alarm zu schlagen. In diesen um solche zweckgebundenem-Analverkehr-reduzierten Gegenden passiert dann, was so nicht gewollt, was sogar unter allen Umständen vermieden werden sollte, ohne freilich die Lust Lust sein zu lassen. So etwa.

Und damit sind wir von den Freuden des Sex, der Wertschätzung der Körperlichkeit des Gegenübers, nun mitten im Problem angekommen: Frauen werden schwanger. Frauen treiben manchmal, wenn auch viel seltener, ab. Aber, der Liebe sei es gedankt, die Mehrzahl der Frauen, die abgetrieben haben, werden zu einem anderen – selbstgewählten absichtsvolleren – Zeitpunkt schwanger. Behaupte ich jetzt einfach mal ohne konkrete Zahlen. Und es ist fruchtbar. Nee, furchtbar, meint Alexander Görlach.

Aber weiter in der Misere: Zunächst darf auch Herr Görlach davon ausgehen, dass nicht jede Frau, nur weil sie nicht Mutter werden will, permanent Analverkehr haben möchte. Viele sogar überhaupt nicht. Weiter dürfen wir davon ausgehen, dass, wenn passiert, was passiert, keine gesunde Frau irgendwo auf der Welt ein Interesse daran hat, einen medizinischen Eingriff mit allen damit verbundenen Gefahren über sich ergehen zu lassen. Wir dürfen also gemeinsam mit Alexander Görlach davon ausgehen, dass Abtreibungen keine leichtfertige Sache für die betroffenen Frauen sind.

Und wir würden uns außerdem wünschen, nun allerdings ohne Alexander Görlach, dass die Errungenschaften mutiger und engagierter Frauen rund um den Kampf gegen den §218 – von denen heute übrigens viele Mütter und Großmütter sind – nicht mal eben von einer sich gerade so erfolgreich in ihre eingestaubten Katakomben zurückflüchtenden Kirche torpediert werden.

Frauen verdammt zu Gebärmaschinen

Ja, es ist schon ein starkes Stück, dass gerade ein Fan der Kirche wie Alexander Görlach (in weltlichen Belangen sicher hochgeschätzte), also jemand, dem selbstverantwortliches Handeln schon per se suspekt oder verdächtig sein dürfte, den Frauen ihre mühsam erkämpfte Selbstbestimmung entziehen will. Denn was heißt das, was Görlach fordert, denn im radikalen Umkehrschluss? Diktat, Zwangsschwangerschaften, Schwangerenheime, Jungmütterverwahrstationen, Kinderheime und allenfalls wieder eine erquickliche Zahl von Adoptionen für nicht vermehrungsfähige moderne eheliche Gemeinschaften. Also „Die Geschichte der Dienerin 2.0“. Frauen verdammt zu Gebärmaschinen, tabuisiert, entsexualisiert, willenlos. Brutales Patriarchat mit höchstem Kirchensegen.

Lieber Alexander Görlach, Sie wissen wie ich, dass es nicht so kommen wird. Umso mehr fragt man sich, was für eine Haltung Frauen gegenüber muss man einnehmen, so zu denken, anstatt nun alle Kraft, die Sie ja anscheinend für diese Debatte über haben, zu investieren in ein Engagement, das die gesellschaftlichen Verhältnisse in so weit verändert, dass sich junge – oder alte, egal – Mädchen/Frauen eben nicht in eine Notlage gebracht oder zu einer Gewissenentscheidung veranlasst sehen, ihren Körper zu verletzen, um sich ihr Ungeborenes entfernen zu lassen.

Ja, es ist furchtbar. Aber wir reduzieren das große Unglück nicht, indem wir Debatten zuspitzen und Frauen bevormunden und ausgrenzen, sondern indem wir Hilfestellungen anbieten, indem wir Gesellschaft verändern, verbessern! Die institutionalisierte Kirche hat in diesem Prozess allerdings in den Katakomben zu verbleiben. Denn sie war den Frauen immer Feind. Und sie zeigt keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändern könnte.

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