Nerfenkrieg

von Alexander Wallasch4.08.2014Gesellschaft & Kultur

Wer 2014 seinen Söhnen etwas über die Weltkriege beibringen will, muss tief in die Trickkiste greifen. Oder haben Sie schon mal von „Nerf“ gehört?

bq. „Der Weltkrieg hatte begonnen und meine Kindheit war zu Ende“ Erich Kästner in Dresden

Was ist denn hier eigentlich los? Während der ältere Sohn am Computer ganze Armeen verschiebt, nutzen die beiden jüngeren die beginnende Ferienzeit mit einer Horde Freunde aus der Nachbarschaft, um sich für volle drei Tage abzumelden. Zelten im Irgendwo mit Selbstverpflegung. Tütensuppen auf dem Gaskocher. Aber nicht im Geist religiös verbrämter Pfadfinder, sondern gottlos im Nerf-Krieger-Modus.

Wem „Nerf“ nichts sagt, der hat wahrscheinlich keine männlichen Nachkommen im Schulkinderalter. „Männlich“? Ne, nicht nur, denn die Arbeitskollegin erzählte neulich, diese Plastikmaschinengewehre mit Schaumstoffmunition gäbe es mittlerweile auch für Mädchen in – kein Witz! – Rosa und Lila. Die Toys’R’us-Militarisierung nimmt also immer groteskere Züge an.

Aber nicht nur wegen dieser spaßigen Gendergeste – die ja nichts weiter ist, als eine Erhöhung der Verkaufszahlen – nein, die Sache ist bizarr, wenn man sich die Technik näher anschaut: Drehmagazine, perverse Schussfrequenzen, die mit jeder Nerf-Neuentwicklung, mit jedem neuen Plastik-Modell noch ein bisschen flotter aus dem Lauf knattern und rattern.

Der Nerf-Krieg der Söhne

Filme im Netz über diese Plastikgewehre ergattern lässig 2,5 Millionen Klicks.

Jedenfalls dann, wenn ein Kind vorführt, wie man diese Knatterkisten am elegantesten hochtuned oder frisiert, wie man es früher bei Mofas nannte, wenn man aus 25 km/h 55 machen wollte, indem man das Ritzel auswechselte und die Düsen einige Millimeter weiter aufbohrte.

Aber zurück zum Nerf-Krieg der Söhne. Unsere Generation wuchs ohne Kriegsspielzeug auf. Das heißt nicht ganz, denn als wir mit fünf partout nicht ins tiefe Schwimmbecken wollten, um unseren mühsam erkämpften Freischwimmer unter Beweis zu stellen, verweigerten wir den Sprung ins unbekannte Nass.

Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen, vielleicht schämte sie sich auch ein bisschen für ihre Waschlappenzwillinge, jedenfalls bot sie flüsternd an, uns so eine dieser Platzpatronen-Winnetou-Silberbüchsen aus Plastik zu schenken, wie sie der Nachbarjunge immer so stolz durchs Viertel schleppte, wenn wir nur endlich in dieses verdammte Wasser sprängen. Taten wir aber nicht. Die Wasserscheu war noch größer als der Lockruf des Häuptlings der Apachen.

Aber Mutter hatte ihre Prinzipien über Bord geworfen und behauptete später, wenn wir es immer mal wieder gehässig im Kreise der Familie zum Besten gaben, wir müssten uns da verhört haben, aber ihr schiefes Grinsen stützte natürlich die wahre Geschichte.

Schlachten unter Ausschluss der elterlichen Öffentlichkeit

Mutter stand mit neun Jahren irgendwo in der Tschechei mit dem Rücken an der Wand und blickte mit meiner Oma, Tante und Onkel in die Läufe von durchgeladenen Gewehren. Eine Scheinerschießung, die erst in letzter Sekunde abgeblasen wurde und sich in mehreren Wochen mehrmals wiederholte. Im Lager nahmen sich ganze Familien das Leben, weil sie die Quälereien nicht mehr aushielten. Meine Oma konnte von ihrer ältesten Tochter nur mühsam zurückgehalten werden, Gleiches zu tun. Noch 40 Jahre später weigerte sie sich, in ihre Dorfkirche zu gehen, weil dort ein tschechischer Musikchor zu Gast war. Da ließ sie nicht mit sich reden.

Bei uns ganz hinten im Garten haben die Jungs mittlerweile so etwas wie einen Schützengraben ausgehoben. Vernünftig angeschrägt nach Bildern aus dem Internet. Bodenhölzer gegen das Grundwasser und faulende Füße; und über allem ein Bundeswehr-Tarnnetz, billig ersteigert von eBay. Zwischen den Maschen fliegen einem schon mal die Schaumstoffpatronen aus den Nerfs um die Ohren, während man arglos Petersilie schneidet. Aber in den meisten Fällen finden die Schlachten unter Ausschluss der elterlichen Öffentlichkeit statt.

Bei YouTube gibt es Nerf-Tutorials und etliche Filme der Schlachten.

Im Vorspann erscheint schon so ein Kleinkrieger mit der Plastikknarre (das Logo des Herstellers natürlich deutlich im Vordergrund, als wären es gesponserte Werbefilme oder es hat schon so etwas wie eine Markenidentifizierung stattgefunden, es muss also auch Nachahmerprodukte geben) und erklärt den Kindern: „So, wir versuchen jetzt mal ,Call of Duty‘ nachzuspielen.“

Nerf-Braunschweig ist also überall dank des US-amerikanischen Spielwarenherstellers Hasbro, dessen internationale Erfolgsgeschichte mit dem Vertrieb des G.I. Joe („a real american hero“) begann. Für den Deutschland-Export wurden – so erzählt es Wikipedia – „viele als „gewaltlastig“ empfundene Elemente umgeändert, so wurden etwa Schusswaffen zu Betäubungswaffen umerklärt und Totenkopf-Symbole entfernt“.

Nun aber rasch von Joe zu Hermann und August oder wie sie alle hießen. Oder kurz gesagt: Höchste Zeit für einen Nerf-relativierenden Volkspädagogik-Sonntag in Braunschweig. 10:30 Uhr, Burgplatz, Landesmuseum, sperriger Titel der aktuellen Ausstellung: „1914 … schrecklich kriegerische Zeiten“.

Dafür aber ein sensationell eindringlicher Plakatentwurf, der uns schon die letzten Wochen von allen Litfaßsäulen und Wänden verfolgte. WK I, Originalaufnahme eines unbekannten Soldaten im Schützengraben, fast zu heroisch, aber der Junge sieht einfach klasse aus. Stahlblaue Augen, so man das von der Schwarz-Weiß-Aufnahme aus transkribieren will. Und die gesamte Körperhaltung irgendwie lässig, geradezu in beeindruckender Robert-Capa-Intensität. “Eine düstere Ikone mit Sympathiefaktor”:http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:1914_Schrecklich_kriegerische_Zeiten_Der_Erste_Weltkrieg_und_Braunschweig_2014_Plakat_(Braunschweigisches_Landesmuseum).pdf.

Das Plakat gibt es übrigens nicht zu kaufen in der Ausstellung: vermarktungstechnisch sicher ein Versäumnis der Kuratoren.

Dreimal Schützengraben-Romantik bitte

Die „Hannoversche Zeitung“ schreibt, die Ausstellung zeige, „wie die Folgen des Ersten Weltkriegs den Aufstieg der Nazis beflügelten“. Davon allerdings kann nicht die Rede sein, die Verweise sind spärlich, nicht stringent und eher auf einem Nebengleis erfassbar, also dann, wenn man vorher besagte Zeitung gelesen hätte.

Zunächst bekomme ich vom Älteren einen diskreten Tritt in die Kniekehle, als ich die Tickets kaufe mit den Worten: „Dreimal Schützengraben-Romantik bitte“, aber im Stillen bin ich schon dankbar, dass er nicht zum Side-Kick angesetzt hat, den sie neulich stundenlang auf dem Rasen trainierten.

Was die Jungs und ich dann gezeigt bekommen, ist zunächst mal eine eindringlich inszenierte zwar, aber eben fast durchgehend eine Waffenschau. Man kann sogar sagen: „Nerf 1914“ – denn eine Vitrine zeigt die Bewaffnung eines Vierjährigen aus dieser Zeit, samt Holzgewehr und Uniform.

Und man könnte den Rundgang sicher auch „beklemmend“ nennen, angesichts dieses Wandelns durch schützengräbenartige Gänge mit Holzverschalung und Blick in die waffenstarrenden Dioramen des Schreckens. Man könnte aber auch einfach „atmosphärisch“ sagen, denn Beklemmung will dann doch nicht so recht aufkommen.

Der Jüngste läuft immer munter seine zwanzig Meter weiter ums Eck, einfach, um die nächste Attraktion früher zu entdecken als der Bruder. Auf Exemplare der 08/15-Serie folgen die martialischen Vorläufer der Maschinenpistolen und -gewehre, die Granatwerfer und Grabenkeulen mit Metallkugeln wie aus dem Mittelalter. Totschläger gegen eindringende Feinde. „Wurden genau mit der da in echt Menschen erschlagen?“ – „Wohl anzunehmen“, antworte ich.

Der letzte deutsche WK-I-Veteran starb 2008

Schubladen in den „Grabenwänden“ tragen Namen einzelner Soldaten. Zieht man sie heraus, findet sich alles, was Familien so aufgehoben hatten: Feldpost, Taschenuhr, Eisernes Kreuz, Tagebücher. Überhaupt ist ein Großteil der Exponate von Militaria-Sammlern und Nachfahren von WK-I-Soldaten ausgeliehen. Ein Aufruf in der Örtlichen bat schon Monate vorher um diese Dinge.

Der Rundgang auf knapp 1000 m² ist ohne Zweifel akribisch gut gemacht. Nie langweilig. Aber eben die waffenstarrende Facette des Krieges. Dieses gigantisch teure durchpädagogisierte Dresdner Militärmuseum gönnte sich an der Stelle (1914-1918) “sogar eine Geruchsbox”:http://static.twoday.net/wallasch/files/Militaerhistorische-Museum-in-Dresden.pdf, worin obskur zusammengemixte Aromastoffe noch den schlimmsten Leichenverwesungsgeruch imitieren.

Das hätte sicher auch hier her gepasst, möglicherweise noch unterstützt durch Lichttechnik, die den Ausstellungshimmel zum Gefechtshimmel werden ließe, dazu infantile Geräusche, die es richtig krachen lassen. Aber das wäre dann doch zu viel Hollywood im beschaulichen Braunschweig.

Wusste Sie es? Der letzte deutsche WK-I-Veteran starb 2008 unbeachtet im Alter von 107 Jahren. Sein Name war – eine seltsam zufällige Namensgleichheit – Erich Kästner.

Nach einer Stunde und einem blitzschnellen zweiten Rundgang („vielleicht haben wir etwas übersehen!“) sind wir durch. Das Programm geht draußen weiter mit Eis essen und dann mit dem Bus nach Hause den Grill anschmeißen. Die Mutter wollte zwischenzeitlich Salate machen, die Hühnerflügel sind mariniert für die Fleischesser, die Vegetarier bekommen Gemüsespieße.

Als wir zu Hause ankommen, bleibt noch etwas Zeit, die Kohlen müssen noch durchglühen, also hole ich die kleine Pappkiste aus dem Keller. Dieser Haufen Familien- und Soldatenfotos, Postkarten und Soldbücher eben, der sich bei Deutschen, deren Vorfahren schon Deutsche waren, mitunter so ansammelt. Wir hocken also Kopf an Kopf neugierig überm Karton und wühlen uns quer durch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, die 1950er-Jahre mit Tütenlampe und Co. und noch durch ein paar noch jüngere Fotos, die wir aber heute achtlos überblättern.

Erster Volltreffer: der Opa – bzw. Uropa – (Geburtsjahr 1889) an der Gulaschkanone im Ersten Weltkrieg. Sein Gesicht ist leider zur Hälfte von einem Tesafilm abgerissen (Artikelbild), Liederbücher von 1916, Schützengrabenbilder, aber ganz anders als gerade noch in der Ausstellung gesehen, hier sieht es ein bisschen aus wie moderne Fotos aus dem deutschen Camp in Afghanistan: Die Soldaten haben Bierkrüge in den Händen und über ihnen baumelt ein geschnitztes Kneipenschild, als säße man ganz gemütlich in der Heimat im Biergarten. Feuerpause.

Die Fotos aus WK II unterscheidet man schon deshalb von denen aus WK I, weil die Bärte kürzer wurden und die Gamaschen fehlen. Bei einem Bild ist die Zuordnung allerdings zunächst schwieriger. In fein säuberlicher Frauenhandschrift hat jemand hinten drauf geschrieben: „Juden in Polen“. Und vorne sieht man ein paar sich wirklich in einer misslichen Lage befindende Menschen mit rasierten Köpfen, die sich zu fünft, nur mit Löffeln bewaffnet, um einen Fresseimer zu ihren Füßen balgen.

Die Rüstungsspirale geht also gnadenlos weiter

Das Fotopapier spricht für WK II. Und da fällt einem dann dieser seltsame Grabstein ein, der in der Braunschweiger Ausstellung in so einem Seitenraum zu sehen war. Irgendein deutscher Name, wie ihn deutsche Juden trugen. Glücksmann? Seligmann? Ich habe es mir leider nicht gemerkt. Ein Gefallener des WK I jedenfalls. Unter dem Namen die Geburts- und Sterbedaten, etwas in hebräischer Schrift und der Davidstern. Und mitten im Davidstern – eine aus heutiger Sicht bizarre Kombination – das deutsche Panzerkreuz, was damals wohl noch Balkenkreuz hieß.

Also eine Analogie zu dieser Begebenheit um Anne Franks Vater, der, wenn ich es richtig erinnere, seine Gestapo-Häscher mit seinem Eisernen Kreuz in der WK-I-Variante am Revers empfing, was ihm und seiner Familie allerdings trotzdem wenig nutzte.

Und dann ist das Essen fertig, die Grillkohle hat die richtige Temperatur, der Tisch ist reich gedeckt. Die Kinder verabreden sich schnell noch telefonisch für nach dem Grillen zur nächsten Nerf-Schlacht – die Nachbarschaft hat nämlich schon wieder weiter hochgerüstet mit dem Erfolgsspielzeug aus Amerika. Die Rüstungsspirale geht also gnadenlos weiter. Nach dem Essen am selbstgeschaufelten Schützengraben wird also zum „Zum Angriff!“ geblasen. Mögen die Guten gewinnen.

Weitere Informationen zur Ausstellung „1914 … schrecklich kriegerische Zeiten“ “finden Sie hier()”:http://www.3landesmuseen.de/1914-Schrecklich-kriegerische-Zeiten.1216.0.html.

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