Die Sonne geht im Osten auf

von Alexander Wallasch3.10.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Es ist ein wenig schwierig, sich am Tag der Deutschen Einheit auch als etwas Einheitliches zu fühlen. Eine Erinnerung.

Tag der Deutschen Einheit – geht’s Ihnen auch so? Ein komischer Tag, mit dem man nicht so recht etwas anfangen mag. Klar, man hat das Gefühl, man müsste, aber man schafft’s dann doch immer nicht. Der Jubel über den Sieg der deutschen Fußballmannschaft – klar, das war schwarz-rot-gold-schön. Aber heute … das Fernsehen wird einfach nur zum x-ten Male die sich damals überschlagenden Ereignisse rund um diesen denkwürdigen 9. November zeigen – die Mauerspechte, die Trabbi-Kolonnen, die komischen Frisuren und seltsamen Jeanshosen der DDR-Bürger. „Spiegel TV“ zeigt sicher obendrauf noch den vollgepissten Hitlergrüßer mit Bierdose aus Hoyerswerda und die Diskotheken, Kneipen und Bars in Deutschland freuen sich über einen zusätzlichen „Wochenende-Tag“ mit deutlich erhöhtem Umsatz.

Nun kennt man Meckern über Feiertage auch aus den Kirchen zu Weihnachten, wenn der Pastor die Gunst der vollen Kirchen nutzt und seinen verlorenen Schäfchen die Leviten liest, dass Weihnachten doch wohl etwas anderes sei als ein Fest der Völlerei. Feiertage sind ja Fress- und Sauftage.

Warum ist das so mit dem 3. Oktober?

Der Tag der Deutschen Einheit ist übrigens der einzige Feiertag nach Bundesrecht. Alle anderen Feiertage sind Ländersache. Moscheevereine laden seit 1997 am Tag der Deutschen Einheit zum „Tag der offenen Moschee“ ein, um das Selbstverständnis der beteiligten Muslime als Teil der deutschen Gesellschaft auszudrücken. Das ist ein bisschen unglücklich, denn es ist für die weltanschaulich neutrale Bundesrepublik ein Anachronismus. Sicher noch mehr für die gottlosen Mitteldeutschen mit ihren 10 Prozent AfD. Da wird heutzutage allenfalls mal eine Margot Käßmann – musikalisch untermalt von Stephan Krawczyk – geduldet. Man kann ja so ein Programm der evangelischen Kirchen nicht verbieten, wie diesen deplatzierten Stand der Linken damals auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt mit einem Schießstand und „Riesenrad“ mit 5 Gondeln.

Aber warum ist das nun so mit dem 3. Oktober? Wohlstandslethargie? Und was für ein Wohlstand sollte das sein, der sich um den 20. eines Monats herum schon Richtung nächste Lohnabrechnung zittert, weil Kinder und Nebenkosten selbst den üppigsten Salär sprengen? Ich bin Abonnent dieses Telekom-Entertain-Pakets. Teuer zwar, aber die nette Mitarbeiterin mit sächsischem Akzent, die damals anrief, wusste zu überzeugen, dass man am Ende garantiert gewinnt. Also was spart.

Seitdem habe ich eine digitale Videothek zur Verfügung, die der analogen um die Ecke in nichts nachsteht. Jeden zweiten Tag kommen ungefähr zwei, drei neue Filme dazu. Man muss also nicht einmal mehr ins Kino gehen, so man die Geduld hat, ein paar Monate zu warten. Ich warte. „Deutschboden“ von Moritz von Uslar war neulich an der Reihe. Eine Dokumentation, die gut passte zu einer weiteren, die ich Tage zuvor gesehen hatte: „Am Ende der Milchstraße“.

So etwas wie ein Europa-Gedanke

Zwei Dokumentationen, verortet im wiedervereinigten Deutschland tief im Territorium der ehemaligen DDR. Dicht am wiedervereinigten Menschen. Zwei Filme, die sich vor allem dank einer Botschaft ähneln: Die Deutsche Einheit ist nur eine nostalgisch-geografische. Anhand der Spielorte und dank der Äußerungen der Protagonisten kann man hier auch das Thema „Europäische Einheit“ ausklammern, das ja den 3. Oktober immer noch einmal anachronistischer erscheinen lässt. Denn in Deutschboden und am Ende der Milchstraße ist „Europa“ mit keinerlei Hoffnungen verbunden. Das heißt, doch, einmal schon! Dann nämlich, wenn der ehemalige Skinhead, der jetzt Gitarrist einer Pop-Combo ist, Moritz von Uslar erklärt, dass die polnischen Mädchen hinter der Grenze, gleich wenige Kilometer weiter, alle viel schlanker wären als die dicklichen Mädchen vor Ort. Es gäbe da einen tollen Club, wo man eincheckt, billig saufen und hingebungsvolle Top-Polen-Modelle beschlafen könnte. Da kommt so etwas wie ein Europa-Gedanke auf. Es kann also gut sein, dass sich heute am Feiertag wieder so eine kleine Karawane hochgetunter Opel mit dampfenden Reifen auf den Weg macht, etwas zu erleben, das es vor der Wende, vor der Wiedervereinigung so nicht gegeben hat. Vorwärts immer – Rückwärts nimmer!

Aber gut, man erinnert sich ja trotzdem gerne: Wir fuhren damals kurz nach der Wende in der Frühe los Richtung Osten. Nebel über den Feldern. Wir rauchten Kippen Kette und tranken den gebrühten West-Kaffee Aldi Gold aus der Thermoskanne. Der Volkswagen T4 war vollgepackt mit tausend Schallplatten, die wir im Westen gebraucht für durchschnittlich eine Mark das Stück eingekauft, in Klarsichthüllen verpackt und dann für fünfzig Mark Ost das Stück weiter verscherbelten.

Ein paar Tausend Platten später – Nachschub gab es ja genug aus den West-Wohnzimmern – mussten wir das Ost-Geld bald in Plastiktüten zurück in den Westen schleppend abwarten, dass der Umtauschkurs günstiger wurde. „Und als ich an die Grenze kam, da fühlt ich ein stärkeres Klopfen in meiner Brust, ich glaube sogar, die Augen begannen zu tropfen“, schrieb Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, als er nach dreizehn Jahren Exil wieder nach Deutschland kam. Wir hatten das Gefühl, dass uns das Geld erst richtig wirklich gehörte, als uns der auf der Hinfahrt mit Udo-Lindenberg-Schallplatten gefügig gemachte Grenzer mit jovialer Geste wieder nach Westen durchwinkte: Übergang „Hessen“, nicht das Bundesland, sondern ein kleiner, längst vergessener Ort hinter Niedersachsen im heutigen Sachsen-Anhalt.

Da spürt man doch etwas Einheitliches

Einmal klauten wir nicht aus Not, sondern nur wegen des frühmorgendlichen Thrills, vor einem noch geschlossenen türkischen Gemüseladen eine Kiste Paprika, hielten gleich hinter der Grenze vor einem Schuhladen und knallten das bunte Gemüse einfach wortlos auf den Tisch. Das Tauschgeschäft funktionierte ohne Sprechen und brachte uns vier Paar dieser ultimativ hässlichen DDR-Plastikschuhe, die vor Ort sowieso keiner mehr tragen mochte, die wir aber gegen unsere Cowboy-Schuhe tauschten, am West-Fuß eine Zeit lang für einen genialen Gag hielten und noch über den 3. Oktober hinaus ein wenig hämisch über die Marktplätze der neu eroberten Gebiete trugen.

Ja, wir waren so, wie man den Westler später beschrieb. Und der Ostler revanchierte sich dafür später beim Überschreiten der deutsch-polnischen Grenze an den verdatterten Polen. Und die Polen an den Ukrainern usw. – einer lernt halt vom anderen. Meine Oma grüßte im West-Fahrzeug die am Straßenrand schauenden DDRler wie Lady Di aus der Kutsche beim Hochzeitsdefilee. Wir mussten vor einer Schlachterei halten und Oma fragte nach Rinderfilet. Gab es. Sie nahm gleich den gesamten Vorrat mit und auf Nachfrage der Verkäuferin erklärte Großmutter der Kitteldame trocken, das Fleisch wäre für ihren grauen West-Zwergpudel, der zwar furchtbar aus dem Maul stank, aber nur das Beste vom Besten bekam. Die Tierliebe war unendlich und im Wohnzimmer hing ein eingerahmtes Lady-Di-Porträt aus der „Bild“-Zeitung.

Unsortierte Erinnerungen also am Tag der Deutschen Einheit. Die DDR hatte ihre Vorzeigestädte. Sie hat sie immer noch. Die Kluft zwischen dem wunderschön zurechtgemachten Dresden beispielsweise und den Ortschaften rund um „Deutschboden“ oder „Am Ende der Milchstraße“ entspricht auf seltsame Weise dem Gedanken des Aufbaugesetzes der frühen DDR. Gysi besteht darauf, dass die DDR kein Unrechtsstaat war und der Hartz-4ler aus Zehdenick schaut in die Brandenburger Landschaft. Und da denkt und spürt man dann zum ersten Mal auch etwas Einheitliches: Deutsche Natur ist doch schön. Gerade auf dem unverstellten Lande. Bilder wie kitschig eingefärbte Stiche der deutschen Romantik. Wie romantisch das alles in Wirklichkeit ist! Ein Reiher wird aufgescheucht vom Knacken der Bierdose, ein kugelrunder Feldhase schaut neugierig herüber und die Sonne geht auch nach dem 3. Oktober immer noch im Osten auf. Immer wieder. Und wieder.

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