Hallo erstmal

Alexander Wallasch1.10.2014Innenpolitik

Weder Asylbewerber noch deren Anwohner tun sich mit dem Zusammenleben leicht. Dabei vergessen wir gern, dass jede Lösung mit einem kleinen Schritt beginnt.

Mitunter treffen zwei Nachrichten aufeinander, die sich gegenseitig aufzuheben scheinen, die miteinander auf eine Weise konkurrieren, die beiden wenig nutzt. So etwas passiert durchaus auch auf regionaler Ebene.

Aktuell schaut man mit Abscheu auf Verhaltensweisen von privaten Sicherheitsunternehmen in bundesdeutschen Asylantenunterkünften. Und im selben Zeitfenster beschweren sich Bewohner der Braunschweiger Schuntersiedlung/Kralenriede über Probleme mit einer gestiegenen Zahl von Asylbewerbern in ihrem direkten Lebensumfeld. Auf der einen Seite also Asylbewerber, denen übel mitgespielt wurde, auf der anderen Seite Anwohner eines Asylbewerberheims, die sich vor Ortsfremdem ängstigen. Beide Seiten sehen sich als Opfer.

Auslagerung von Verantwortung

Zunächst einmal der schnelle Gedanke zu den Sicherheitsunternehmen: Hier geht es schlicht um Privatisierung von Stadt-, Länder- bzw. Bundesaufgaben. Wir schauen auf die negativen Folgen dieser Privatisierung. Verbeamtete, gut ausgebildete Fachkräfte wurden eingespart. Wenn sich also die Landesherren und –damen, die Bürgermeisterinnen und -meister in öffentlichen Äußerungen „schämen“, dann mit recht, aber sie hätten die Ursache dahinter gerne auch genauer benennen dürfen: Sparmaßnahmen, Desinteresse und Privatisierungsprogramme. Also Auslagerung von Verantwortung. Eine Verantwortung übrigens, die wahrzunehmen vor der Aufforderung an die Bürger stehen muss, diese ominöse „Zivilcourage“ zu zeigen.

Nun zum regionalen Problem in einem bestimmten Braunschweiger Bezirk, das deutlich vielschichtiger ist, aber am Ende auch viel mit Sparmaßnahmen und Desinteresse zu tun hat. Besagtes Asylbewerberheim erreicht man erst, wenn man hinter dem Randbezirk noch ein, zwei Kilometer durch einen Wald marschiert. Die nächste Bushaltestelle ist nicht etwa vor dem Heim angelegt, sondern nötigt jedem einzelnen Bewohner einen weiten Fußweg mitten ins Viertel ab. Für die Bewohner ist das als nicht abreißende Wanderbewegung erkennbar. Der Strom reißt kaum ab. Nicht etwa, weil die ausländischen Menschen zu viel Geld zum Shoppen in der großen Stadt übrig hätten oder die innerstädtischen Cafés aufsuchen wollen, sie erfüllen jene Aufgaben, die ihnen von Amts wegen gestellt wurden: Gesundheitsamtsbesuche, Meldestellenbesuche usw.

Hier stellt sich also die Frage zur effektiveren Zentralisierung und eine zum Sinn und Zweck, sogar zur Motivation für so weit abgelegene „Wald“-Heime. Nun zu den Beschwerden der Bewohner, die vielfältig sind. Alles, was der gewohnten Verhaltensnorm nicht entspricht, kommt auf die Tagesordnung: Frauen fühlen sich belästigt, Eltern sorgen sich um ihre Kinder, die im Bus inmitten schwarzafrikanischer und möglicherweise traumageschädigter Menschen aus Krisengebieten fahren. Man beschwert sich über nicht verkehrstüchtige Fahrräder und Nicht-Einhaltung der Verkehrsregeln ebenso wie über ansteigende Diebstähle im Penny-Markt des Viertels, welche von den Betreibern mit – na klar – privaten Sicherheitsdiensten beantwortet werden, die im Kassenbereich nun nicht nur einkaufende Asylbewerber mit Argusaugen begutachten, sondern die einheimischen Käufer gleich mit.

Der Aufwand ist größer – und teurer

Zwei Fliegen mit einer Klappe also, denn geklaut wurde ja zuvor auch schon. Der Stresspegel des Personals ist deutlich gestiegen, das spüren auch die Anwohner. War früher noch das eine oder andere freundliche Wort drin, verlieren sich solche Zwischenmenschlichkeiten im Mehraufwand, den die fremden Einkäufer mitbringen. Sprachbarrieren, Erklärungsnotsstände, was die Produkte angeht, angefasste Brötchen und vieles mehr, das nun mal – neben rudimentären Sprachkenntnissen – eine gewisse Übung braucht. Das sind die Basics dieses Problems. Hinzu kommen nun aber individuelle Erfahrungen. Fußball-Sportler, denen am nahen Sportplatz aus den Kabinen von fremd aussehenden Personen sämtliche Handys geklaut wurden, Mädchen, die im Bus von fremd aussehenden Personen belästigt wurden, israelische Austauschschülerinnen, die aufgrund ihrer Herkunft von fremd aussehenden Personen beschimpft wurden. Die Liste ist lang. Die polizeiliche Arbeit aufwendiger geworden. Aber, das muss ebenso klar sein, die Polizei war zuvor nicht arbeitslos – geklaut wurde immer schon, Belästigung von Frauen ist ebenfalls keine Erfindung von Fremden und Israelfeindlichkeit soll angeblich auch eine deutsche Tugend sein.

Schön der Satz einer aufgebrachten Anwohnerin dazu: „Das ist doch wohl etwas anderes, ob ich von Deutschen beklaut und belästigt werde oder von Ausländern.“ Es gibt also auch hier eine Zweiklassen-Kriminalität. So wie man dem deutschen Berber eher Sozialhilfe gönnt (auch das kommt zur Sprache) als den „herumlungernden“ Sinti und Roma-Großfamilien.

Nur wie nun kann dieses Problem im Viertel selbst gelöst werden? Einfluss auf die große Politik, die Einwanderung, Asylverfahren usw. kann man nicht oder nur bedingt nehmen. Man kann aber sehr wohl bei der Stadt anklopfen und sich fragen, warum Asylbewerber oder Asylsuchende (was ist der richtige Passus?), nun ausgerechnet noch fern ab im Extremfällen wie hier: „hinterm Wald“ kaserniert werden müssen. Preiswertere Unterbringungskosten? Sicherlich. Aber wie der Einsatz der privaten Sicherheitsunternehmen aktuell zu beweisen scheint, eben eine Einsparung, die deutlich nach hinten losgehen kann, die Schaden anrichtet, zu dessen Behebung man anschließend deutlich höhere Summen einsetzen muss.

Sie kennen das: Ein billiger Schuh fühlt sich am Fuß genauso an wie ein teurer, so lange, bis sich die Sohle frühzeitig ablöst. Die anschließende Reparatur obendrauf gerechnet, wäre der Markenschuh preiswerter gekommen.

Ja doch, der Deutsche hilft gerne

Wie aber könnten schnelle Lösungen direkt vor Ort aussehen? Was man neben den Ressentiments nicht unterschätzen darf, ist ein grundsätzliches Interesse der Menschen am Fremden. Mitgefühl. Bücher werden zu Bestsellern, die aus diesen fremden Welten und von menschlichen Schicksalen dort berichten. Ganz simpel kann man hier also potenzielle Neugierde nutzen, um sich kennenzulernen – in einer Intensität, die jeder nach seinen Bedürfnissen selbst entscheiden kann. Warum nicht einmal damit anfangen, den Anwohnern vor Ort dieses ominöse Lager hinterm Wald vorzustellen? Denn tatsächlich wissen die wenigsten, was dort genau vor sich geht, wie es dort aussieht, wie die Menschen dort untergebracht sind.

Eine gerne angenommene Kultur in Deutschland heißt „Tag der offenen Tür“. Warum nicht einen solchen Tag veranstalten und die Bewohner zusätzlich animieren, sich persönlich vorzustellen, Stände zu organisieren, wo man „sein“ Land vorstellt, vielleicht eine landestypische Spezialität anbietet und Bilder zeigt, wie man gewohnt hat, was aus den Wohnungen geworden ist, welche Hoffnungen und Wünsche man mit der Heimat noch verbindet? Und wenn schon keine unendliche Sympathie daraus entsteht, dann vielleicht für die Anwohner zumindest die Erkenntnis, dass diese Menschen eine Heimat haben und ihnen keineswegs die ihre wegnehmen möchten.

Sie finden das naiv? Warum eigentlich? Warum nicht solche einmaligen Maßnahmen damit verbinden, Patenschaften anzubieten. Was an weiterführenden Schulen funktioniert, kann auch hier funktionieren. Und die Erfahrung zeigt doch, dass es Teil der deutschen Mentalität ist, solche Funktionen gerne anzunehmen. Ja doch, der Deutsche hilft gerne – schon alleine deshalb, weil es den allermeisten Menschen hier noch relativ gut geht.

Selbstgerechte Passivität hilft niemandem

Dabei geht es nicht darum, sich für ewig schicksalhaft zu verbinden, Gewöhntes vakant zu stellen, sich nun leider von den doch so gemütlichen Deutschtümeleien verabschieden zu müssen. Hier geht es schlicht darum, sich kennenzulernen. Weil man sich kennenlernen muss. Also einfach mal nett rübernicken, wenn der Schwarzafrikaner vor einem an der Kasse steht oder mal couragiert eingreifen, wenn der Busfahrer die auf englisch gestellte Frage der syrischen Familie nicht beantworten kann, weil er selbst nicht englisch spricht und entsprechend unwirsch über sein eigenes Unvermögen reagiert. Also Empathie entwickeln, sich in die Rolle des Gegenüber hineinversetzen. Die abgewandten Blicke der mitfahrenden Einheimischen mal genauer studieren und sich fragen, ob man Teil dieser Eskalationsspirale sein möchte. Denn das ist diese selbstgerechte Passivität eben auch: Eskalation.

Ach so, noch etwas, falls Ihnen das nun verdächtig idealistisch und grün-wischiwaschi vorgekommen sein sollte: Wer sich kennenlernt, der lernt auch die Grenzen des Gegenübers kennen, der kapiert schnell, was in dieser fremden neuen Gesellschaft erlaubt ist und was eher nicht. Der beginnt die fremde, die deutsche Kultur zu verstehen, Und der bekommt so eine Chance, sich anzupassen, sich einzufügen, sich wohler zu fühlen. Der Mensch ist eben auch so: anpassungsfähig, weil er instinktiv spürt, was gut für ihn ist. Was besser ist. Lebenswerter.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Der Seelendoktor und ambivalente politische Revoluzzer

Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) war einer der großen deutschen Landschaftspoeten. Er ist aber auch der Anwalt der Frauen gewesen, die Emanzipation verdankt dem Neuruppiner Apotheker viel. Aber wie dachte er politisch und was ist von seiner Ambiva

Die Energiewende ist ein politischer GAU

Die Energiewende ist ein politischer GAU, der Größte Anzunehmende Unsinn der Nachkriegsgeschichte. Und jetzt gießt die deutsche Regierung diesen GAU in Gesetzesform, genannt „Klimapaket“. Der Verstoß gegen die Gesetze der Physik und Ökonomie wird in Deutschland Gesetz.

Die schleichende Rückkehr des Unrechtsstaats

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Hotline zum anonymen Melden rechtsextremer Umtriebe eingerichtet. Unterdessen suggeriert der Stadtrat von Dresden in einer Erklärung unter der Überschrift „Nazinotstand?“, die sächsische Landeshauptstadt versinke im rechtsextremen Chaos. Die obses

Triumph für Matteo Salvini

Eben noch ging ein Seufzer der Erleichterung durch Europa: Der italienische Patient war endlich auf dem Weg der Besserung. Lega-Chef und Innenminister Salvini manövrierte sich mit seinem gescheiterten Neuwahl-Coup ins Aus. Und das Regierungsbündnis aus 5-Sterne-Bewegung und linker Demokratischer P

Auf welchen Politikertypus stehen die Deutschen?

Auf welchen Politikertypus stehen die Deutschen? Kuschelbär (Robert Habeck) oder John Wayne (Friedrich Merz)? Ich vermute Kuschelbär.

Mobile Sliding Menu