Braunschweig – Tel Aviv

Alexander Wallasch31.07.2014Gesellschaft & Kultur

Die Heimatstadt unseres Kolumnisten veranstaltet seit Jahren einen Schüleraustausch mit Israel. Und es zeigt sich: Dem aktuellen Konflikt können israelische Schüler auch bei einem Fest in Deutschland nicht entkommen.

So, ich fasse mal zusammen, was mir so einfällt zu unserem nun abgereisten Schüleraustausch der vergangenen zwei Wochen, den ich schon in der letzten Kolumne kurz angesprochen hatte.

Unsere Kinder machten das zum ersten Mal. Noch dazu in so bewegten Zeiten ausgerechnet Austausch aus Israel. Heißt im Klartext, die vergangene Woche war dann sogar noch angefüllt mit der Sorge, ob die israelische Gruppe tatsächlich termingerecht Richtung Tel Aviv zurückfliegen kann – der Flughafen war ja zeitweilig gesperrt, weil die Kellerbastler der Hamas die Reichweite ihrer gefährlich ungenauen, düngemittelangetriebenen Selbstbausätze erhöht hatte. Die Raketenbauer des Schreckens hatten sich also brutalst in den Wahnsinn eingebastelt.

Als der Austausch in Planung war, war ich zunächst mal grundsätzlich skeptisch. Ein Familienleben mit vier Kindern kann unter Umständen für Außenstehende schon mal zum Kulturschock werden. Und dann ausgerechnet aus Israel, erschien mir noch als Steigerung des Unberechenbaren. Israel, Juden, Holocaust, gemeinsame KZ-Besuche – das klang für mich alles nach einem möglicherweise emotionalen Overkill, der so kurz vor dem Familienurlaub nach Norwegen eine anstrengende Sache werden dürfte.

Interview in der Synagoge

Gleich vorab gesagt: Der Austausch war für alle eine Bereicherung. Und sicher werden wir den jüngeren Kindern ebenfalls empfehlen, in den kommenden Jahren an diesem Programm teilzunehmen. Ich kann nicht sagen, wie das in anderen Städten aussieht, aber bei uns wird der Austausch schon lange auf besondere Weise professionell und menschlich glaubwürdig durchgeführt. Hier zeigt sich einmal auf positive Weise, dass sich Beamtentum und großes persönliches Engagement nicht ausschließen müssen. Der diesen Austausch quasi 24/7 begleitende Kollege beeindruckte nachhaltig nicht nur durch Sach- und Sprachkenntnis, sondern mit einer Art der Abholung, die beiden Seiten sehr gut tat.

Unsere Austauschschülerin kam irgendwann nachts an und traf auf das Ergebnis der ganzen nervösen Vorbereitungen der Wochen zuvor. Zimmer schön gemacht, noch einen Süßigkeitenteller hingestellt, die Tiefkühltruhe mit schweinlosen Fleischpaketen angefüllt und die Küche ausnahmsweise über das sonst für uns bereits erträgliche Maß hinaus durchgeputzt und gewienert.

Ich war vor Jahren einmal recht beklommen zu einem Interviewtermin angereist in die eindrucksvoll puristische, architektonisch nach innen gewandte Neue Synagoge in Dresden. Ich saß damals alleine auf diesen harten Holzbänken neben einem Überlebenden in dem Hauptraum dieser Synagoge und spulte so meinen Fragenkatalog herunter. Mehr las ich ihn ab, als dass es mir gelingen wollte, ins freie Gespräch zu finden. Irgendwann lächelte mich der Alte über die ganzen kompliziert theoretischen Fragen hinweg, die ich zudem recht nervös vortrug, an und meinte: „Ach wissen Sie Herr Wallasch, man muss einfach mal ein Bier zusammen trinken. Sich kennenlernen.“

Was so banal klang, mitten hinein gesprochen in diese große – an manchen Tagen so überpräsente – Düsternis, musste so etwas wie Weisheit sein. Keine, die durch intellektuelle Brillanz glänzt, sondern die ganz basisch auf individueller Lebenserfahrung basiert. Sie kennen das sicher selbst oder aus dem Fernsehen von Helmut Schmidt und Co, was Alte so sagen, klingt schon mal derart vereinfacht, dass man dazu neigen könnte, anzunehmen, Alter wäre auch Bremse davongaloppierenden Denkens. Aber das Gegenteil war hier wahr.

KZs sind kein Gesprächsthema

Und nun war es zwar kein Bier, das wir zwei Wochen lang mit unserer Austauschschülerin tranken, aber die Jugendlichen kamen sich näher. Und Tag für Tag konnte man mehr beobachten, wie Schranken fielen. Fremdes wurde Vertrautes. Erstaunlich war für mich, dass die Themen durchweg keinen Bezug zur deutsch-jüdischen Horrorgeschichte hatten. Und ich war mir dabei ziemlich sicher, dass diese Themen nicht verdrängt wurden, sondern einfach von solchen überlagert wurden, die junge Menschen weltweit beschäftigen: Das andere Geschlecht (klar, von mir aus: politisch korrekt auch: das gleiche), Party und … Party.

Die Ausflüge mit Familienanschluss an den Wochenenden in den Harz wurden zwar mit viel gutem Willen mitgenommen, aber es war in jeder Sekunde deutlich, dass Baden mit der Gastfamilie am einsamen Waldsee und Spaziergänge in die nähere Umgebung nicht gerade zu den Highlights gehörten, die sich deutsche und israelische Jugendliche bei ihrem Aufeinandertreffen vorgestellt haben.

Die besten Erinnerungen sind dann im „deutsch-israelischen“ Facebook nachzuschauen. Auf den Seiten neuer Freunde: Bilder von Jugendlichen unter sich. Fröhliche Gruppen in der Strandbar am innerstädtischen Fluss und Shopping-Fotos der Mädchen aus den Geschäften der nahen Großstadt. Die Besuche in den KZs und an den Mahnmalen wurden nicht thematisiert. Nicht, dass ich sagen könnte, die Jugendlichen seien davon nicht beeindruckt gewesen, aber es war einfach kein Gesprächsthema. Nachfragen wurden nicht abgebügelt, aber auch nicht aufgenommen.

Gaza-Konflikt im Bus

Das erste und einzige Mal, dass uns der aktuelle Konflikt einholte, war, als die Gruppe am späten Abend mit dem Bus von diesem wunderschön bunten Holi-Festival mit 12.000 ausgeflippten Jugendlichen zurückkam, buntbemehlt aus Tausenden Beuteln Holi-Farbe und wir einen merkwürdig aufgeregten Anruf aus eben diesem Bus bekamen, wir sollten doch bitte zur Bushaltestelle kommen und die Gruppe abholen.

Passiert war Folgendes: Diese Buslinie endet an einem der städtischen Asylantenheime – entsprechend zusammengesetzt dann auch die Mitfahrenden. Und irgendwie wurden da wohl ein paar Araber auf die Herkunft eines Teiles der Gruppe aufmerksam, die schon mal vom Englischen ins Hebräische wechselte, wenn die jungen Gäste etwas unter sich zu besprechen hatten, was die Araber nun sofort veranlasste, den aktuellen Gaza-Konflikt direkt im Bus mit den Austauschschülern besprechen zu wollen.

Eine der Schülerinnen war furchtbar am Zittern und Weinen und konnte sich kaum beruhigen. Sie war ohne Zweifel total geschockt. Hilflosigkeit bei mir. Ich entschuldigte mich wortreich und versuchte, irgendwelche lächerlich klingenden Erklärungen zu finden.

Die Sache beschwichtigen mochte ich dann allerdings auch nicht. Und auf einmal stimmte der Satz „Erfahrung macht klug“ auch nicht mehr. Diese negative Erfahrung unserer Gäste mitten in Deutschland machte aggressiv. Auch deshalb, weil sie keine schnellen Lösungen parat hält.

Und dann meint man unvermittelt diese besondere Verantwortung gegenüber diesen Nachfahren von Menschen zu spüren, die ausgerechnet Deutsche einmal industriell auszurotten versuchten. Dann wird einem für den Moment ohne jeden Zweifel klar: solange es dieses Deutschland noch gibt, solange wir die Vorzüge eines Nationalstaates für uns beanspruchen, haben wir die Pflicht zu diesem manchmal so schwierig zu generalisierenden Beistandsbekenntnis. Und zwar direkt am betonierten Gerechtigkeitsgefühl vorbei.

Abwesend: Zivilcourage

Fast ganz gleich, welche ehrenhafte Gerechtigkeit uns dabei im Wege steht. Und sogar fast ganz gleich, welche Horrorszenarien möglicherweise auch israelische politische und militärische Entscheidungen im Gazastreifen produzieren. Diese Sicht der Dinge muss immer Vorrang behalten. Und das tat sie eben nicht, als in Berlin vornehmlich Migranten gegen Juden hetzten und das tat sie nicht, als unsere Gäste aus Israel wegen ihrer Herkunft im Bus von in Deutschland Asyl suchenden Arabern angepöbelt wurden.

Die Gauck’sche „Zivilcourage“ übrigens, die auf die Gauck’sche „Bereicherung“ folgte, die auf die Gauck’sche „Tschüss Deutschland“-Fantasie folgte, griff hier nicht, denn im Bus gab es um 23:30 Uhr bis auf eines unserer Kinder keine Deutschen, die hätten Zivilcourage ausüben können. Selbst der Busfahrer hatte Migrationshintergrund und war anscheinend ebenfalls nicht genug eingebrieft, was der Oberdeutsche Gauck aktuell von ihm erwartet. Aber wer will es ihm verübeln? Denn das weiß der Bundespräsident selber nicht genau.

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