L’esprit du monde

Alexander Wallasch10.09.2014Innenpolitik

Hat die gerechte Welt ihr Bewusstsein verloren? Es scheint fast so.

Michel Foucault hat einmal ungefähr festgestellt, dass es keinen „Weltgeist“ gibt, der dafür sorgen würde, dass alles, was in die Geschichtsbücher einsickert, einem höheren Regulativ unterliege. Für Foucault wirkten sich schon Erschütterungen des politischen Kontexts in kleinerem Maßstab auf unser Wissen von der Welt aus. Oder einfacher: Der Gesamtüberblick geht verloren. Interpretieren wir das für die Gegenwart, kann man annehmen, dass mit Menschen wie Scholl-Latour auch der Typ des Welterklärers ausstirbt. Diese anachronistischen Ego-Shooter, die in die Jetzt-Zeit hinein noch darüber hinwegtäuschen konnten, dass es so etwas wie ein kollektives Wissen – oder sogar einen Gewissenspool – längst nicht mehr gibt.

Mag sein, dass das Internet, diese tagesaktuelle Höchstgeschwindigkeitsmaschine, zum großen Staubsauger des „Weltgeistes“ wurde. Wenn es ihn überhaupt je gab, wenn Schirrmacher recht hatte damit, dass das Internet das Hirn „zermanscht“, aber auch Schirrmacher ist tot, einer dieser letzten Wiederkehrer der Welterklärer und damit erübrigt sich die Nachfrage, ob vielleicht sogar noch mehr als nur das Gegenwartshirn gemanscht wird.

Das steht uns nicht zu

Die große Leere ist aber, viel genauer, eigentlich eine große Amnesie. Anders ist es kaum zu erklären, warum wir aktuell beispielsweise Kurden mit todbringenden Waffen beliefern, um – kann es noch kurioser begründet werden? – Leben zu retten. Zwischenfrage: Wie viele Leben hat der US-amerikanische Irak-Krieg mutmaßlich gerettet? Und wie verrechnet man diese mit geschätzten einer Million großteils ziviler Opfer? Wie viel Mensch ist ein Menschenleben wert? Welche Zweiklassengesellschaft gibt den Maßstab vor? Wie steht es da mit dem Ranking des Wertes eines Lebens?

Alles Gelernte wird vergessen, alles Wissen verdampft in besagter Amnesie? Das heißt nicht bei jedem, denn ausgerechnet der linke Rechtsanwalt Gregor Gysi, der Ex-SEDler, der Verfassungsschutzbespitzelte, fühlte sich berufen oder verdonnert, den gesamtdeutschen Gedächtnisverlust zumindest in die Redeprotokolle des Deutschen Bundestages zu pressen, als er dort ausgerechnet am 1. September 2014 (Weltfriedenstag) geistreich fragte:

bq. Hätte Deutschland nicht sagen müssen 1945, dass wir nie wieder am Krieg verdienen wollen? Wir sind der drittgrößte Waffenexporteur der Welt! Und wenn man der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist, dann verdient man an jedem Krieg. Genau das steht uns nicht zu.

Da erscheint noch einmal ein Hauch von Weltgeist auf der tristen Bühne bundesrepublikanischer Politik. Wissen, generiert aus Erfahrung und unbeeinflusst von den „Erschütterungen des politischen Kontexts in kleinerem Maßstab“.

Aber was macht die deutsche Bundesregierung? Sie liefert nun Waffen an kurdische Kämpfer ohne Staat. Und sie verteidigte noch Ende 2013 milliardenschwere Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien mit der bemerkenswerten Feststellung, Saudi-Arabien sei ein „wichtiger Akteur, wenn es um die Stabilität in dieser Region geht“.

Für die „gute Sache“

Saudi-Arabien, Katar usw., das sind übrigens jene Staaten, die ebenfalls mutmaßlich als Waffenlieferanten für ihre Glaubensbrüder unter den IS-Kämpfern auftraten und diese zu einer komfortablen Schreckensarmee hochgerüstet hatten. Radikale IS-Kämpfer operieren heute mit Panzerfäusten und Granatwerfen aus einer saudi-arabischen Lieferung, “wusste der „Spiegel“ schon Anfang 2014.”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/saudische-waffen-sollen-bei-iraks-radikalen-angekommen-sein-a-957796.html

Bleiben wir weiter logisch: Wenn nun aber die Saudis Verbündete der USA sind, dann bekämpft Obama indirekt, wenn er nicht direkt auf den Bündnispartner einwirkt, mit seinen aktuellen Bombardements der IS-Stellungen automatisch jene Kräfte, die der Partner aktiv unterstützte. Eine Groteske. Historisch übrigens kein Novum, denn für die „gute Sache“ verbündeten sich die USA dereinst mit dem Massenmörder Stalin gegen Nazi-Deutschland, nur um schon Monate später den Jahrzehnte andauernden Kalten Krieg mit dem Sowjetimperium vorzubereiten.

Einen Kalten Krieg übrigens, der aktuell gerade wieder sein Reload erfährt, wenn das State Department seit 1990 in der Ukraine, dem Baltikum und anderswo kontinuierlich auf eine Ausdehnung seiner Einflusssphäre drängt. Das ist Imperialismus 2.0. Der Kampf um Rohstoffe, um Wirtschaftsräume, um die Freihandelszonen der Zukunft Made in USA. Vorbei am Weltgeist. Am Weltwissen. Flankiert von einer Weltinvasion ebenso unpolitischer wie brutaler amerikanischer Sex-&-Crime-Serien, die heute solche banalen Serien ablösen, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten die heile Welt, die Segnungen des US-amerikanischen Kapitalismus via der These „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ in die Welt hinaussandten. Botschafter des Guten, der Völlerei, des Hedonismus und der Lebenslust. Aber kalte Waffen glänzen nicht. Mattes, totes Metall. Todbringend, destabilisierend.

Und wieder Tausende Opfer

Erinnern Sie noch „Rambo III“? Sylvester Stallones US-GI-Hymne auf die unverbrüchliche Freundschaft mit den ehrenvollen Mudschaheddin? Jahre später mutiert zum Erzfeind. Zum Bösen schlechthin. Zum ultimativen Angriffsziel. Nach dem Abzug aus dem zerstörten Afghanistan gab es schon wieder Verhandlungen mit den wehrhaften Taliban. Und wieder Tausende Opfer. Ein Menschenleben ist nichts wert. Die Welt-Philosophie des Mittelalters ist zurück.

Und die Kette der Verwüstungen reißt nicht ab. Freund-Feind-Kategorien sind vakant. Was zählt, ist der Vormarsch eines Turbo-Kapitalismus, der niederwalzen lässt, was sich ihm in den Weg stellt. Der Zerstörung sät, wenn sich mutmaßliche Staatsgrenzen zu Zollgrenzen weiterentwickeln, wenn ungehinderter Warenverkehr bedroht ist, wenn Staatsbetriebe aus dem Boden schießen könnten, wenn die reale Gefahr besteht, dass das Guthaben eines Landes, wenn seine Rohstoffe, die Verkehrswege usw. in Zukunft dem Volk selbst zugute kommen könnten.

Zur einzigen Konstanten ist die Destabilisierung geworden, die Option zum Neuanfang, die Verwüstung ganzer Regionen, Länder und Staatengemeinschaften. Jetzt fegt das wütende Kind mit der Stahlfaust alle Figuren von der Monopoly-Platte für einen Neubeginn nach neuen Regeln. Totale Zerstörung. Die blutige Ackerfurche für den Turbo-Kapitalismus. Ein mörderisches Spiel.

Das alles war bekannt, ist aber zur vagen Ahnung verkommen. Was stand am Anfang allen Übels in den Krisenregionen unserer Zeit? Welches ist der historische Kontext? Wir haben gelernt, mit all den Fragen und Widersprüchen zu leben. Kaum eine Weltnachricht, deren Gegenteil sich nicht behaupten ließe, ohne deshalb unwahrer oder wahrer zu sein. Wissen ist Macht. Aber Macht generiert immer häufiger Wissen. Der Foucault’sche „Weltgeist“ ist in jenem Moment von der Bühne verschwunden, als die Weltmächte ihren Wettstreit um die Deutungshoheit der Weltwerte und Menschenrechte quasi einvernehmlich aufgegeben hatten.

Bewusstsein verloren?

Ein gelebter Weltgeist, ein aktives Wertesystem, etwa basierend beispielsweise auf Konstanten wie einer verbindlichen Charta der Menschenrechte, gibt es 2014 nicht. Oder anders gesagt: Dieser Weltgeist wäre nur dann überlebensfähig gewesen, wenn er weiterhin historisch, chronologisch und in seiner gesamten Entwicklung offen daläge, präsent geblieben wäre, sich weiterentwickelt hätte. Wenn er die gesamte historische Wirklichkeit umfassen würde.

Heute wird das, was vom Weltgeist übrig geblieben ist, mit geräuschlosen Drohnen in die Welt verschickt. Oder eben lautstark verteidigt von Kurden dank einer Lieferung todbringender Waffen vom drittgrößten Waffenexporteur der Welt. Hat die gerechte Welt ihr Bewusstsein verloren? Es scheint fast so. Sie hat sich zumindest bis zur Besinnungslosigkeit von einem Turbo-Kapitalismus penetrieren lassen, dessen Gewinnler nicht als homogene Gruppe zu identifizieren sind. Also auch nicht zu bekämpfen sind. Und was man nicht bekämpfen kann, lässt sich auch nicht besiegen.

Sagen wir es also so nüchtern, wie es möglich ist: Adieu Weltgeist. Adieu Weltwissen. Adieu Weltseele. Adieu Menschenrechte. Adieu Gerechtigkeit. Adieu Vernunft. Und es steht zu befürchten, dass das noch lange nicht das Ende der Geschichte ist. Und nein, es gibt ihn tatsächlich nicht, den Hegel’schen vom Weltgeist getriebenen dialektischen Zusammenschluss der in Sphären zerfallenen Welt. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben freiwillig den Überblick verloren.

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