Am Ende der Milchstraße

Alexander Wallasch18.09.2014Gesellschaft & Kultur

Draußen vor dem Fenster: Landschaftsstilleben mit Mensch, Vorbeifahrorte, ganz weit hinten in Deutschland. Eine Art Schmalspur-Filmrezension unter ganz anderen Umständen.

Fahren Sie öfter mit der Bahn? Keine Sorge, hier kommt jetzt keine Schelte über verspätete Abfahrtzeiten, abgekoppelte Waggons oder fehlende Sitzplatzreservierungen. Ich möchte Sie mitnehmen auf die Zugfahrt Braunschweig-Dresden und zurück.

Noch vor wenigen Jahren war Umsteigen in Leipzig obligatorisch. Heute fährt man in einem durch. Knapp vier Stunden hin, vier zurück. Mir ist die Rückfahrt am liebsten – Termine erledigt, Eindrücke von den Interviews noch unsortiert, aber immerhin abgespeichert, also noch keine Notwendigkeit, sofort mit irgendwelchen Transkriptionen zu beginnen. Sacken lassen. Morgen anfangen. Zugfahren. Und Hauptsache Zigaretten dabei. Notfalls auf dem Klo rauchen. Dafür gehe ich zwei Zugabteile weiter. Wenn’s Ärger gibt, dann nicht direkt in Sitzplatznähe.

Vorbeifahrorte

Und dann sitzt man halt so rum und schaut in die Ödnis hinaus. Man fährt und fährt und fährt. Einfach so in die Dämmerung hinein. Sie kommt nicht über einen, der Eindruck entsteht, man würde ihr entgegenfahren. Das eigentliche Tun wird vorn von den Triebwerken übernommen – das Vorwärts, das Heimfahren, das Ankommen.

Nebenan strickt eine Frau Socken. Sie wird wohl etwas um die 35 Jahre alt sein. Und so ein Blick hinüber will gelernt sein. Er wird ja bemerkt aus den Augenwinkeln. Manchmal treffen sich die Blicke ganz kurz. Nur ein Schauen. Kein Suchen. Das geht. Dann darüber hinwegschauen durchs Fenster über die Hecken, Felder und Wiesen.

Bahnhöfe ziehen vorbei, von denen man nur weiß, wenn man schon mal vorbeigefahren ist. Vorbeifahrorte. Betrüblich auf eine ästhetische Art und Weise. Fast schön. Wie aus einem französischen Film der 1970er-Jahre: Das Nichts, das Nirgends, im teilnahmslosen Vorbeifahrmodus. Und die öde Erkenntnis: Hier leben also auch Menschen.

Landschaftsstilleben mit Mensch

Ich sah neulich einen Film von einem, der irgendwo auf so einer Strecke im Osten ausgestiegen ist. Mit der Kamera. “„Am Ende der Milchstraße“”:http://www.zeit.de/kultur/film/2013-10/am-ende-der-milchstrasse-film. Eine Dokumentation über eine solche Gemeinschaft von Menschen von einem Leopold Grün. Der Teaser beginnt so: „Ein kleines Dorf in den Weiten Mecklenburgs. Geprägt vom politischen Wandel der letzten Jahrzehnte lebt hier eine Gemeinschaft und tut, was Menschen eben tun müssen.“ Kuhbauern und Hartz4ler. Wunschlos unglücklich. Oder in ihrem Unglück komfortabel eingerichtet. Meilenweit entfernt vom Tagesgeschehen und doch ganz alltäglich.

Vor der Scheune neben einem Stapel ausrangierter Auto- und Treckerreifen teilt man Kippen und Bier. Der Schnaps wird rumgereicht. Schluck für Schluck aus derselben Flasche. Dann die nächste. Die fehlende Handlung eingebettet in wunderschöne Landschaftsstilleben mit Mensch.

Ein Angler wartet an einem kleinen Fluss vergeblich, dass was beißt. Ein Arbeitsloser lässt den Kopf hängen mit Kippe im Mund über seinem Aldi-Laptop. Facebook. Sperrmüllwohnung. Mutter in Gummistiefeln. Das ist wohl so, wenn man den Moment einfängt, wenn die Wahrheit noch ein stückweit wahrer wird. Ich sah den Film fast bis zum Ende. Frau war längst eingeschlafen, während ich mich die ganze Zeit fragte, warum ich das schaue. Was ist interessant daran, wenn einer zehn Minuten lang seinen Auto-Ventilator in so einem uralten Reisemobil repariert, bis er wieder funktioniert und schnarrend seine Arbeit aufnimmt, nur um dann loszufahren hin zu einem Feldrand, um Rehe zu beobachten?

Ich habe einfach gefühlte 15 Minuten mit zugeschaut auf die Rehe. Nur um gegen 0:15 – kurz vor Ende – dann doch abzuschalten.

Zugfahren lebenslang

Schlaflos im Bett. Himmel nochmal, es war doch nur eine Dokumentation! Aber das waren eben auch Menschen wie Sie und ich. Mitten in Deutschland, angekommen in der völligen Perspektivlosigkeit. Menschen mit einer besonders traurigen „Hier und jetzt“-Erfahrung. Zen auf dem untersten Niveau. In den letzten Zug eingestiegen und keine Möglichkeit mehr abzuspringen. Zugfahren lebenslang. Ostdeutschland lebenslang. Ohne Wende.

Meine Nachbarin hat das Strickzeug gegen ihr Handy eingetauscht. Zwei-Daumen-Betrieb, Tchibo-Uhr, gute Oberweite in einem eine Nummer zu engen Shirt. Strickjacke darüber, Jeanshose dunkel, Laufschuhe mit Gebrauchsspuren. Als sie zur Toilette aufsteht, schaue ich auf ihren Po. Geht so. Aber das Gesicht ist nett. Auf dem Rückweg lächelt sie ganz lieb, fast so, als würde sie für irgendetwas um Verständnis werben. Für was eigentlich? Am Pipimachen ist ja nichts Verwerfliches. Ich müsste jetzt auch mal, verkneife es mir aber. Verschiebe es auf später. Kann ja sein, dass sie große Geschäfte gemacht hat. Da möchte ich nicht, dass sie denkt, dass mir das möglicherweise auffällt, wenn ich den kleinen luftdichten Raum betrete.

Das funktioniert ja selbst bei vielen alten Ehepaaren nicht hundertprozentig. Ich kenne einen, dessen Frau sprüht selbst nach zwölf Ehejahren noch nach jedem großen Gang. Er hat sie im Stillen deswegen schon für verrückt erklärt. Aber ich gab ihm den Tipp, dass es vielleicht an ihm liegt und nur ein penetranter Hinweis sein soll. Das gab ihm zu denken. Seitdem sprüht er auch. Aber eine andere Duftnote. Herber. Männlicher. Wenn ich nun zu Besuch komme, weiß ich immer, wer zuletzt war. Bei meinem letzten Besuch habe ich das System gesprengt, indem ich einfach beide Aromen wie wild versprühte. Gleichzeitig! Man roch es noch bis ins Esszimmer.

Früher, als man noch in der Wohnung rauchte, wäre das nicht so aufgefallen. Aber seitdem selbst Raucher freiwillig auf den Balkon oder nach draußen gehen, riecht der Mensch wieder mehr nach Mensch. Eine seltsame Renaturierung. Die aber in „Am Ende der Milchstraße“ ausgelassen wurde. Da wird sogar im Sperrmüllschlafzimmer geraucht. Gleich morgens und auch abends vor dem Zubettgehen. Schlafzimmer mit Röhrenfernseher. Im Wohnzimmer steht schon ein Flatscreen. Übergroß im Dauermodus. Ein ganz frühes Modell. So ein Teilzeitscreen. Hinten noch ganz schön verdickt.

Noch nicht am Ende der Milchstraße

Stopp in Leipzig. Ich rauche mit der Zugbegleiterin eine Zigarette auf dem Bahnsteig. Denn zufällig hielt mein Abteil direkt vor so einem gelbmarkierten Raucherquadrat-Areal mit zentralem Standaschenbecher in der Mitte, aus dem die nicht ausgedrückten Stummel qualmen. Wir scherzen, dass wir uns in Magdeburg zum gemeinsamen Rauchen wiedertreffen. Wir haben also ein Date. Wir träumen laut von einem wenigstens toilettengroßen Raucherabteil, aber mit sperrangelweit offenem Fenster, also noch nicht ganz am Ende der Milchstraße.

Ihre Bahnuniform sitzt eng über den geschätzten 85 Kilo bei geschätzten 1,65 Metern Körpergröße. Eine ganz Nette. Vielleicht Mitte 40. Sie hat also höchstwahrscheinlich das Rauchen noch auf Ost-Kippe gelernt und sie trägt ein Piercing im Gesicht. Ein roter Glitzerstein rechts, einen Zentimeter über der Oberlippe. Ich schaue ihr aber ganz tief in die Augen, nicht, dass sie noch denkt, ich wundere mich über den doch schon sehr dichten Flaum, über dem der Stein funkelt wie die untergehende Sonne über Riesa. Geht die Sonne im Osten unter?

Lidschatten in Rosa. Mir fällt ein, dass ich noch nie mit einer Frau bekannt war, an der mir Lidschatten aufgefallen wäre. War er nur immer dezenter aufgetragen?

Noch sieben Minuten Zwischenstopp, aber nur eine Minute den Bahnsteig runter zum Bahnhof-Pizza-Hut. Ben & Jerrys Eiskrem, der Becher 110 Gramm „Chocolate Fudge Brownie“, kosten 2,70 Euro. Bei der jungen blonden Bedienung hinter der Kasse mag ich nicht mehr „Nein, doch nicht!“ sagen. Sie ist so freundlich. Studentin? Aushilfsjob? Jedenfalls auch Ost-Gene, aber definitiv noch nicht am Ende der Milchstraße angekommen.

Wie viele Züge muss man wohl schauen?

Weiter geht’s. Zwei Sitzreihen hinter meiner redet einer mit sich selbst. Anklagend. „Seit vier Jahren nun schon Rentner!“ Ein Bier ploppt. „Vier Jahre schon!“ Pause. „Dabei war ich doch 40 Jahre bei der Bahn!“ Drei Sätze in Endlosschleife. Verstörend. Ich überlege kurz, dass Abteil zu wechseln, aber die Sockenstrickerin liest jetzt. Welchen Titel bloß? Sie hält es flach im Schoß. Wir sind mitten im Nichts, also noch genug Zeit bis Braunschweig, es herauszufinden. Und ich muss ja eh warten. Jetzt liest sie einhändig und hält mit der freigewordenen Hand ihren Kopf. Muss also definitiv was Emotionales sein. Wer Socken strickt, liest sicher Schund. Aber vielleicht ja auch nicht. Ihre Kopfhand wandert zum Bauch. So ein kleiner vorgewölbter. Niedlich. Wahrscheinlich im Büro tätig. Angefuttert von Zwischenmahlzeiten. Sympathisch. Die Hand verweilt. Vielleicht ist ihr ja einfach nicht gut von der Schaukelei.

Draußen ist es mittlerweile düster geworden. Ich sehe einen auf einem Motorroller. Nicht an einem Bahnübergang, sondern mitten in der Landschaft am Ende einer Gasse, wo es nicht weiter zu gehen scheint. Der steht da nur so und schaut dem Zug hinterher. Wie viele Züge muss man wohl schauen bis man merkt, dass sich nichts mehr bewegt?

Irgendwo kurz vor Magdeburg bauen welche Windräder. Das gesamte Werk ist hell erleuchtet. Also mindestens Zweischichtbetrieb. Die junge Mutter mit Kleinkind, die vorbeikommt, trägt ein kurzärmliges Ramones-Shirt. Kann sein, sie weiß nicht einmal, was das für eine Band war. Dafür weiß sie um die Wirkung ihrer Oberweite. Ich bin sicher, dass die Frauen im ehemaligen Osten größere Oberweiten haben als im Westen. Muss an den Hormonen im Schweinefleisch liegen. Sie hat lange schwarze Haare, aber Ponyschnitt vorne. Mittelscheitel scheint ausgestorben. Alle meine Jugendfreundinnen hatten Mittelscheitel, aber dafür kaum Oberweite.

Wo die Milchstraße zur Sackgasse wird

Das Kind rennt weg, ausgerechnet als der Zug hält, die Mutter hinterher. Da kommt sofort die Oberweite in Bewegung. Und das macht dann wieder den Pony wett. Halt also Magdeburg. Oberweite raus. Kind raus. Zugbegleiterin raus. Ich habe gerade heimlich auf dem Klo geraucht. Also wird’s wohl nichts mit unserem Date. Ach was, ich steige trotzdem aus und rauche eine mit, selbst auf die Gefahr hin, bis zur ehemaligen Zonengrenze Kopfschmerzen zu bekommen. Und dann die Überraschung, die Ramones-Pony-Oberweite raucht auch nur und fährt doch weiter mit. Bis Braunschweig? Also doch keine Ostdeutsche? Das wirft alle Theorie über den Haufen. Die Grenzen verschwimmen zusehend, denke ich. Aber andererseits: Die Wende ist auch schon wieder 24 Jahre her.

Da muss sich doch mal was ändern. Selbst da ganz weit hinten in Deutschland. Da, wo die Milchstraße so eine verdammt zugenagelte Sackgasse wird.

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